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30.10.2024 :
Pressespiegel überregional
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Übersicht:
Welt Online, 30.10.2024:
Berlin / Israelfreundliche Kneipe im Visier von Angreifern
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Welt Online, 30.10.2024:
Berlin / Israelfreundliche Kneipe im Visier von Angreifern
Von Kevin Culinam Redakteur Innenpolitik
Die "Programmschänke Bajszel" in Berlin-Neukölln wird erneut zum Ziel mutmaßlich israelfeindlicher Aktivisten. Die linke Kneipe ist Ort für Veranstaltungen gegen Antisemitismus und steht seit Monaten im Visier von Hamas-Anhängern - die Betreiber wünschen sich mehr Polizeipräsenz.
Noch zwei Gäste hätten am Tresen vor Andrea Reinhardt gesessen, als sie einen "superlauten dumpfen Knall" in ihrer Kneipe gehört habe. Um kurz nach 3 Uhr in der Nacht zum Mittwoch wurde die "Programmschänke Bajszel" in Berlin-Neukölln mit einem Pflasterstein beworfen, das Sicherheitsglas zieren große Risse. "Wir sind gleich rausgegangen, aber haben niemanden mehr gesehen", sagt Reinhardt am Mittwochmorgen. Nur ein Pflasterstein lag vor dem Fenster - gleich neben den Rußspuren des vorigen Angriffs auf die Kneipe.
Das "Bajszel" ist seit Monaten Zielscheibe von Israel-Feinden und Anhängern der palästinensischen Terrororganisation Hamas. Die linke Kneipe veranstaltet regelmäßig Vorträge über Antisemitismus, versteht sich als israelfreundlich. Seit Monaten werden rote Dreiecke, die von der Hamas zur Markierung von Anschlagszielen genutzt wird, Hamas-Huldigungen oder israelfeindliche Parolen an die Hausfassade gemalt. Ende September eskalierte die Bedrohungslage: Ein Brandsatz wurde an die Scheibe gestellt, nachdem zuvor vergeblich versucht worden war, die Glasfront zu zerstören. Das Türschloss wurde sogar mit Klebstoff verschlossen. Die Betreiberinnen des "Bajszel" sprachen von einem Mordversuch, denn zum Tatzeitpunkt befand sich noch ein Mitarbeiter im Laden.
Der Fall löste bundesweite Empörung über die Gewalt-Offenheit israelfeindlicher Aktivisten sowie eine Welle der Solidarität mit dem "Bajszel" aus. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik sprach in "Welt" zuletzt von einer kaum zu bewerkstelligenden Belastung für die Polizei durch antiisraelische Proteste und den tagtäglichen Schutz von rund 160 israelischen und jüdischen Orten vor Anschlägen in der Hauptstadt.
Die Bedrohungen nehmen auch nach dem Brandanschlag nicht ab, berichtet Reinhardt, eine der drei Betreiberinnen. Selbst in der Nacht zum Mittwoch sei ein neues rotes Dreieck an der Hauswand entdeckt worden. "Die Angriffe kamen bisher nur auf die Fassade, neuerdings kommen die Täter vermehrt auch in die Kneipe - und beschmieren die Toilette. Die Leute haben wir oft schnell bemerkt", sagt Reinhardt "Welt". Auch ein Symbol der rechtsextremen Identitären Bewegung haben man mehrfach entdeckt.
Nach dem Brandanschlag im September fährt eine Polizeistreife die Kneipe an. In unregelmäßigen Abständen steht das Auto vor der Tür. Reinhardt zufolge reicht das nicht mehr. "Wenn die Polizei vor der Tür steht, sind wir sicher. Sobald sie weg ist, sind wir in Gefahr." Das Sicherheitsgefühl erhöhten die derzeitigen Polizei-Maßnahmen nicht. "Manchmal sehe ich stundenlang kein Auto."
Die Berliner Polizei äußert sich zu ihrer aktuellen Einschätzung des Bedrohungsszenarios nicht. Landeskriminalamt und Staatsschutz befänden sich aber in regelmäßigem Austausch mit den Betreibern, sagt Polizeisprecher Martin Halweg. Man arbeite kontinuierlich an der Gefährdungsbewertung für jüdische, israelische und ähnlich bedrohte Orte - und passe die Maßnahmen entsprechend an.
Zum neuerlichen Angriff teilt die Polizei mit: Eine "bislang noch unbekannte Person" habe "einen Kleinpflasterstein gegen ein Schaufenster der Lokalität, welches dadurch beschädigt wurde", geschmissen. Eine politische Motivation könne man nicht ausschließen, deswegen übernehme der Staatsschutz die Ermittlungen zur Sachbeschädigung. "Bislang sind keine Tatverdächtigen bekannt, es gibt im Moment noch keine Zeugenaussagen oder -hinweise", sagt Halweg "Welt".
Betreiberin Reinhardt wünscht sich hingegen deutlich mehr Polizeipräsenz. "Wir brauchen mehr Schutz, am besten permanente Zivilstreife", sagt sie. Bis dahin behielten die Betreiberinnen während des Kneipenbetriebs selbst ein Auge auf die Umgebung. "Wir sind im Moment stets wachsam, falls es erneute Angriffe gibt."
Bildunterschrift: Fensterscheibe der "Programmschänke Bajszel" in Berlin-Neukölln.
Bildunterschrift: Foto der Fensterfront des "Bajszel" am frühen Mittwochmorgen.
Bildunterschrift: Hamas-Dreieck an der Eingangstür.
Bildunterschrift: Feindmarkierung Anfang Oktober: "Dieser Ort gehört Zionisten".
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