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Lippische Landes-Zeitung , 18.10.2024 :

Am 18. Oktober stirbt Familie Frenkel im KZ

Vor 80 Jahren wurde fast die ganze Familie in Auschwitz ermordet / Die Überlebende Karla Raveh schreibt in ihrem Buch von den letzten gemeinsamen Stunden / Es sind tief berührende Zeilen / Die Stadt bietet am 18. Oktober einen besonderen Rundgang an

Fabian Schröder

Lemgo. "Am 16. Oktober (1944) schlug der Blitz mit grausamster Kraft bei uns ein. Meine lieben Eltern, meine lieben kleinen Brüder und meine besten Freunde waren auf der Transportliste (nach Auschwitz)", schreibt Karla Raveh (geb. Frenkel) in ihrem Buch "Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo" (1986). Sie und ihre Familie waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwei Jahren im Ghetto / Konzentrationslager Theresienstadt gefangen, in das sie im Sommer 1942 aus Lemgo über Bielefeld verschleppt worden waren. Der Transport kam am 18. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau an. Vermutlich starb die Familie kurz nach der Ankunft in der Gaskammer.

Ihre Familie - das waren zu diesem Zeitpunkt ihr Vater Walter Frenkel (47 Jahre alt), ihre Mutter Herta Frenkel (43), ihre große Schwester Helga (19), ihre kleinen Brüder Ludwig (10) und Uriel (3) sowie ihre Großmutter Helene Rosenberg (66). Ihre andere Großmutter Laura Frenkel war bereits am 1. November 1942 im Alter von 75 Jahren in Theresienstadt bei menschenunwürdigen Zuständen verstorben. Karla Frenkel selbst war im Oktober 1944 17 Jahre alt.

"Dass dies zum "Endlösungs-Programm" gehörte, verstanden wir nicht!" Damit bezieht sich Karla Raveh auf den menschenverachtenden, nationalsozialistischen Begriff der "Endlösung der Judenfrage". Eine beschönigende Formulierung, die den grausamen Plan des NS-Regimes vorsah, alle europäischen Jüdinnen und Juden zu ermorden.

Den Ausführungen Karla Ravehs zufolge belastete die Familie am meisten, dass sie auseinander gerissen wurde. Helene Rosenberg sowie die beiden Schwestern Helga und Karla Frenkel sollten in Theresienstadt zurückbleiben, doch "(Helga) wollte unbedingt zusammen mit den Eltern im Transport verschickt werden. Sie sagte mir, als ich sie bat, doch bei mir zu bleiben: "Die Eltern brauchen mich!"." So flehten sie gemeinsam darum, Helga Frenkel mit auf die Liste zu nehmen, was ihnen auch gelang.

"Sie fuhren erst am nächsten Tag ab. In der letzten Nacht lagen wir auf dem nackten Fußboden, meine Mutter legte ihren Arm unter meinen Kopf; dies sollte das letzte Mal sein, daß ich in ihren Armen lag, aber das wußten wir nicht; vielleicht ahnte es meine Mutter. Sie weinte sehr ( …)." Die Familie überlegte noch kurz, den kleinen Uriel in Theresienstadt zu belassen, doch dies war laut Karla Frenkels Aufzeichnungen nur ein Gedankenspiel. Eine Trennung von seinen Eltern kam nicht in Frage.

"Am nächsten Morgen ging die Verladung los. Es war ein tieftrauriger Abschied, unsere Herzen waren schwer, wir bemühten uns, stark zu sein, keiner wollte es dem anderen noch schwerer machen! ( … ) Am Ausgangstor zur Rampe wurden ihre Namen und Transportnummern abgestrichen, da gingen sie nun auf Nimmerwiedersehen, damals wusste ich das nur noch nicht."

Der Transport kam am 18. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau an. Da sich dort die Spur der Familie verliert, ging Karla Raveh Zeit ihres Lebens davon aus, dass dies der Todestag ihrer Eltern und Geschwister ist. Es ist wahrscheinlich, dass die Ermordung in einer der Gaskammern im Vernichtungslager unmittelbar nach der Ankunft erfolgte.

Aus der Familie Frenkel überlebten nur Karla Frenkel, nachdem auch sie noch in unterschiedlichen Lagern - auch in Auschwitz - für den Arbeitseinsatz missbraucht wurde sowie ihre Großmutter Helene Rosenberg, die im Zuge eines seltenen Freikaufs von Gefangenen vor Kriegsende in die Schweiz gelangte.

Karla Raveh ist es zu verdanken, dass die Geschichte ihrer Familie erzählt werden kann und Bilder von ihnen existieren. Sie schrieb 1986 nach intensivem Austausch mit der Lemgoer Lehrerin Hanne Pohlmann das Buch "Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo" und engagierte sich bis zu ihrem Tod 2017 als Zeitzeugin in Lemgo. Ihre Zeilen ermöglichen eine Vorstellung von den letzten Lebenstagen der ermordeten Lemgoer Bürger Herta, Walter, Helga, Ludwig und Uriel Frenkel.

Am Freitag, 18. Oktober, um 15 Uhr bietet die Gedenkstätte Frenkel-Haus einen Rundgang "Auf den Spuren der Familie Frenkel" an. Treffpunkt ist am Museum Hexenbürgermeisterhaus. Eine Anmeldung ist nicht notwendig - der Rundgang ist kostenfrei.

Bildunterschrift: Familienfeier 1938: Auf dem Foto sind Herta Frenkel (ganz links stehend), Walter Frenkel (ganz links sitzend), Helga Frenkel (hintere Reihe links stehend), Karla Frenkel (sitzend, unterste Reihe mittig), wahrscheinlich Helene Rosenberg (sitzend, mittig hinter Karla Frenkel) und Laura Frenkel (sitzend, untere Reihe, Dritte von rechts) zu sehen.

Bildunterschrift: Helene Rosenberg mit Uriel Frenkel. Das Foto stammt aus dem Jahr 1941.

Bildunterschrift: Der kleine Ludwig Frenkel 1934.

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Am frühen Morgen des 27. Mai 2017 verstarb die Holocaust-Überlebende Karla Raveh - geborene Frenkel, (am 15. Mai 1927) - aus Kirjat Tiw’on in Israel - in ihrer Geburtsstadt Lemgo - deren Ehrenbürgerin sie ist.

Am 28. Juli 1942 wurde die Familie Frenkel - Laura, Herta, Walter, Karla (Raveh), Helga, Ludwig und Uriel, wie die Großmutter Helene Rosenberg, aus Lemgo, über Bielefeld in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Am 28. Juli 1942 wurde Adolf Sternheim - Vorsteher der Lemgoer Synagogengemeinde - mit seiner Frau - sowie weiteren 20 jüdischen Bürgerinnen, Bürgern Lemgos - über Bielefeld nach Theresienstadt deportiert.

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www.museen-lemgo.de/frenkelhaus/die-familie-frenkel/die-geschichte-der-juedischen-familie-frenkel-in-lemgo

www.museen-lemgo.de/frenkelhaus/die-familie-frenkel/karla-raveh-1927-2017-holocaust-ueberlebende-und-zeitzeugin

www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/k-l/1181-lemgo-nordrhein-westfalen


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