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Lippische Landes-Zeitung ,
16.10.2024 :
Die Macht der Macht-Wächter
Jonathan Sachse, Mitbegründer des Recherchenetzwerks Correctiv, berichtet auf Einladung der LZ und der VHS Detmold-Lemgo von den investigativen Recherchen zum berüchtigten Treffen der AfD in Potsdam und den Folgen
Marianne Schwarzer
Kreis Lippe. "Geheimplan gegen Deutschland": Ein Ruck ging durchs Land, als im Januar das Recherchenetzwerk Correctiv seinen Enthüllungsbericht über das November-Treffen hochrangiger AfD-Politiker und Neonazis bei Potsdam unter dieser Überschrift veröffentlicht hat. Die Empörung und Erschütterung über die so genannten Remigrations-Pläne der Neuen Rechten trieben in der Folge Tausende Menschen auch in Lippe auf die Straße, um für Demokratie und Freiheit zu demonstrieren.
Auf seinem Weg vom Hotel in die Detmolder Stadthalle zu einer weiteren Veranstaltungsfolge der "Macht-Wächter" von LZ und der VHS Detmold-Lemgo kommt Gastredner Jonathan Sachse, Chef von Correctiv.Lokal, an der Mahnwache auf dem Detmolder Marktplatz vorbei: Montag für Montag stehen hier Aktivisten, um gegen rechte Umtriebe und für Demokratie ein Zeichen zu setzen. "Das hat mich sehr gefreut", wird der Gast aus Berlin es später in der Halle kommentieren.
Er zeigt sich überrascht: Knapp 200 Menschen interessieren sich an diesem Abend für den investigativen Journalismus und wollen ihn als Mitbegründer von Correctiv im Gespräch mit LZ-Chefredakteur Dirk Baldus und der Leiterin der VHS Detmold-Lemgo, Claudia Biehahn, hören.
Desinformation
Dabei ist es genau das, worum es bei Correctiv vorrangig geht: die Stärkung der Demokratie und den Kampf gegen Desinformation. Ein Mittel und Schwerpunkt ist investigativer Journalismus, also eine intensive Recherche, in die viel Zeit und Ressourcen fließen. Strukturelle Missstände aufzudecken, Lügen und Fake News zu entlarven, das sind die Ziele: "Darum ist die digitale Zusammenarbeit mit anderen so wichtig. Denn unser Gegner ist in den vergangenen Jahren immer mächtiger geworden", betont Sachse. Beispielsweise Russland überziehe die Welt mit Desinformationen, um andere Länder zu destabilisieren: "Es gibt Trollfabriken, die alle miteinander vernetzt sind, das ist ein gigantisches Problem."
Populismus
Die AfD habe sehr viel früher als alle etablierten Parteien erkannt, wie wertvoll Soziale Netzwerke für die Beeinflussung von Menschen sind. Sie habe sich mit ihrer professionellen Infrastruktur einen ungeheuren Vorsprung gegenüber den anderen verschafft. "Populismus ist in den Sozialen Medien viel leichter zu verkaufen", sagt Sachse. Lügen zu verbreiten nach dem Trump-Prinzip sowieso. Dem mit Faktenchecks zu begegnen, in einer Zeit, da Journalisten nicht mehr die alleinigen "Gatekeeper" für Informationen sind, dagegen deutlich schwieriger.
Doch an manche Information kommt man eben nur mit investigativen Recherchen - wie bei dem berüchtigten Treffen bei Potsdam. Obwohl: "Die Veröffentlichung des Berichtes hat polarisiert", führt Dirk Baldus ins Thema ein. "Auch uns als Einladende ist das sehr schnell deutlich geworden. Selten haben wir so viele empörte Reaktionen von Lesern bekommen, als wir zu diesem Abend eingeladen haben. Tenor: Wenn es jetzt Marschroute der LZ ist, so wie Correctiv zu arbeiten, kündigen wir unser Abonnement." Dabei sieht er die Arbeit an einigen Stellen durchaus kritisch, wie sich im Verlauf des Abends zeigen soll.
Die Recherche
Doch wie kam es zu der Potsdam-Recherche? Am Anfang stand eine Einladung, die Correctiv zugespielt worden sei, berichtet Jonathan Sachse. Er habe nicht selbst an der konkreten Recherche teilgenommen, aber er war im Team, als es darum ging, was denn nun mit den Erkenntnissen geschehen sollte, also sehr nah dran. "Wir konnten schon den Formulierungen in der Einladung entnehmen, dass hier etwas Größeres im Gange war."
Correctiv habe sich für die Recherche mit "Greenpeace investigativ" vernetzt. "Als wir erst mal den Ort hatten (das Landhaus Adlon, eine Villa am Lehnitzsee nicht weit von Potsdam, Anmerkung der Redaktion), haben wir mehrere Transporter an verschiedenen Stellen postiert und ein Saunaboot gemietet." An einigen Punkten waren verdeckt Kameras installiert, und die Redaktion habe einen verkleideten Undercover-Reporter ins Hotel geschickt, der unter anderem Umschläge mit Namen der Konferenzteilnehmer abfilmen konnte. "Am Ende hatten wir Unmengen Gigabyte an Material", erzählt der Correctiv-Mitbegründer. Bei der Auswertung habe sich das Team datenjournalistische Expertise dazu geholt, abgefilmte Gesichter wurden mit Bildern im Netz und in Archiven verglichen, bis die Personen identifiziert und zugeordnet waren. Überdies dienten Nummernschilder geparkter Autos der Identifizierung, "da konnten uns Lokaljournalisten weiterhelfen". Dann die Klärung: Welche Personen sind tatsächlich von öffentlichem Interesse und gehören am Ende in den Bericht? "Wir haben sehr viele Namen veröffentlicht, aber auch einige nicht."
Kritik
Wie sollte Correctiv mit der Kernaussage, dem Masterplan, möglichst viele Menschen aus Deutschland zu vertreiben, umgehen? "Wir fragten uns: Wie erzählen wir das?" Am Ende stand dann jener Bericht, der einerseits eine wahre Volksbewegung für Demokratie auf die Plätze in ganz Deutschland hervorrief, andererseits aber umstritten ist.
Auch bei LZ-Chefredakteur Dirk Baldus wirft er Fragen auf: "Ich habe den Bericht drei Mal gelesen, und ich finde es auch nicht leicht, als Journalist Kritik daran zu üben, weil es uns ja um die Wahrung der Demokratie geht", gesteht er. "Aber für mich ist das eine viel zu starke Vermischung von Meinung und Bericht. Einige Passagen hätte ich einem Volontär in unserem Hause um die Ohren gehauen. Für mich ist die Faktenlage einfach zu dünn." Ein Vorbehalt, den Gastredner Sachse nachvollziehen kann, aber: "Ich kenne nun mal alle Fakten, und einige davon konnten wir nicht veröffentlichen, um unsere Quellen zu schützen. Es hat genauso stattgefunden, wie wir es berichtet haben."
Baldus gibt sich nicht zufrieden, stößt sich vor allem an einer Passage im Correctiv-Bericht. Hier heißt es: "Eine Idee ist dabei auch ein "Musterstaat" in Nordafrika. Sellner (gemeint ist Martin Sellner, ein rechtsextremer Aktivist aus Österreich) erklärt, in solch einem Gebiet könnten bis zu zwei Millionen Menschen leben. Dann habe man einen Ort, wo man Leute "hinbewegen" könne. Dort gebe es die Möglichkeit für Ausbildungen und Sport. Und alle, die sich für Geflüchtete einsetzten, könnten auch dorthin.
Was Sellner entwirft, erinnert an eine alte Idee: 1940 planten die Nationalsozialisten, vier Millionen Juden auf die Insel Madagaskar zu deportieren. Unklar ist, ob Sellner die historische Parallele im Kopf hat."
"Diese Parallele zur von den Nationalsozialisten ursprünglich geplanten Deportation der Juden nach Madagaskar zu ziehen, wäre in diesem Zusammenhang nicht nötig gewesen", kritisiert Baldus, hier sehe er die Vermischung. "Ist das hier nicht Haltungs-Journalismus?"
Sachse sieht das nicht so, für ihn ist bei der journalistischen Arbeit die innere Haltung nicht wegzudenken, die jeder Journalist hat. Das sei ein Unterschied zum Meinungs-Journalismus. Doch die Parallele in diesem Fall zu ziehen, sei unabdingbar gewesen: "Wir schreiben ja nicht: Es wurde über Deportation gesprochen. Wir haben lediglich den Vergleich geführt, und wir nennen es Vertreibung."
Baldus zitiert auch eine Rezension aus Übermedien, einem Online-Magazin für Medienkritik: "Richtig ist: Der Text ist misslungen, das Verhalten von Correctiv nach der Veröffentlichung fragwürdig und die Berichterstattung vieler Medien eine Katastrophe. Richtig ist auch: Die Proteste, die der Artikel ausgelöst hat, sind gut und wichtig. Er hat viele Menschen alarmiert, die sich zu Recht über die Verbindungen zwischen bürgerlichen Kreisen und dem rechten Rand sorgen." "Wie geht Correctiv damit um?" Das will der LZ-Chefredakteur wissen.
"Wir nehmen diese Kritik sehr ernst", antwortet Jonathan Sachse. Geärgert habe sich Correctiv lediglich darüber, dass Übermedien mit der Veröffentlichung erst ein halbes Jahr später herausgerückt sei, als es um die Verleihung eines Preises gegangen sei.
Die Lehren
Correctiv sei nach der Veröffentlichung des Potsdam-Berichtes im Januar mit diversen Klagen überzogen worden - wenn auch mit mäßigem Erfolg. "Alle natürlich mit dem Ziel, dass die Überschrift lautet: "Correctiv muss sich korrigieren"." In den Wochen nach der Veröffentlichung hätten den Reportern überdies des Öfteren politische Gegner vor der Redaktion aufgelauert.
Dass der Bericht so viele Menschen für die Demokratie mobilisieren würde, habe bei Correctiv niemand geahnt, darauf sei keiner vorbereitet gewesen. "Sonst hätten wir schon im Vorfeld überlegt: Wie kommen wir mit den Menschen vor Ort ins Gespräch?" Und genau deshalb seien Veranstaltungen wie die "Macht-Wächter"-Reihe von LZ und VHS Detmold-Lemgo so wichtig. "Wir müssen immer noch transparenter werden, wenn wir als Medien bestehen wollen."
Sie erreichen die Autorin unter Mschwarzer.de.
Bildunterschrift: Das Interesse an der Macht-Wächter-Ausgabe mit Jonathan Sachse vom Recherchenetzwerk Correctiv war groß: Es erwies sich als goldrichtig, die Veranstaltung vom kleinen in den großen Saal der Stadthalle umzuziehen.
Bildunterschrift: Jonathan Sachse (Mitte) stellte sich den durchaus kritischen Fragen von LZ-Chefredakteur Dirk Baldus und Claudia Biehahn von der Volkshochschule Detmold-Lemgo.
Correctiv
Die "Correctiv - Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH" wurde vor elf Jahren von dem Journalisten David Schraven und einigen Mitstreitern, darunter Jonathan Sachse, gegründet und hat ihren Hauptsitz in Essen, aber auch eine Niederlassung in Berlin. Dazu kommt noch eine nicht gemeinnützige, kommerzielle Tochter, über die beispielsweise Bücher vertrieben werden.
Die Finanzierung des Recherche-Netzwerkes mit insgesamt 120 Mitarbeitern funktioniert über Spenden, institutionelle Förderung wie etwa über Stiftungen oder projektbezogen über das Kulturministerium, sowie Einnahmen aus der kommerziellen Tochter.
Ein wichtiges Anliegen ist auch die Bildungsarbeit: So gehören auch eine Online-Akademie mit der Reporterfabrik und der Bürgerakademie sowie eine Jugendredaktion dazu.
Correctiv.Lokal unter der Leitung von Jonathan Sachse vernetzt über 7.000 Lokaljournalisten, darunter auch LZ-Redakteure, und versorgt sie beispielsweise mit Daten als Grundlage für eigene, lokale Recherchen.
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- Montag, 14. Oktober 2024 von 19.00 bis 20.30 Uhr -
Vortrag von Jonathan Sachse, Mitbegründer des Recherchenetzwerks "Correctiv"
Veranstaltungsort:
Stadthalle Detmold
Schlossplatz 7
Kleiner Sitzungssaal
32756 Detmold
www.stadthalle-detmold.de
Im November 2023 kamen extrem rechte Politikerinnen / Politiker, Neonazis und Unternehmerinnen / Unternehmer in einem Hotel bei Potsdam zusammen, um die Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland zu planen. Ein geheimes Treffen, das nicht geheim blieb, weil Journalistinnen / Journalisten des Recherche-Zentrums "Correctiv" es offenlegten.
Jonathan Sachse ist einer der Gründer von "Correctiv". Im Gespräch erzählt er, wie
www.correctiv.org
bei der Potsdam-Recherche vorgegangen ist, wie investigativer Journalismus funktioniert.
Veranstalterinnen: Volkshochschule Detmold-Lemgo und Lippische Landes-Zeitung.
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Am 14. Oktober 2024 referierte Jonathan Sachse - Mitbegründer des Recherchenetzwerks "Correctiv" - auf Einladung von VHS / "Lippische Landes-Zeitung" in Detmold - wie investigativer Journalismus funktioniert.
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www.correctiv.org
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