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Lippische Landes-Zeitung Online , 16.10.2024 :

Das hat Extertals Archivar über die ehemalige Synagoge in Bösingfeld herausgefunden

16.10.2024 - 11.29 Uhr

Extertal-Bösingfeld. 200 Jahre ist es her, dass in Bösingfeld eine Synagoge eingeweiht wurde. Ein Ereignis, das die LZ-Redaktion zum Anlass genommen hat, Gemeinde-Archivar Wulf Daneyko zu bitten, mal in alten Unterlagen und Fotos zu stöbern. Herausgekommen ist dabei eine Zeitreise, die nicht nur einen Blick zurück auf das 1988 abgerissene Gebäude wirft, sondern auch auf jüdisches Leben in Bösingfeld im Allgemeinen.

Das ist nämlich schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts bezeugt, schreibt Daneyko. Seither hätten Christen und Juden hier mehr oder weniger friedlich zusammengelebt. Häufiger sei es zwischen den jüdischen Kleinhändlern und Nichtjuden allerdings zu Streitigkeiten über getätigte Handelsgeschäfte gekommen. Viele Jahre lang hätten die sieben jüdischen Familien eine kleine Kammer als Betraum genutzt, die sie im Haus des Juden Herz Danneberg für acht Reichstaler gemietet hatten. Das sei auf Dauer nicht mehr tragbar gewesen, weil das Haus völlig baufällig geworden sei.

Und so kaufte die Bösingfelder Judenschaft 1821 von Johann Friedrich Korf das ebenfalls verfallene Haus Nummer 74 für 160 Reichstaler. "Sie wollten hier ein neues Haus für ihre Synagoge bauen", schreibt der Gemeinde-Archivar. Da sie selbst nicht wohlhabend waren und "verdienstlose Zeiten" herrschten, konnten die örtlichen Juden jedoch nicht auch noch das gesamte Geld für den Bau eines neuen Hauses aufbringen. So hätten sie die Erlaubnis der Fürstlich Lippischen Rentkammer erhalten, weitere Gelder über eine Kollekte bei den Glaubensbrüdern in und außerhalb Lippes einzusammeln. 200 Reichstaler brachte das ein. Da die Bösingfelder Juden bereits 550 Reichstaler Schulden machten und die Kollekte für die Fertigstellung des Hauses auch noch nicht ausreichte, stellten sie Unterstützungsgesuche an die Fürstlich Lippische Regierung.

Fachwerkhaus brennt 1901 nieder

Das erworbene Gebäude Nummer 74 von Johann Friedrich Korf gehörte zu den 140 Häusern, die bereits 1756 im Flecken standen, als ein Ortsplan erstellt wurde und die Häuser durchnummeriert wurden, schreibt Wulf Daneyko weiter. Um das Jahr 1786 seien diese Nummern in Bösingfeld offiziell als Hausnummer eingeführt worden. Das Haus wurde auch "Rehmsche Straßenkötterstätte" genannt, da dort viele Jahre die Familie Rehm lebten. Die Adresse Bösingfeld Nummer 74 wurde später Südstraße 8 und ist nach der Straßenumbenennung dieses Teilstücks der Südstraße im Jahre 1991 heute die Hummerbrucher Straße 5.

Bis zur endgültigen Fertigstellung des neuen Synagogen-Hauses musste die Jüdische Gemeinde mangels Räumlichkeiten für kurze Zeit ihre Gottesdienste im Hause des Juden Weinberg abhalten. Im August 1824 konnte die neue Synagoge schließlich eingeweiht werden. 1901 brannte das Fachwerkhaus, in dem sich die Synagoge befand, allerdings völlig nieder, dokumentiert Daneyko. An gleicher Stelle wurde von der Jüdischen Gemeinde eine neue Synagoge aus massiven Ziegelsteinen errichtet und bereits am 2. September 1903 eingeweiht. In dem Haus waren auch die jüdische Schule und eine Lehrerwohnung untergebracht.

Obwohl die christlichen und jüdischen Bürger Jahrhunderte lang weitgehend friedlich zusammenlebten, kam es bereits seit Beginn der 1920er-Jahre zu wachsender antisemitischer Propaganda und zu offenen Feindseligkeiten gegen Juden. Um 1930 besaß Bösingfeld eine zwar überalterte, aber dennoch lebendige jüdische Gemeinschaft. Seit 1916 war der Kaufmann David Kleeberg Vorsteher der Synagogengemeinde, die eine Synagoge und einen Friedhof an der Bahnhofstraße unterhielten. Mittlerweile wurden auch die Silixer und Alverdisser Judenschaften angegliedert.

Viele Angriffe auf Juden in Bösingfeld

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann die systematische Verfolgung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Schon im März 1933 wurden von der SA jüdische Geschäfte boykottiert und jüdischen Familien terrorisiert, schreibt der Archivar. Die Übergriffe auf die Juden waren in Bösingfeld weit ausgeprägter als in anderen lippischen Gemeinden gewesen. Während der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die nur 50 Meter von der evangelischen Kirche entfernt liegende jüdische Synagoge in der Südstraße geplündert und zerstört. Der organisierte Nazi-Mob der SA zerschlug die Fenster und verbrannte das gesamte Inventar der Synagoge und der Lehrerwohnung auf der Straße.

Im Rahmen der "Arisierung" wurde das Synagogen-Gebäude schon am 31. Januar 1939 an den Kaufmann Wilhelm Lambrecht verkauft. Er renovierte das Gebäude und baute es massiv um. Der Turm auf dem Dach wurde abgenommen, das große Bogentor des Eingangs entfernt und das große Bogenfenster an der Südseite verkleinert. In den Gebetsräumen wurden seither Waren gelagert und durch eine eingezogene Decke in dem hohen Innenraum ist darüber eine weitere Wohnung entstanden.

1988 wird das Gebäude abgerissen

Bei Kriegsende 1945 gab es nach der Verfolgung und dem Holocaust in Bösingfeld keine Juden mehr. Mindestens 28 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde wurden in den Konzentrationslagern umgebracht. Nur einige wenige konnten rechtzeitig vor den Nazis ins Ausland fliehen. Ein viel beachtetes Schüler-Projekt der Realschule arbeitete seit den 1980er-Jahren die Juden-Verfolgung im Heimatort auf. Im November 2003 wurde unterhalb der ehemaligen Synagoge am Südhagen ein von Schülern entworfenes Mahnmal eingeweiht. Damit wird an das Schicksal der einstigen jüdischen Mitbürger im Extertal erinnert. Im Sommer 1988 folgte schließlich der Abriss des alten Synagogen-Gebäudes und es wurde an dieser Stelle der Neubau eines Geschäftshauses realisiert. Bilder des 1901 abgebrannten Fachwerkhauses existieren im Archiv übrigens nicht.

Bildunterschrift: Südseite der Synagoge nach der Zerstörung von 1938. Die Scheiben sind noch zertrümmert. Das Foto stammt aus dem Frühjahr 1939.

Bildunterschrift: Bösingfeld von Süden betrachtet (Hummerbrucher Straße). Am linken Bildrand ist die Synagoge mit dem Türmchen auf den Dach und dem großen Bogenfenster zu erkennen.

Bildunterschrift: Nach der Zerstörung der Synagoge wurde das Innere des Gebäudes von der Firma Lambrecht als Lagerraum genutzt. Das Bild stammt ungefähr aus den 1950er Jahren.

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Lippische Landes-Zeitung Online, 26.06.2024:

Jüdisches Denkmal in Extertal mit antisemitischen Parolen beschmiert

26.06.2024 - 16.39 Uhr

Lorraine Brinkmann

Extertal-Bösingfeld. Seit 2003 erinnert eine Gedenkstätte an der ehemaligen Synagoge am Südhagenweg in Bösingfeld an die Schicksale von Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs. Jetzt wurde es mit antisemitischen Schriftzügen beschmiert, darunter spiegelverkehrte Hakenkreuze und juden- und ausländerfeindliche Parolen. Der Vorfall wurde der Polizei bereits Ende Mai gemeldet und von dort aus den Staatsschutz in Bielefeld weitergegeben, heißt es von der Polizei Bielefeld auf Nachfrage.

Ein Verursacher konnte im Rahmen der Ermittlungen allerdings nicht ermittelt werden. Der Fall wurde daraufhin an die Staatsanwaltschaft in Detmold übergeben.

Die Gedenkstätte wurde am 9. November 2003 eingeweiht. Der Entwurf stammte von Schülerinnen und Schülern der damaligen Realschule, die diesen im Kunstunterricht erarbeitet hatten.

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Polizei Lippe, 17.11.2003:

Gemeinschädliche Sachbeschädigung in Bösingfeld aufgeklärt

Extertal-Bösingfeld/Bielefeld. Aufgrund intensiver Ermittlungen und gezielter Hinweise aus der Bevölkerung gelang es den Ermittlern des Staatsschutzes des Polizeipräsidiums Bielefeld, die Sachbeschädigung an dem Mahnmal in Bösingfeld (wir berichteten ausführlich am 5. November) aufzuklären. Ein 15-jähriger Schüler aus Bösingfeld hat am Abend des 4. November die Gedenksteine aus den Verankerungen gerissen und umgeworfen. Eine politische Motivation oder ein rechtsextremistischer Hintergrund sind auszuschließen, zumal dem Jugendlichen offensichtlich nicht bekannt war, dass es sich bei den Gedenksteinen um ein jüdisches Mahnmal handelt. Zur Tatzeit trugen die Steine noch keine Inschriften, so dass im vorliegenden Fall von jugendlichem Vandalismus auszugehen ist.

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Lippische Landes-Zeitung, 08./09.11.2003:

500 Euro Belohnung für Hinweise auf Täter

Zerstörung der Bösingfelder Gedenkstätte

Extertal-Bösingfeld (te). Der Bielefelder Staatsschutz sucht in Bösingfeld nach den Zerstörern der Synagogen-Gedenkstätte am Südhagenweg. Eine Gruppe Jugendlicher soll in der Tatnacht gesehen worden sein. Inzwischen ist eine Belohnung für Hinweise, die zur Ermittlung der Täter führen, ausgesetzt worden.

Gestern verteilten Polizeibeamte des Staatsschutzes Bielefeld in Bösingfeld Flugblätter, in denen sie die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach den Tätern bitten. Neue Erkenntnisse zum Hintergrund der Tat gebe es bisher nicht, hieß es bei der Bielefelder Polizei. Wie Bürgermeister Hans Hoppenberg wissen ließ, sei eine Gruppe Jugendlicher in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in der Nähe des Mahnmals gesehen worden. In dieser Nacht war das zu dieser Zeit noch nicht fertiggestellte Mahnmal zerstört worden. Außerdem gingen eine Ruhebank und eine Schaufensterscheibe zu Bruch.

Ein Extertaler Ratsherr hat jetzt 500 Euro Belohnung für Hinweise ausgelobt, die zur Ermittlung der Täter führen. Hinweise nehmen die Polizei in Detmold, (05231) 6090, oder in Bielefeld, (0521) 5450, entgegen.

Die inzwischen wieder errichtete Gedenkstätte - ein Entwurf Bösingfelder Schüler - soll an die Zerstörung der Synagoge sowie die Verfolgung und Ermordung der Extertaler jüdischen Bevölkerung während des Nationalsozialismus erinnern. Sie wird morgen Nachmittag eingeweiht.

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Polizei Lippe, 05.11.2003:

Gedenkstätte beschädigt - Polizei bittet um Hinweise

Extertal-Bösingfeld. An der Hummerbrucher Straße haben Unbekannte in der Nacht zum (heutigen) Mittwoch eine jüdische Gedenkstätte beschädigt. Die Gedenkstätte bestehend aus mehreren, dreiecksförmig bearbeiteten und aufgestellten Steinen, sollte in den kommenden Tagen feierlich eingeweiht werden. Sie ist anlässlich eines Schülerprojektes der 10. Klasse der Realschule Bösingfeld errichtet worden.

Der oder die Täter haben die Steine umgestoßen und zum Teil aus der Verankerung gerissen. Die Unterabteilung Staatsschutz des Polizeipräsidiums Bielefeld hat den Fall übernommen und die Ermittlungen aufgenommen. Eine politisch motivierte oder fremdenfeindliche Tat ist nicht auszuschließen. Es gibt derzeit keine Täterhinweise.

Wer sachdienstliche Angaben zu der Straftat machen kann, wird gebeten, die Unterabteilung Staatsschutz unter der Rufnummer 0521 / 545-2410 oder 545-2420 zu informieren.

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Am 26. Juni 2024 schrieb die "Lippische Landes-Zeitung" Online, der Staatsschutz habe für die "Ende Mai" 2024 gemeldeten Schändungen der jüdischen Gedenkstätte in Bösingfeld keine Tatverdächtigen ermittelt.

"Ende Mai" 2024 wurden der Polizei antisemitische, rassistische Codes und spiegelverkehrte Hakenkreuze auf der am 9. November 2003 eingeweihten Gedenkstätte der früheren Synagoge in Bösingfeld gemeldet.

Am Abend des 4. November 2003 wurde die - bis dato nicht fertiggestellte - Synagogen-Gedenkstätte am Südhagenweg in Bösingfeld, ein Entwurf Bösingfelder Schülerinnen sowie Schülern der Realschule, zerstört.

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www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503380/zur-geschichte-der-juden-im-extertal

www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/452-boesingfeld-nordrhein-westfalen


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