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Nachrichten: 1. Verhandlungstag im Prozess gegen Neonazi Andreas Hanusek , 16.10.2024 :

Tages-Chronologie von Mittwoch, 16. Oktober 2024

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Pressespiegel überregional


MiGAZIN, 16.10.2024:
Jetzt geht`s um die Pension / Gericht verhandelt Disziplinarklage gegen rechtsextremen Richter

Münchner Merkur Online, 16.10.2024:
Weidel-Kritiker tritt aus AfD aus und macht Partei schwere Vorwürfe

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www.hiergeblieben.de - Zusammenfassung - Mittwoch, 16. Oktober 2024


Am 26. Juni 2024 schrieb die "Lippische Landes-Zeitung" Online, der Staatsschutz habe für die "Ende Mai" 2024 gemeldeten Schändungen der jüdischen Gedenkstätte in Bösingfeld keine Tatverdächtigen ermittelt.

"Ende Mai" 2024 wurden der Polizei antisemitische, rassistische Codes und spiegelverkehrte Hakenkreuze auf der am 9. November 2003 eingeweihten Gedenkstätte der früheren Synagoge in Bösingfeld gemeldet.

Am Abend des 4. November 2003 wurde die - bis dato nicht fertiggestellte - Synagogen-Gedenkstätte am Südhagenweg in Bösingfeld, ein Entwurf Bösingfelder Schülerinnen sowie Schülern der Realschule, zerstört.

Am 14. Oktober 2024 referierte Jonathan Sachse - Mitbegründer des Recherchenetzwerks "Correctiv" - auf Einladung von VHS / "Lippische Landes-Zeitung" in Detmold - wie investigativer Journalismus funktioniert.

Am 26. Oktober 2024 kündigt der (völkisch-nationalistische) "Kreisverband Lippe" der "AfD" von 14.00 bis 16.00 Uhr, eine rassistische "Demo" (das Motto: "Nein zum Heim!") in Horn-Bad Meinberg, Marktplatz an.

Am 16. Oktober 2024 zeigte der völkisch-nationalistische "Kreisverband Lippe" der "AfD", am 26. Oktober 2024 um 14.00 Uhr, eine rassistische "Demo" - "Nein zum Heim!" - in Horn-Bad Meinberg, Marktplatz, an.

Am 5. September 2024 meldeten sich wenige "AfD"-Mitglieder auf einer Veranstaltung der Stadt Horn-Bad Meinberg über geplante Wohncontainer für Geflüchtete, immer wieder mit rassistischen Beiträgen zu Wort.

In der Nacht auf den 5. September 2024 hängten Neonazis der "Aktion Hermannsland" zwei Transparente ("Remigration", "Nein zum Heim") am Baugerüst des "Kotzenbergschen Hofes" in Horn-Bad Meinberg auf.

Am 16. Oktober 2024 fand beim Amtsgericht Detmold der erste Verhandlungstag, gegen Neonazi Andreas Hanusek wegen "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" - Tattag: 5. April 2023 in Fromhausen -, statt.

In der zweiten Juliwoche 2024 erhob die Staatsanwaltschaft Detmold diverse Anklagen gegen Falk, Thoren und Andreas Hanusek, sowie Arne Ulrich, Wolfram wie Erik Steinbiß wegen Gewalt- und Propaganda-Taten.

In der zweiten Juliwoche 2024 erhob die Staatsanwaltschaft Detmold eine Reihe Anklagen gegen Neonazis aus völkischen Familien (Fromhausen, Berlebeck und Lippstadt) wegen Gewalt- und Propaganda-Delikten.

Am 9. September 2023 wurde in Gotha wegen des Verwendens von "Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen" (NS-"Wolfsangel") Neonazi Falk Hanusek von der Bundespolizei angezeigt.

Am 1. Juli 2023 publizierte das "Recherche Kollektiv Ostwestfalen" einen Artikel - ""Die Sturmjugend eines Volkes" - Völkische Familienbanden in OWL" -, über die völkischen "Sippen" Ulrich, Hanusek und Steinbiß.

Am 17. Juni 2023 sangen Arne Ulrich, Falk Hanusek, Erik und Wolfram Steinbiß, in einem Park in Detmold lautstark das Lied "Sturmführer", Falk Hanusek, Erik sowie Wolfram Steinbiß zeigten dabei den Hitlergruß.

Am 6. Juni 2023 bestrafte das Amtsgericht Detmold den Neonazi Thoren Hanusek aus Fromhausen wegen einer Körperverletzung (am 9. Oktober 2022 in Detmold) mit 90 Tagessätzen von je 60 Euro - 5.400 Euro.

Am 6. Juni 2023 verurteilte das Amtsgericht Detmold wegen gefährlicher Körperverletzung (am 9. Oktober 2022 in Detmold) den Neonazi Erik Hanusek (Fromhausen) zu sechs Monaten Haftstrafe (auf Bewährung).

Am 6. Juni 2023 wurde Neonazi Falk Hanusek (Fromhausen) beim Amtsgericht Detmold von Szene-Anwalt Hendrik Schnelle vertreten ("gefährliche Körperverletzung", Beleidigung am 9. Oktober 2022 in Detmold).

Am 6. Juni 2023 verurteilte das Amtsgericht Detmold Falk Hanusek zusätzlich zu der Teilnahme an einem Anti-Aggressions-Training und einer Geldstrafe von 600 Euro und ordnete zudem eine Bewährungshilfe an.

Am 6. Juni 2023 verurteilte das Amtsgericht Detmold Falk Hanusek wegen "gefährlicher Körperverletzung" und Beleidigung am 9. Oktober 2022 in Detmold zu einem Jahr Freiheitsstrafe, drei Jahre zur Bewährung.

Am 6. Juni 2023 verurteilte das Amtsgericht in Detmold - wegen Körperverletzungsdelikten am 9. Oktober 2022 in Detmold - drei Neonazis aus Fromhausen zu zwei Bewährungsstrafen, einmal zu einer Geldstrafe.

Am 5. Mai 2023 hob das Verwaltungsgericht Minden Meldeauflagen für die Ausreisen zum "European Fight Night" nach Budapest (in Eilverfahren) gegen die Neonazis Thoren, Erik und Falk Hanusek, Arne Ulrich auf.

Am 5. April 2023 publizierte die (rechtsoffene) Facebook-Seite "Wir sind Horn-Bad Meinberg (ungefiltert)" Chat-Einträge, in welchen sich mit den, von den Durchsuchungen betroffenen Neonazis solidarisiert wurde.

Am 5. April 2023 bedrohte der Neonazi Andreas Hanusek, bei - nur einer seiner Söhne Thoren, sowie Falk betreffenden - Hausdurchsuchung in Fromhausen SEK-Beamte mit einem 20 Zentimeter langem Bajonett.

Am 5. April 2023 soll der Neonazi Thoren Hanusek bei einer Razzia in Fromhausen den Anweisungen vom SEK keine Folge geleistet, auf Beamte eingetreten sowie nach der Waffe eines Polizisten gegriffen haben.

Am 5. April 2023 leisteten drei Neonazi bei Durchsuchungen in Fromhausen, Berlebeck Widerstand, "wobei in einem Fall mit einem Messer gedroht wurde", ferner gegen drei Personen "der Taser eingesetzt" wurde.

Am 5. April 2023 fanden wegen den Körperverletzungen am 9. Oktober 2022 in Detmold, bei Thoren, Erik und Falk Hanusek in Fromhausen wie Arne Ulrich in Berlebeck nochmal drei Waffen-Durchsuchungen statt.

Am 5. April 2023 fanden (wegen der Körperverletzungen am 9. Oktober 2022 in Detmold) bei vier jungen Neonazis in Fromhausen, Berlebeck erneut Durchsuchungen statt und verschiedene Waffen sichergestellt.

Am 2. März 2023 erhob die Staatsanwaltschaft Detmold Anklage gegen die Neonazis Falk, Erik wie Thoren Hanusek (Fromhausen) wegen des Vorwurfs der schweren Körperverletzung (9. Oktober 2022 in Detmold).

Am 8. Februar 2023 bedrohte der vorbestrafte (Körperverletzung) Neonazi Thoren Hanusek (Fromhausen) am Lüttfeld-Berufskolleg in Lemgo einen Schüler, mit einem (direkt auf ihn gerichteten) Schraubendreher.

Am 8. Februar 2023 verletzte der - wegen "gefährlicher Körperverletzung" sowie Beleidigung - vorbestrafte Neonazi Falk Hanusek aus Fromhausen am Lüttfeld-Berufskolleg in Lemgo einen Schüler mit einer Gabel.

Am 14. Oktober 2022 fanden bezüglich schwerer Körperverletzungen am 9. Oktober 2022 in Detmold, bei den Neonazis Falk, Erik wie Thoren Hanusek (Fromhausen), Arne Ulrich (Berlebeck) Durchsuchungen statt.

Am 9. Oktober 2022 gegen 16.50 Uhr wurden in Detmold ("Lange Straße") zwei Männer (18,19 Jahre) aus einer Gruppe Neonazis verletzt, einer mit Schädelbasisbruch, mit Rettungswagen in ein Klinikum gebracht.

Am 2. März 2022 stellten Staatsanwaltschaft / Amtsgericht Detmold das Verfahren gegen Neonazi Andreas Hanusek (Tat am 26. Mai 2019) - wegen "Geringfügigkeit und mangelnden öffentlichen Interesses" - ein.

Mutmaßlich in der Nacht auf den 9. Januar 2022 wurden im Detmolder Ortsteil Berlebeck verschiedene NS-Symbole wie Hakenkreuze, sowie neonazistische Parolen wie "Nazi-Kiez", "Zecken umnieten" aufgesprüht.

Am 11. Mai 2021 wurde Neonazi Andreas Hanusek beim Revisionsprozess am OLG Hamm (Freispruch des Amtsgerichts Detmold vom 5. Juni 2020), von dem Szene-Anwalt Hendrik Schnelle aus Detmold vertreten.

Am 11. Mai 2021 hob das OLG Hamm den Freispruch des Amtsgerichts Detmold vom 5. Juni 2020 für den Neonazi Andreas Hanusek (Tat vom 26. Mai 2019) auf - verwies das Verfahren zurück an das Amtsgericht.

Am 11. Mai 2021 hob das OLG Hamm einen Freispruch (Anklage: "Versuchte Nötigung") des Amtsgerichts Detmold (5. Juni 2020) für einen Fromhauser Neonazi auf; verwies das Verfahren zurück ans Amtsgericht.

Am 5. Juni 2020 wurde der Neonazi Andreas Hanusek vor dem Amtsgericht Detmold, wegen des Vorwurfes der "versuchten Nötigung" am 26. Mai 2019 in Fromhausen vom Szene-Anwalt Hendrik Schnelle vertreten.

Am 5. Juni 2020 wurde der Neonazi Andreas Hanusek vom Amtsgericht Detmold, unter anderem von dem Anklagepunkt der versuchten Nötigung am 26. Mai 2019 in Fromhausen skandalöserweise freigesprochen.

Am 5. Juni 2020 wurde ein Neonazi aus Fromhausen, seit 2006 als "rechtsextremer HDJ-Aktivist bekannt" (Staatsschutz), vom Amtsgericht Detmold von dem Vorwurf der "versuchten Nötigung" u.a. freigesprochen.

Am 26. Mai 2019 fand in Fromhausen - unter der Mitwirkung der völkischen Neonazis Thoren und Andreas Hanusek - eine brutale sowie rechts motivierte Gewalttat (Körperverletzung und versuchte Nötigung) statt.

Am 26. Mai 2019 fand in Fromhausen eine rechts motivierte Gewalttat (Körperverletzung, Nötigung), unter Beteiligung eines Neonazis - laut Staatsschutz seit 2006 als "rechtsextremer HDJ-Aktivist bekannt" - statt.

Am 2. Mai 2009 wurden in Fromhausen, in einer Hütte von Neonazi Andreas Hanusek ein 10-Liter-Kanister mit entzündlicher Flüssigkeit, 4,3 Kilogramm Schwarzpulver und eine Art Luntenschnur polizeilich entdeckt.

Am 2. Mai 2009 wurden bei einer Hausdurchsuchung bei Andreas Hanusek in Fromhausen zwei Kilogramm Nitrocellulose und sieben Schusswaffen gefunden, die der Neonazi legal in seinem Besitz hatte, gefunden.


www.bpb.de/themen/holocaust/erinnerungsorte/503380/zur-geschichte-der-juden-im-extertal

www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/452-boesingfeld-nordrhein-westfalen

www.correctiv.org

www.mbr-owl.de

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Artikel-Einträge in der Datenbank:


Lippische Landes-Zeitung Online, 16.10.2024:
Das hat Extertals Archivar über die ehemalige Synagoge in Bösingfeld herausgefunden

Lippische Landes-Zeitung, 16.10.2024:
Die Macht der Macht-Wächter

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Lippische Landes-Zeitung Online, 16.10.2024:

Das hat Extertals Archivar über die ehemalige Synagoge in Bösingfeld herausgefunden

16.10.2024 - 11.29 Uhr

Extertal-Bösingfeld. 200 Jahre ist es her, dass in Bösingfeld eine Synagoge eingeweiht wurde. Ein Ereignis, das die LZ-Redaktion zum Anlass genommen hat, Gemeinde-Archivar Wulf Daneyko zu bitten, mal in alten Unterlagen und Fotos zu stöbern. Herausgekommen ist dabei eine Zeitreise, die nicht nur einen Blick zurück auf das 1988 abgerissene Gebäude wirft, sondern auch auf jüdisches Leben in Bösingfeld im Allgemeinen.

Das ist nämlich schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts bezeugt, schreibt Daneyko. Seither hätten Christen und Juden hier mehr oder weniger friedlich zusammengelebt. Häufiger sei es zwischen den jüdischen Kleinhändlern und Nichtjuden allerdings zu Streitigkeiten über getätigte Handelsgeschäfte gekommen. Viele Jahre lang hätten die sieben jüdischen Familien eine kleine Kammer als Betraum genutzt, die sie im Haus des Juden Herz Danneberg für acht Reichstaler gemietet hatten. Das sei auf Dauer nicht mehr tragbar gewesen, weil das Haus völlig baufällig geworden sei.

Und so kaufte die Bösingfelder Judenschaft 1821 von Johann Friedrich Korf das ebenfalls verfallene Haus Nummer 74 für 160 Reichstaler. "Sie wollten hier ein neues Haus für ihre Synagoge bauen", schreibt der Gemeinde-Archivar. Da sie selbst nicht wohlhabend waren und "verdienstlose Zeiten" herrschten, konnten die örtlichen Juden jedoch nicht auch noch das gesamte Geld für den Bau eines neuen Hauses aufbringen. So hätten sie die Erlaubnis der Fürstlich Lippischen Rentkammer erhalten, weitere Gelder über eine Kollekte bei den Glaubensbrüdern in und außerhalb Lippes einzusammeln. 200 Reichstaler brachte das ein. Da die Bösingfelder Juden bereits 550 Reichstaler Schulden machten und die Kollekte für die Fertigstellung des Hauses auch noch nicht ausreichte, stellten sie Unterstützungsgesuche an die Fürstlich Lippische Regierung.

Fachwerkhaus brennt 1901 nieder

Das erworbene Gebäude Nummer 74 von Johann Friedrich Korf gehörte zu den 140 Häusern, die bereits 1756 im Flecken standen, als ein Ortsplan erstellt wurde und die Häuser durchnummeriert wurden, schreibt Wulf Daneyko weiter. Um das Jahr 1786 seien diese Nummern in Bösingfeld offiziell als Hausnummer eingeführt worden. Das Haus wurde auch "Rehmsche Straßenkötterstätte" genannt, da dort viele Jahre die Familie Rehm lebten. Die Adresse Bösingfeld Nummer 74 wurde später Südstraße 8 und ist nach der Straßenumbenennung dieses Teilstücks der Südstraße im Jahre 1991 heute die Hummerbrucher Straße 5.

Bis zur endgültigen Fertigstellung des neuen Synagogen-Hauses musste die Jüdische Gemeinde mangels Räumlichkeiten für kurze Zeit ihre Gottesdienste im Hause des Juden Weinberg abhalten. Im August 1824 konnte die neue Synagoge schließlich eingeweiht werden. 1901 brannte das Fachwerkhaus, in dem sich die Synagoge befand, allerdings völlig nieder, dokumentiert Daneyko. An gleicher Stelle wurde von der Jüdischen Gemeinde eine neue Synagoge aus massiven Ziegelsteinen errichtet und bereits am 2. September 1903 eingeweiht. In dem Haus waren auch die jüdische Schule und eine Lehrerwohnung untergebracht.

Obwohl die christlichen und jüdischen Bürger Jahrhunderte lang weitgehend friedlich zusammenlebten, kam es bereits seit Beginn der 1920er-Jahre zu wachsender antisemitischer Propaganda und zu offenen Feindseligkeiten gegen Juden. Um 1930 besaß Bösingfeld eine zwar überalterte, aber dennoch lebendige jüdische Gemeinschaft. Seit 1916 war der Kaufmann David Kleeberg Vorsteher der Synagogengemeinde, die eine Synagoge und einen Friedhof an der Bahnhofstraße unterhielten. Mittlerweile wurden auch die Silixer und Alverdisser Judenschaften angegliedert.

Viele Angriffe auf Juden in Bösingfeld

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann die systematische Verfolgung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Schon im März 1933 wurden von der SA jüdische Geschäfte boykottiert und jüdischen Familien terrorisiert, schreibt der Archivar. Die Übergriffe auf die Juden waren in Bösingfeld weit ausgeprägter als in anderen lippischen Gemeinden gewesen. Während der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die nur 50 Meter von der evangelischen Kirche entfernt liegende jüdische Synagoge in der Südstraße geplündert und zerstört. Der organisierte Nazi-Mob der SA zerschlug die Fenster und verbrannte das gesamte Inventar der Synagoge und der Lehrerwohnung auf der Straße.

Im Rahmen der "Arisierung" wurde das Synagogen-Gebäude schon am 31. Januar 1939 an den Kaufmann Wilhelm Lambrecht verkauft. Er renovierte das Gebäude und baute es massiv um. Der Turm auf dem Dach wurde abgenommen, das große Bogentor des Eingangs entfernt und das große Bogenfenster an der Südseite verkleinert. In den Gebetsräumen wurden seither Waren gelagert und durch eine eingezogene Decke in dem hohen Innenraum ist darüber eine weitere Wohnung entstanden.

1988 wird das Gebäude abgerissen

Bei Kriegsende 1945 gab es nach der Verfolgung und dem Holocaust in Bösingfeld keine Juden mehr. Mindestens 28 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde wurden in den Konzentrationslagern umgebracht. Nur einige wenige konnten rechtzeitig vor den Nazis ins Ausland fliehen. Ein viel beachtetes Schüler-Projekt der Realschule arbeitete seit den 1980er-Jahren die Juden-Verfolgung im Heimatort auf. Im November 2003 wurde unterhalb der ehemaligen Synagoge am Südhagen ein von Schülern entworfenes Mahnmal eingeweiht. Damit wird an das Schicksal der einstigen jüdischen Mitbürger im Extertal erinnert. Im Sommer 1988 folgte schließlich der Abriss des alten Synagogen-Gebäudes und es wurde an dieser Stelle der Neubau eines Geschäftshauses realisiert. Bilder des 1901 abgebrannten Fachwerkhauses existieren im Archiv übrigens nicht.

Bildunterschrift: Südseite der Synagoge nach der Zerstörung von 1938. Die Scheiben sind noch zertrümmert. Das Foto stammt aus dem Frühjahr 1939.

Bildunterschrift: Bösingfeld von Süden betrachtet (Hummerbrucher Straße). Am linken Bildrand ist die Synagoge mit dem Türmchen auf den Dach und dem großen Bogenfenster zu erkennen.

Bildunterschrift: Nach der Zerstörung der Synagoge wurde das Innere des Gebäudes von der Firma Lambrecht als Lagerraum genutzt. Das Bild stammt ungefähr aus den 1950er Jahren.

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Lippische Landes-Zeitung, 16.10.2024:

Die Macht der Macht-Wächter

Jonathan Sachse, Mitbegründer des Recherchenetzwerks Correctiv, berichtet auf Einladung der LZ und der VHS Detmold-Lemgo von den investigativen Recherchen zum berüchtigten Treffen der AfD in Potsdam und den Folgen

Marianne Schwarzer

Kreis Lippe. "Geheimplan gegen Deutschland": Ein Ruck ging durchs Land, als im Januar das Recherchenetzwerk Correctiv seinen Enthüllungsbericht über das November-Treffen hochrangiger AfD-Politiker und Neonazis bei Potsdam unter dieser Überschrift veröffentlicht hat. Die Empörung und Erschütterung über die so genannten Remigrations-Pläne der Neuen Rechten trieben in der Folge Tausende Menschen auch in Lippe auf die Straße, um für Demokratie und Freiheit zu demonstrieren.

Auf seinem Weg vom Hotel in die Detmolder Stadthalle zu einer weiteren Veranstaltungsfolge der "Macht-Wächter" von LZ und der VHS Detmold-Lemgo kommt Gastredner Jonathan Sachse, Chef von Correctiv.Lokal, an der Mahnwache auf dem Detmolder Marktplatz vorbei: Montag für Montag stehen hier Aktivisten, um gegen rechte Umtriebe und für Demokratie ein Zeichen zu setzen. "Das hat mich sehr gefreut", wird der Gast aus Berlin es später in der Halle kommentieren.

Er zeigt sich überrascht: Knapp 200 Menschen interessieren sich an diesem Abend für den investigativen Journalismus und wollen ihn als Mitbegründer von Correctiv im Gespräch mit LZ-Chefredakteur Dirk Baldus und der Leiterin der VHS Detmold-Lemgo, Claudia Biehahn, hören.

Desinformation

Dabei ist es genau das, worum es bei Correctiv vorrangig geht: die Stärkung der Demokratie und den Kampf gegen Desinformation. Ein Mittel und Schwerpunkt ist investigativer Journalismus, also eine intensive Recherche, in die viel Zeit und Ressourcen fließen. Strukturelle Missstände aufzudecken, Lügen und Fake News zu entlarven, das sind die Ziele: "Darum ist die digitale Zusammenarbeit mit anderen so wichtig. Denn unser Gegner ist in den vergangenen Jahren immer mächtiger geworden", betont Sachse. Beispielsweise Russland überziehe die Welt mit Desinformationen, um andere Länder zu destabilisieren: "Es gibt Trollfabriken, die alle miteinander vernetzt sind, das ist ein gigantisches Problem."

Populismus

Die AfD habe sehr viel früher als alle etablierten Parteien erkannt, wie wertvoll Soziale Netzwerke für die Beeinflussung von Menschen sind. Sie habe sich mit ihrer professionellen Infrastruktur einen ungeheuren Vorsprung gegenüber den anderen verschafft. "Populismus ist in den Sozialen Medien viel leichter zu verkaufen", sagt Sachse. Lügen zu verbreiten nach dem Trump-Prinzip sowieso. Dem mit Faktenchecks zu begegnen, in einer Zeit, da Journalisten nicht mehr die alleinigen "Gatekeeper" für Informationen sind, dagegen deutlich schwieriger.

Doch an manche Information kommt man eben nur mit investigativen Recherchen - wie bei dem berüchtigten Treffen bei Potsdam. Obwohl: "Die Veröffentlichung des Berichtes hat polarisiert", führt Dirk Baldus ins Thema ein. "Auch uns als Einladende ist das sehr schnell deutlich geworden. Selten haben wir so viele empörte Reaktionen von Lesern bekommen, als wir zu diesem Abend eingeladen haben. Tenor: Wenn es jetzt Marschroute der LZ ist, so wie Correctiv zu arbeiten, kündigen wir unser Abonnement." Dabei sieht er die Arbeit an einigen Stellen durchaus kritisch, wie sich im Verlauf des Abends zeigen soll.

Die Recherche

Doch wie kam es zu der Potsdam-Recherche? Am Anfang stand eine Einladung, die Correctiv zugespielt worden sei, berichtet Jonathan Sachse. Er habe nicht selbst an der konkreten Recherche teilgenommen, aber er war im Team, als es darum ging, was denn nun mit den Erkenntnissen geschehen sollte, also sehr nah dran. "Wir konnten schon den Formulierungen in der Einladung entnehmen, dass hier etwas Größeres im Gange war."

Correctiv habe sich für die Recherche mit "Greenpeace investigativ" vernetzt. "Als wir erst mal den Ort hatten (das Landhaus Adlon, eine Villa am Lehnitzsee nicht weit von Potsdam, Anmerkung der Redaktion), haben wir mehrere Transporter an verschiedenen Stellen postiert und ein Saunaboot gemietet." An einigen Punkten waren verdeckt Kameras installiert, und die Redaktion habe einen verkleideten Undercover-Reporter ins Hotel geschickt, der unter anderem Umschläge mit Namen der Konferenzteilnehmer abfilmen konnte. "Am Ende hatten wir Unmengen Gigabyte an Material", erzählt der Correctiv-Mitbegründer. Bei der Auswertung habe sich das Team datenjournalistische Expertise dazu geholt, abgefilmte Gesichter wurden mit Bildern im Netz und in Archiven verglichen, bis die Personen identifiziert und zugeordnet waren. Überdies dienten Nummernschilder geparkter Autos der Identifizierung, "da konnten uns Lokaljournalisten weiterhelfen". Dann die Klärung: Welche Personen sind tatsächlich von öffentlichem Interesse und gehören am Ende in den Bericht? "Wir haben sehr viele Namen veröffentlicht, aber auch einige nicht."

Kritik

Wie sollte Correctiv mit der Kernaussage, dem Masterplan, möglichst viele Menschen aus Deutschland zu vertreiben, umgehen? "Wir fragten uns: Wie erzählen wir das?" Am Ende stand dann jener Bericht, der einerseits eine wahre Volksbewegung für Demokratie auf die Plätze in ganz Deutschland hervorrief, andererseits aber umstritten ist.

Auch bei LZ-Chefredakteur Dirk Baldus wirft er Fragen auf: "Ich habe den Bericht drei Mal gelesen, und ich finde es auch nicht leicht, als Journalist Kritik daran zu üben, weil es uns ja um die Wahrung der Demokratie geht", gesteht er. "Aber für mich ist das eine viel zu starke Vermischung von Meinung und Bericht. Einige Passagen hätte ich einem Volontär in unserem Hause um die Ohren gehauen. Für mich ist die Faktenlage einfach zu dünn." Ein Vorbehalt, den Gastredner Sachse nachvollziehen kann, aber: "Ich kenne nun mal alle Fakten, und einige davon konnten wir nicht veröffentlichen, um unsere Quellen zu schützen. Es hat genauso stattgefunden, wie wir es berichtet haben."

Baldus gibt sich nicht zufrieden, stößt sich vor allem an einer Passage im Correctiv-Bericht. Hier heißt es: "Eine Idee ist dabei auch ein "Musterstaat" in Nordafrika. Sellner (gemeint ist Martin Sellner, ein rechtsextremer Aktivist aus Österreich) erklärt, in solch einem Gebiet könnten bis zu zwei Millionen Menschen leben. Dann habe man einen Ort, wo man Leute "hinbewegen" könne. Dort gebe es die Möglichkeit für Ausbildungen und Sport. Und alle, die sich für Geflüchtete einsetzten, könnten auch dorthin.

Was Sellner entwirft, erinnert an eine alte Idee: 1940 planten die Nationalsozialisten, vier Millionen Juden auf die Insel Madagaskar zu deportieren. Unklar ist, ob Sellner die historische Parallele im Kopf hat."

"Diese Parallele zur von den Nationalsozialisten ursprünglich geplanten Deportation der Juden nach Madagaskar zu ziehen, wäre in diesem Zusammenhang nicht nötig gewesen", kritisiert Baldus, hier sehe er die Vermischung. "Ist das hier nicht Haltungs-Journalismus?"

Sachse sieht das nicht so, für ihn ist bei der journalistischen Arbeit die innere Haltung nicht wegzudenken, die jeder Journalist hat. Das sei ein Unterschied zum Meinungs-Journalismus. Doch die Parallele in diesem Fall zu ziehen, sei unabdingbar gewesen: "Wir schreiben ja nicht: Es wurde über Deportation gesprochen. Wir haben lediglich den Vergleich geführt, und wir nennen es Vertreibung."

Baldus zitiert auch eine Rezension aus Übermedien, einem Online-Magazin für Medienkritik: "Richtig ist: Der Text ist misslungen, das Verhalten von Correctiv nach der Veröffentlichung fragwürdig und die Berichterstattung vieler Medien eine Katastrophe. Richtig ist auch: Die Proteste, die der Artikel ausgelöst hat, sind gut und wichtig. Er hat viele Menschen alarmiert, die sich zu Recht über die Verbindungen zwischen bürgerlichen Kreisen und dem rechten Rand sorgen." "Wie geht Correctiv damit um?" Das will der LZ-Chefredakteur wissen.

"Wir nehmen diese Kritik sehr ernst", antwortet Jonathan Sachse. Geärgert habe sich Correctiv lediglich darüber, dass Übermedien mit der Veröffentlichung erst ein halbes Jahr später herausgerückt sei, als es um die Verleihung eines Preises gegangen sei.

Die Lehren

Correctiv sei nach der Veröffentlichung des Potsdam-Berichtes im Januar mit diversen Klagen überzogen worden - wenn auch mit mäßigem Erfolg. "Alle natürlich mit dem Ziel, dass die Überschrift lautet: "Correctiv muss sich korrigieren"." In den Wochen nach der Veröffentlichung hätten den Reportern überdies des Öfteren politische Gegner vor der Redaktion aufgelauert.

Dass der Bericht so viele Menschen für die Demokratie mobilisieren würde, habe bei Correctiv niemand geahnt, darauf sei keiner vorbereitet gewesen. "Sonst hätten wir schon im Vorfeld überlegt: Wie kommen wir mit den Menschen vor Ort ins Gespräch?" Und genau deshalb seien Veranstaltungen wie die "Macht-Wächter"-Reihe von LZ und VHS Detmold-Lemgo so wichtig. "Wir müssen immer noch transparenter werden, wenn wir als Medien bestehen wollen."

Sie erreichen die Autorin unter Mschwarzer.de.

Bildunterschrift: Das Interesse an der Macht-Wächter-Ausgabe mit Jonathan Sachse vom Recherchenetzwerk Correctiv war groß: Es erwies sich als goldrichtig, die Veranstaltung vom kleinen in den großen Saal der Stadthalle umzuziehen.

Bildunterschrift: Jonathan Sachse (Mitte) stellte sich den durchaus kritischen Fragen von LZ-Chefredakteur Dirk Baldus und Claudia Biehahn von der Volkshochschule Detmold-Lemgo.

Correctiv

Die "Correctiv - Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH" wurde vor elf Jahren von dem Journalisten David Schraven und einigen Mitstreitern, darunter Jonathan Sachse, gegründet und hat ihren Hauptsitz in Essen, aber auch eine Niederlassung in Berlin. Dazu kommt noch eine nicht gemeinnützige, kommerzielle Tochter, über die beispielsweise Bücher vertrieben werden.

Die Finanzierung des Recherche-Netzwerkes mit insgesamt 120 Mitarbeitern funktioniert über Spenden, institutionelle Förderung wie etwa über Stiftungen oder projektbezogen über das Kulturministerium, sowie Einnahmen aus der kommerziellen Tochter.

Ein wichtiges Anliegen ist auch die Bildungsarbeit: So gehören auch eine Online-Akademie mit der Reporterfabrik und der Bürgerakademie sowie eine Jugendredaktion dazu.

Correctiv.Lokal unter der Leitung von Jonathan Sachse vernetzt über 7.000 Lokaljournalisten, darunter auch LZ-Redakteure, und versorgt sie beispielsweise mit Daten als Grundlage für eigene, lokale Recherchen.

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