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Westfälischer Anzeiger Online , 15.09.2024 :

Neonazis kapern beliebtes Ausflugsziel in NRW - Die SS schuf einen Mythos

15.09.2024 - 19.37 Uhr

Von: Marvin K. Hoffmann

Die Externsteine sind ein beliebtes Ausflugsziel in NRW. Die beeindruckende Felsformation zieht aber auch Rechtsextreme an. Eine Rolle spielt dabei die SS.

Hamm. Die Externsteine im Nordosten von Nordrhein-Westfalen faszinieren seit jeher die Menschen. Die beeindruckende Felsformation im Teutoburger Wald in Horn-Bad Meinberg ist ein beliebtes Ausflugsziel. Unter Familien und interessierte Schüler- oder Studentengruppen mischen sich aber auch immer wieder Rechtsextreme und andere Menschen mit fragwürdigem Gedankengut. Die Verantwortlichen des Naturdenkmals wollen gegensteuern - es gibt aber ein Problem.

SS schuf Externsteine-Mythos: Neonazis kapern beliebtes Ausflugsziel in NRW

"Es ist halt nicht mehr nur der Glatzkopf mit Springerstiefeln und Bomberjacke. Wir schulen unser Personal regelmäßig, auch in Bezug auf Erkennungsmerkmale von Rechtsextremisten", sagt Arne Brand, Allgemeiner Vertreter des Verbandsvorstehers, vom verantwortlichen Landesverband Lippe im Gespräch mit wa.de. Rechtsextreme müssen oft erst als solche erkannt und enttarnt werden. Die Externsteine sowie das Hermannsdenkmal und die gesamte Region üben dabei eine besondere Anziehungskraft auf diese Gruppierungen aus.

"Für völkische Gruppierungen haben die Externsteine eine große Bedeutung und dienen zur Konstruktion einer eigenen, vermeintlich nationalen Identität", erklärt Dr. Michael Zelle gegenüber wa.de. Der Direktor des Lippischen Landesmuseums Detmold weiß aber auch: "Das Hermannsdenkmal ist als wichtiges Symbol nationaler deutscher Identität im 19. Jahrhundert errichtet worden. Heute dient es den Rechtsextremisten als Sinnbild eines übersteigerten Nationalgefühls." Die Externsteine hätten bei der Formulierung einer nationalen Identität im 19. Jahrhundert zunächst gar keine Rolle gespielt. "Sie wurden von völkischen Kreisen eher spät in den 1920er-Jahren für sich entdeckt", sagt Dr. Zelle. Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.

"Rechtsextremisten mythisieren bestimmte Orte zu "Erinnerungsorten" im eigenen Sinne. Das gilt für Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und auch für andere Stätten, die mit rechtsextremistischer Ideologie verknüpft werden", sagt eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums auf wa.de-Nachfrage. Der zuständige Staatsschutz Bielefeld nimmt derlei Aktivitäten auch an diesem beliebten NRW-Ausflugsziel wahr.

Rechtsextremisten deklarieren NRW-Region rund um Externsteine als "Hermannsland"

Rechtsextremisten würden demnach die Region Ostwestfalen-Lippe seit langem als so genanntes "Hermannsland" deklarieren. "Der Grund hierfür ist, dass sich in der Region viele "Kultorte" befinden, wie zum Beispiel die Wewelsburg, das Hermannsdenkmal und die Externsteine. Auf Grund dessen treffen sich immer mal wieder rechte Gruppierungen auch an den Externsteinen", erklärt ein Sprecher des Staatsschutzes Bielefeld auf Nachfrage von wa.de.

Externsteine respektive Hermannsdenkmal gelten also in einschlägigen Kreisen als Kultort. "Vor diesem Hintergrund finden zum Teil organisierte Ausflüge aus rechtsextremistischen Kreisen zu den Externsteinen, mitunter in einem Zuge auch zum unweit von diesen gelegenen Hermannsdenkmal und zur Wewelsburg bei Paderborn, statt", erklärt eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums. Letztere war als eine zentrale Versammlungsstätte für höhere SS-Führer geplant. "Alle drei Orte tauchen auch in rechtsextremistischen Veröffentlichungen oder in Liedern als vermeintlich mythische Orte auf", heißt es.

Das weiß auch die AfD für sich zu nutzen. 2018 wollte sie gemeinsam mit dem Faschisten Björn Höcke am Hermannsdenkmal eine Veranstaltung durchführen. Der verantwortliche Landesverband Lippe hatte allerdings etwas dagegen. "Wir haben kurzerhand eine Gegenveranstaltung geplant und so das Hermannsdenkmal besetzt, um es nicht gewissen Leuten mit gewissen Absichten überlassen", sagt Arne Brand.

Landesverband Lippe stellt sich gegen Rechtsextremismus und Nazis

Dem Allgemeinen Vertreter des Verbandsvorstehers sind jedoch allzu oft die Hände gebunden. Das Gelände ist öffentlich zugänglich, Kontrollen können nicht oder nur schwer durchgesetzt werden. "Wir tun aber alles", versichert er, "dass diese Symbole von Menschen mit dunklen Absichten nicht vereinnahmt werden".

Externsteine als Kultort

Tatsächlich gibt es bis heute keinerlei Belege einer Bedeutung der Externsteine für die germanischen Stämme. Vermutlich wegen des vermeintlichen germanischen Hintergrunds - und wegen der Kulisse des imposanten Naturdenkmals - sind die Externsteine auch ein Anziehungspunkt für neuheidnische Personen und Gruppen ohne rechtsextremistische Bezüge.

Quelle: NRW-Innenministerium

Wem verfassungsfeindliche Kennzeichen auffallen, der soll sofort die Polizei informieren. "Unsere Mitarbeiter selbst sind dazu angewiesen, nicht selbst in die Konfrontation zu gehen. Wir möchten sie keiner körperlichen Gefahr aussetzen, sollte es zu Auseinandersetzungen kommen", sagt Brand. So einfach können seine Mitarbeiter nicht immer durchgreifen. "Wenn jemand mit einer Hakenkreuz-Armbinde auftaucht, ist die Sache klar. Wenn aber jemand ein Trikot mit der Zahl 88 trägt, dann ist es rein rechtlich erstmal nur ein Trikot mit einer Nummer", sagt er. Zur Erläuterung: Die 88 ist ein beliebter Zahlencode und Erkennungsmerkmal von Rechtsextremisten. Die Zahl 8 steht dabei für den achten Buchstaben im Alphabet. Die 88 symbolisiert also die Buchstaben "HH" - was wiederum für "Heil Hitler" steht. Verboten ist die 88 in Deutschland nicht.

Subtile Vereinnahmung der Externsteine durch Rechtsextremisten

Die Vereinnahmung der Externsteine oder ähnlicher Orte verläuft meistens subtil. "Rechtsextremisten treten in Gruppen unterschiedlicher Größe auf, rollen kurz ein Banner aus, schießen ein Foto und verschwinden schnell wieder. Das Foto wird dann entsprechend gepostet", sagt Dr. Zelle. Ihm und seinen Kollegen aus der Wissenschaft obliegt es, den völkischen Mythos "Hermannsland" zu entlarven.

Bei den Externsteinen gehen Rechtsextremisten davon aus, dass diese eine Art germanische Kultstätte gewesen seien und insofern zurückweisen auf die Ursprünge und die "Ahnenreihe" des Deutschtums oder, im Duktus mancher Rechtsextremisten, auch der "weißen" oder "arischen Rasse". "Solche Deutungen kamen zwar schon vor dem Nationalsozialismus vor, wurden in dieser Zeit aber propagandistisch aufgegriffen und verbreitet", gibt eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums auf Nachfrage zu Protokoll. Und auch die Wissenschaft kann die Versuche der Nazis, die Externsteine zu einer germanischen Kultstätte zu machen, eigentlich nur müde belächeln.

"Es gibt Funde aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, germanische Funde existieren nicht", sagt Dr. Zelle. "Es kann also nicht die Rede von einem großgermanischen Heiligtum sein", ergänzt er. Zwar könne eine germanische Nutzung der Externsteine nicht ausgeschlossen werden, bislang haben er und seine Kollegen aber keine Belege gefunden - trotz umfangreicher Ausgrabungen.

Adolf Hitler und die Externsteine: Die SS schuf einen Mythos in NRW

Mit ihrer Vereinnahmung schuf Heinrich Himmler, Reichsführer SS und einer der engsten Hitler-Vertrauten, dennoch einen Mythos, der bis heute anhält. "Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hat die seriöse Wissenschaft die Externsteine noch ein wenig gemieden, weil sie von der SS vereinnahmt waren", sagt Dr. Zelle. Dadurch hätten sich dann auch weitere Mythen verfestigt. "Wir halten mit unserer Forschung dagegen und haben unter anderem ein Infozentrum etabliert, das auch über die Vereinnahmung der Externsteine durch die Nazis informiert beziehungsweise den aktuellen Forschungsstand wiedergibt", erklärt der Direktor des Lippischen Landesmuseums Detmold.

Nach 2009, dem Jubiläumsjahr der Schlacht im Teutoburger Wald, hätten demnach die Probleme mit rechten Gruppierungen am Hermannsdenkmal etwas abgenommen. Je stärker der Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft rückt, wie es unlängst die Landtagswahlen im Osten gezeigt haben, desto größer wird auch wieder die Problematik mit völkischen Gruppen an den Ausflugszielen in Ostwestfalen-Lippe.

Deutsche Gesellschaft hat Problem mit Rechtsextremismus

"Sie (Rechtsextreme und völkische Gruppierungen, Anm. d. Red.) trauen sich nun eher wieder, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Das dürfte mit der allgemeinen politischen Lage zusammenhängen", sagt Dr. Zelle. Er bricht jedoch eine Lanze für das Gros der Gäste an den Externsteinen: "Die Mehrzahl unserer Besucher sucht einfach nur Erholung oder möchte eines dieser großartigen Monumente und Naturdenkmäler sehen und erleben." Diese Besucher sind es auch, die der Landesverband in die Pflicht nehmen möchte.

"Wenn Besuchern etwas Bedrohliches oder Verfassungsfeindliches auffällt, sollen sie sofort unsere Mitarbeiter ansprechen oder die Polizei rufen", sagt Brand. Damit die Externsteine nicht denen überlassen werden, die auf der deutschen politischen Landkarte eigentlich spätestens schon seit 1945 nichts mehr zu suchen haben.

Bildunterschrift: Die Externsteine im Teutoburger Wald.

Bildunterschrift: Heinrich Himmler (3. v. r.), Chef der SS, hatte eine Vorliebe für die Externsteine. Hier ist er bei einer Besprechung mit dem Massenmörder und Diktator Adolf Hitler (l.).

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An dem 15. März 2018 wurde in Detmold der Tagungsband: "Die Externsteine. Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung - Beiträge der Tagung am 6. und 7. März 2015 in Detmold" vorgestellt.

An dem 13. Februar 2018 erschien das Buch "Die Externsteine. Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung" bei der Historischen Kommission für Westfalen, Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

Am 6. und 7. März 2015 fand im Lippischen Landesmuseum in Detmold die Fachtagung "Die Externsteine - Ein Denkmal als Objekt wissenschaftlicher Forschung und Projektionsfläche völkischer Vorstellungen" ab.

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www.aschendorff-buchverlag.de/author/Linde%2C Roland


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