www.hiergeblieben.de

Nachrichten , 14.09.2024 :

Tages-Chronologie von Samstag, 14. September 2024

_______________________________________________


Pressespiegel überregional


Norddeutscher Rundfunk, 14.09.2024:
Reichsbürger beschäftigen häufiger Kommunen in Schleswig-Holstein

t-online.de, 14.09.2024:
Nazi-Protest kleiner als angekündigt / Störungen beim CSD: Neonazis und radikale Christen aktiv

Süddeutsche Zeitung Online, 14.09.2024:
Studie: Brandmauer zu AfD in Kommunen hat Risse, steht aber

Zeit Online, 14.09.2024:
Extremismus-Forscher vor der Wahl: AfD hat sich radikalisiert

_______________________________________________


www.hiergeblieben.de - Zusammenfassung - Samstag, 14. September 2024


Am 13. September 2024 erzählte die 91-jährige Sintezza und Holocaust-Überlebende Agnes vor Schülern, Schülerinnen der 10. / 11. Klassen im Christian-Dietrich-Grabbe-Gymnasium (Detmold), aus ihrem Leben.

Am 11. September 2024 wurde der - zum 12. September 2024 in Bünde geplante - Auftritt von Comedian Luke Mockridge - der sich über behinderte Menschen lustig machte - vom Tournee-Veranstalter abgesagt.

Am 14. September 2024 fand mit dem Motto "Kundgebung für den Frieden - Gerechtigkeit für Palästina" - von 15.00 bis 18.00 Uhr - vor dem Rathaus in Paderborn eine Querfront-Versammlung gegen Israel statt.


www.facebook.com/jeanlouis.pawellek

www.facebook.com/9NovemberBuende

www.vielfalt-lieben.de

_______________________________________________


Artikel-Einträge in der Datenbank:


Lippische Landes-Zeitung, 14./15.09.2024:
91-Jährige schildert Schülern das Grauen der KZ

Neue Westfälische, 14./15.09.2024:
Dilemma für Stadthallen: Mockridge muss Tour selbst absagen

_______________________________________________


Lippische Landes-Zeitung, 14./15.09.2024:

91-Jährige schildert Schülern das Grauen der KZ

Als Neunjährige musste Agnes ins KZ, weil sie eine Sinti ist / Sie hat Unfassbares erduldet und nur durch viel Glück überlebt / Darüber hat die Zeitzeugin jetzt zum ersten Mal gesprochen

Dieter Asbrock

Detmold. Es ist ein besonderer Moment, als die 91-Jährige die Bühne in der Aula des Grabbe-Gymnasiums betritt und zum Mikrofon greift. Zum ersten Mal überhaupt berichtet Agnes vor einem sehr jungen Publikum von der traumatischsten Episode ihres Lebens - dem unsagbaren Leid, das die Nationalsozialisten ihr und ihrer Familie angetan haben. Und das nur, weil sie zu den Sinti gehört.

Agnes - ihren vollen Namen möchte sie mit Blick auf das momentane gesellschaftliche Klima und aus Furcht vor Repressalien nicht in der Zeitung lesen - trifft auf ein aufmerksames Auditorium, bestehend aus Schülerinnen und Schülern der 10. und 11. Klassen des Grabbe-Gymnasiums, des Leopoldinums und der Realschule 1. Die NS-Zeit ist natürlich im Unterricht behandelt worden. "Wir haben heute die Chance, zuzuhören", sagt Anja Vothknecht, Leiterin des Grabbe, zur Begrüßung. "Wir lernen etwas für unsere Gegenwart und Zukunft. Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen."

Ihre Kollegin Kristina Panchyrz, Geschichtslehrerin am Grabbe, stellt fest, dass sich die junge Generation wieder zunehmend für die NS-Zeit interessiert. "Aber es gibt Wissenslücken, etwa über bestimmte verfolgte Gruppen, wie den Sinti und Roma." Diese größte Minderheit in Europa sei schon lange vor den Nazis verfolgt worden und habe in der Bundesrepublik lange um Anerkennung und Aufarbeitung der NS-Geschehnisse kämpfen müssen.

Dass Agnes an diesem Morgen im Grabbe spricht, ist Louis Pawellek zu verdanken. Der Pädagoge befasst sich seit Jahren mit Überlebenden des NS-Terrors, hat ihre Geschichten aufgeschrieben, und hat auch Agnes, zu der er ein sehr vertrautes Verhältnis hat, davon überzeugen können, jungen Menschen ihre Geschichte zu erzählen. "Wir setzen heute ein wichtiges Zeichen: Was Agnes erzählt, soll eine Mahnung für uns alle sein, damit sich Rassismus und Verfolgung nicht wiederholen."

Pawellek zeigt Fotos aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Bergen-Belsen, Ravensbrück, in die Agnes gesteckt wurde, erzählt von der entwürdigenden Vernichtungsmaschinerie, der Selektion nach Zwangsarbeit oder Gaskammer. "Bergen-Belsen war die Hölle."

Agnes hat sie erlebt. Sie war neun Jahre alt, als das Grauen begann. "Wir lebten damals in Hamburg. Wir waren eine fröhliche Familie, waren sechs Geschwister, hatten Arbeit." Bis eines Morgens die Gestapo an die Tür klopfte. Die ganze Familie wurde in Viehwaggons verfrachtet und ins KZ deportiert. 3682 - das war die Nummer, die man im Auschwitz dem kleinen Mädchen schmerzhaft auf den Arm tätowierte.

Das Essen, das war schlimm: "Kartoffelschalen und Steckrüben, Kommissbrot und Marmelade - es ist ein Wunder, dass ich trotzdem jetzt hier sitze", sagt Agnes. Ihre Mutter wurde davon krank: "Wir fanden sie tot auf einem Berg von Leichen."

Agnes erzählt von einem SS-Wachmann mit Schäferhund, der Häftlinge beim kleinsten Vergehen mit dem Ochsenziemer verprügelte. Seinen Namen weiß sie noch heute. Manche Häftlinge hätten sich aus lauter Verzweiflung in den Elektrozaun gestürzt, der das KZ Auschwitz umgab. "Am nächsten Morgen sahen wir ihre verkohlten Leichen." Sie erinnert sich an eine grausame SS-Frau namens Irma, die ausgesuchte Häftlinge habe köpfen lassen, um aus deren Haut Lampenschirme zu machen. Sie berichtet vom Schreien der Kinder, die in die Gaskammern getrieben wurden und genau wussten, was sie erwartet. Sie hat erlebt, wie Müttern tote Babys weggenommen wurden - die Leichen habe man anderentags gefunden, von Ratten angefressen. "Ich kann euch gar nicht alles erzählen, was da Schlimmes passiert ist."

Die Familie wurde auseinander gerissen, auf andere KZs verteilt. Agnes landete im Vernichtungslager Bergen-Belsen - und hatte das große Glück, wie ihre Mitgefangenen rechtzeitig von den amerikanischen Soldaten befreit zu werden. "Wir erfuhren von den Amis, dass die Nazis einen Waggon mit vergiftetem Brot bereit gestellt hatten, um uns vor der Befreiung noch umzubringen."

Es ist keine stringente Geschichte, die Agnes erzählt. Das ist auch nicht nötig. Die Begebenheiten, die sie schildert, haben Wirkung. Und immer wieder sagt sie zwischendurch ihr Credo: "Wir sind alle Deutsche - wenn wir alle zusammenhalten, passiert so etwas nicht mehr." Und sie appelliert immer wieder an die Jugendlichen: "Bitte sorgt dafür, dass das nie wieder passiert. Jeder Mensch hat das Recht zu leben. Ich wünsche keinem Menschen, dass er das erleben muss, was ich erlebt habe."

Es gibt Fragen seitens der Schülerinnen und Schüler. Ob die Familie wieder zusammengekommen ist, wie Agnes wieder zurück in die Gesellschaft gefunden hat, oder wie sie es ertragen konnte, unter Menschen zu leben, die einmal Nazis waren. Und auch nach Schluss der Veranstaltung bleiben einige Jugendliche noch, haben Fragen an Agnes, hören zu, was sie und ihre Enkelin zu sagen haben. Das Gehörte hat sie emotional sichtlich bewegt - ein Mädchen so sehr, dass Agnes sie in den Arm nimmt. Ihre Botschaft - sie ist angekommen.

Kontakt zum Autor: dasbrock@lz.de

Bildunterschrift: Auf Initiative von Louis Pawellek hat Agnes erstmals berichtet, was die Nazis ihr angetan haben. "Sorgt dafür, dass so etwas nie wieder passiert", gab sie den Schülern mit auf den Weg.

Eine Aufgabe fürs Leben

Louis Pawellek (26) hatte als Jugendlicher das Thema Holocaust im Unterricht. Das ließ ihn nicht mehr los. Er suchte den Kontakt zu Karla Raveh, Holocaust-Überlebende aus Lemgo, die ihm bereitwillig ihre Lebensgeschichte erzählte. "Sie sagte zum Schluss: Mach was draus. Das war mein Auftrag", erinnert sich Pawellek. Er habe sich dann intensiv mit der NS-Zeit befasst, nach Überlebenden des NS-Terrors in vielen Ländern geforscht. Die fand er teils über das Internet, teils über das Maximilian-Kolbe-Werk, das eben solchen Personen hilft. Alle hätten ihm bereitwillig von ihrem Schicksal erzählt. Einige dieser Lebensgeschichten hat er in seinem Buch "Die letzten Stimmen des Holocaust - 12 Überlebende erinnern sich" versammelt, erschienen im Echter-Verlag. Eine besonders enge Beziehung hat sich zu Agnes entwickelt: "Wir telefonieren täglich miteinander." (as)

_______________________________________________


Neue Westfälische, 14./15.09.2024:

Dilemma für Stadthallen: Mockridge muss Tour selbst absagen

Die betroffenen OWL-Städte hadern damit, den Künstler selbst auszuladen / Verträge und Gesetze binden ihnen die Hände

Moritz Trinsch

Bielefeld. Es klingt paradox: Auf der einen Seite verurteilen Paderhalle, Stadtgarten und die beiden Stadthallen in Beverungen und Rheda-Wiedenbrück die Aussagen von Luke Mockridge. Absagen wollen sie seine Tour-Auftritte allerdings nicht. Das müsse Mockridge selbst tun, heißt es. In Bünde und Paderborn hat er dies bereits getan; in den anderen OWL-Städten steht eine Entscheidung noch aus.

Doch warum ducken sich die Veranstaltungsorte vor einer eigenen Entscheidung weg, zumal sie in den Sozialen Netzwerken dafür heftig kritisiert werden?

Ja, die Witze seien geschmacklos, sagt Dirk Kaiser vom Stadtgarten. "Daraus lässt sich aber nicht das Recht herleiten, einen Vertrag von unserer Seite aus einseitig aufzukündigen, ohne dabei gegebenenfalls eine Strafe zahlen zu müssen." Und die würde wiederum im Zweifelsfall an den Künstler gehen, in diesem Fall Luke Mockridge.

Zudem kämen Schadenersatzansprüche von weiteren Dienstleistern hinzu, wie dem Caterer, den Technikern oder auch den Vorverkaufsstellen, die die Eintrittsgelder plus Gebühr erstatten müssten. Auf welchen Kosten der Stadtgarten bei einer Tour-Absage durch Mockridge sitzen bleiben würde, wollte Kaiser auf Nachfrage nicht sagen.

Der Stadtgarten ist dabei in einer anderen Position als der Fernsehsender "Sat1". Der hatte von sich aus die neue Mockridge-Show "Was ist in der Box" kurzfristig aus dem Programm genommen und muss dafür womöglich keine großen Strafen zahlen, weil wohl im Vorfeld feste Klauseln (Respekt vor ethischen Grundsätzen, Einhalten gesellschaftlicher Normen und diskriminierungsfreie Kommunikation) vereinbart worden sind, wie die "Wirtschaftswoche" berichtet. "Wir sind hingegen nicht Gestalter des Vertrags", sagt Kaiser. "Wir haben den Vertrag so zu unterschreiben, wie er kommt."

Etwas anders sieht die Situation bei der Paderhalle aus. Sie wird von der städtischen Paderborner Stadthallen-Betriebs GmbH betrieben und gilt damit als "öffentliche Einrichtung". Die Paderhalle ist also gesetzlich dazu verpflichtet, das Vertragsangebot vom örtlichen Veranstalter anzunehmen, auch wenn es sich um polarisierende Persönlichkeiten handelt. "Wenn es rechtlich möglich wäre, hätte ich gerne abgesagt", so Maria Rodehuth, Geschäftsführerin der Paderhalle.

"Die Aussagen von Mockridge berechtigen uns nicht zu einer Absage", sagt Andreas Knoblauch-Flach von der Kulturgemeinschaft Beverungen. "Zumindest nicht, ohne dass der Künstler einen finanziellen Anspruch geltend machen kann."

Und Kerstin Bruchmann-Schön, Sprecherin der Flora Westfalica und der Stadthalle Rheda-Wiedenbrück, sagt: "Wir halten uns bedeckt, weil auch wir noch nicht wissen, wohin die Reise geht." Fest steht: Die Stadthalle ist eine öffentliche Einrichtung und unterliegt bestimmten Regeln (ähnlich wie die Paderhalle). Welchen? Das werde derzeit geprüft.

Bildunterschrift: Luke Mockridge steht für Aussagen über Menschen mit Behinderung in der Kritik.

_______________________________________________


zurück