|
Neue Westfälische Online ,
19.08.2024 :
Rechtsextreme in OWL: Wie gefährlich ist die völkische Szene?
19.08.2024 - 19.00 Uhr
"Artgemeinschaft" und Co.
Organisationen wie die "Artgemeinschaft" und die "Heimattreue Deutsche Jugend" waren in der Region aktiv. Experten berichten von einem Wandel in der Szene - und sehen auch Gefahren.
Von Lukas Brekenkamp
Bielefeld. Sie verfolgen eine Rassenideologie wie etwa zu Zeiten des NS: In Teilen Ostwestfalens ist die völkische Szene besonders aktiv, wie Experten seit Jahren warnen. Ihre Anhänger geben demnach ihre Ideologie bereits seit Generationen weiter. Sie organisierten sich in mittlerweile verbotenen Gruppen - und sind auch weiterhin aktiv. Einzelne Personen der Szene werden von Beobachtern sogar als gefährlich bezeichnet.
Es ist erst ein paar Wochen her, da hat die Staatsanwaltschaft Detmold gegen mehrere Personen aus der völkischen Szene aus Lippe Anklage erhoben. Es geht um Körperverletzung, Nötigung, rechtsextreme Symbole und Lieder sowie einen SEK-Einsatz in Horn-Bad Meinberg, bei dem ein Mann (54) ein Messer gezogen haben soll. Auch zwei seiner Söhne wird vorgeworfen, Widerstand geleistet zu haben. Bei den vorhergegangenen Durchsuchungen ging es um Waffen, die die Polizei den Personen der völkischen Szene abnehmen wollte.
Die Personen, die Ziel der Einsätze waren, gehören zu zwei Familienverbänden. Laut Verfassungsschutz stehen diese mit Blick auf die völkische Szene in OWL im Fokus. Sie seien "generationsübergreifend in der rechtsextremen Szene aktiv". Eine Sprecherin des NRW-Verfassungsschutzes verweist darauf, dass Familienmitglieder schon in der 1994 verbotenen "Wiking-Jugend" (galt als Nachfolgeorganisation der "Hitlerjugend" und des "Bundes deutscher Mädel") aktiv gewesen seien. Beide Familien, so die Sprecherin weiter, engagierten sich ebenfalls in der 2009 verbotenen Vereinigung "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) und waren in der verbotenen "Artgemeinschaft" aktiv.
Rechtsextreme Kindererziehung in OWL
2006 organisierte die HDJ ein Zeltlager nahe Detmold. Durch Aktionen wie diese habe die HDJ insbesondere versucht, Kinder und Jugendliche ideologisch und militärisch zu schulen, berichtet ein Mitarbeiter der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus in OWL (MBR). "Und tatsächlich sind viele von ihnen mittlerweile auch in der rechtsextremen Bewegung aktiv." Die jüngsten Anklageerhebungen der Staatsanwaltschaft Detmold zeigen laut dem MBR-Mitarbeiter, wie gewaltbereit Teile der beiden völkischen Familienverbände aus Lippe seien.
Fortgesetzt worden sei die völkische Kindererziehung nach Ansicht von Szene-Kennern später in den Strukturen der inzwischen verbotenen "Artgemeinschaft". Sie hatte in OWL nach Schätzungen von Beobachtern rund 25 Anhänger, vorrangig aus den Kreisen Lippe, Paderborn und Minden-Lübbecke. Einzelne Kinder aus den führenden "Sippen" in OWL seien zu "gefährlichen und gewalttätigen Straftätern" geworden.
Völkische Szene in OWL ist gut vernetzt
Als die "Artgemeinschaft" im Frühherbst 2023 verboten wurde, durchsuchte die Polizei in Porta Westfalica (Kreis Minden-Lübbecke) das Haus einer Funktionärin. Die Frau war von 2016 bis 2020 im Vorstand der "Neonazi-Sekte". Zudem saß sie seit 2016 im Vorstand des Vereins "Familienwerk", der als Teilorganisation der "Artgemeinschaft" ebenfalls verboten wurde. Laut NRW-Verfassungsschutz haben Rechtsextremisten aus OWL die "Artgemeinschaft" zur Vernetzung genutzt.
Ein Szene-Beobachter des Portals "Hiergeblieben" betont, dass die Anhänger nach dem Verbot nicht von der Bildfläche verschwunden seien. So versammelten sich kurz darauf mehrere Personen mit Bezug zu der verbotenen "Neonazi-Sekte" in Detmold. Es sei ein Generationswechsel und eine deutliche Verjüngung "in den stark anwachsenden Nachfolgestrukturen" zu beobachten. Dies zeige sich vor allem im Raum Lippe.
Szene-Beobachter berichten von Verjüngung
Teil dieser Verjüngung ist auch die Gruppierung "Aktion Hermannsland" - laut Verfassungsschutz ein Zusammenschluss verschiedener rechtsextremistischer Akteure in OWL, bei dem es aber auch Überschneidungen in die jüngere Generation der völkischen Szene in OWL gibt.
Der Verfassungsschutz sieht die völkische Szene in der Region durch Verbote wie das der "Artgemeinschaft" durchaus geschwächt. Doch es etablieren sich auch neue Strukturen. Als ein Beispiel dafür nennt eine Sprecherin das Thule Seminar des französischen rechtsextremistischen Publizisten Pierre Krebs aus Kassel.
Verfassungsschutz: Kein Ende völkischer Aktivitäten
Schon jetzt hat der Verein, der sich nach dem Verbot mit der "Artgemeinschaft" solidarisierte, seine Spuren in OWL hinterlassen. Ein Verleger aus Horn-Bad Meinberg wird im Vereinsregister seit 2005 als Vorstandsmitglied geführt. Der Mann ist eng verbunden mit der Lipper völkischen Szene. So nahm er in der Vergangenheit regelmäßig an Schilder-Demos eines bekannten Lipper Rechtsextremisten teil. Zudem tauchte er immer wieder im Umfeld der hiesigen AfD oder anderen Personen aus der rechten Szene auf.
Eine Sprecherin des Verfassungsschutzes betont: "In OWL ist insbesondere durch die Existenz einschlägiger familiärer Strukturen eine Kontinuität völkischer Aktivitäten festzustellen, die sich über bestehende Vereinsverbote hinaus fortsetzt." Systematische Neugründungen völkischer Organisationen oder Rekrutierungsbestrebungen seien hier allerdings nicht erkennbar. "Auf Grund der langjährigen Aktivitäten der Familienverbände in der rechtsextremistischen Szene beobachtet der Verfassungsschutz NRW die lokale Szene in OWL weiterhin sehr genau", betont die Sprecherin.
Bildunterschrift: Kurz nach dem Verbot der "Artgemeinschaft" 2023 versammelten sich mehrere Anhänger der völkischen Szene in Detmold, darunter auch einige Frauen, die gemeinsam in der Fußgängerzone sangen.
Bildunterschrift: Polizisten tragen einen schweren Karton aus dem Haus in Porta Westfalica, das im Rahmen des "Artgemeinschaft"-Verbots 2023 durchsucht wurde. Dabei fanden die Beamten NS-Devotionalien.
Bildunterschrift: An Schilder-Demos in Detmold nehmen immer wieder bekannte Personen aus der völkischen Szene in Lippe teil.
_______________________________________________
In der zweiten Juliwoche 2024 erhob die Staatsanwaltschaft Detmold eine Reihe Anklagen gegen Neonazis aus völkischen Familien (Fromhausen, Berlebeck und Lippstadt) wegen Gewalt- und Propaganda-Delikten.
Am 30. September 2023 beendete die Polizei in Detmold erst gegen 14.00 Uhr den musikalischen Aufzug aus dem Umfeld der verbotenen "Artgemeinschaft" ohne Personalienfeststellungen, Anzeigeerstattungen.
Am 30. September 2023 demonstrierten 12 völkische Rechte (unter der Leitung von Andreas Hanusek) in Detmold, nach dem "Artgemeinschaft"-Verbot am 27. September 2023, mit einem musikalischen Aufzug.
Am 30. September 2023 hielten in Detmold 12 (völkische) Rechte - Andreas, Falk, Erik Hanusek, Gerlinde Ulrich, Lennard Sanner, Ann-Marie Diederichs - einen musikalischen Aufzug ("Die Gedanken sind frei") ab.
Am 27. September 2023 wurde nach dem Verbot der "Artgemeinschaft" durch das Bundesministerium des Innern, das Haus der völkischen Aktivistin Julia Catharina Czaja (Jg. 1984) in Porta Westfalica durchsucht.
_______________________________________________
www.hiergeblieben.de
|