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Neue Westfälische ,
06.09.2024 :
Behörden prüfen Morde in OWL
In NRW gibt es mehr rechtsextreme Tötungsdelikte als bisher angenommen / Bei einer Neubewertung von 30 Fällen spielten auch Morde aus der Region eine Rolle
Lukas Brekenkamp
Bielefeld / Düsseldorf. In NRW gab es in den vergangenen Jahrzehnten mehr Gewaltverbrechen mit rechtsextremem Motiv als bisher angenommen. Das hat eine Auswertung des Landeskriminalamtes NRW (LKA) ergeben. Auch zwei bekannte Tötungsdelikte aus Ostwestfalen standen dabei auf dem Prüfstand.
Das Projekt
Den Stein ins Rollen gebracht hat eine Neubewertung des LKA von einem spektakulären Verbrechen in Overath bei Köln, dessen Motiv nachträglich als rechtsextrem eingestuft wurde. Ein Neonazi hatte im Oktober 2003 in Overath einen Rechtsanwalt, dessen Ehefrau und Tochter erschossen. Der Anwalt hatte zuvor bewirkt, dass der verschuldete Neonazi ein Gehöft verlor, auf dem er Treffen von Rechtsextremisten veranstaltet hatte. Das Landgericht Köln hatte ihn 2004 zur Höchststrafe verurteilt und im Urteil vermerkt, dass die nationalsozialistischen Vorstellungen des Mörders bei der Tat eine Rolle gespielt haben.
Nach der Neubewertung der Morde von Overath veranlasste das NRW-Innenministerium eine Neubetrachtung von 30 zurückliegenden Gewaltdelikten zwischen den Jahren 1984 und 2020, um möglicherweise weitere rechte Hintergründe aufzudecken. Unter den Fällen waren auch zwei Morde aus OWL.
Das Ergebnis
Insgesamt erhöhte sich die Zahl der Todesopfer durch rechte Gewalt nach der Neubetrachtung um vier auf 13 seit 1990. Unter den neuen Todesopfern befindet sich ein Obdachloser, der 1995 in Velbert von Rechtsradikalen erstochen wurde. Zudem sehen die Forscher in einem Verbrechen in Bochum 1997 ebenfalls einen rechten Hintergrund, als ein Homosexueller von einem Bekannten getötet wurde - laut Forschern wegen seiner sexuellen Orientierung.
1999 wurde in Duisburg ein Mann nach einer regelrechten Hetzjagd von drei Rechtsradikalen getötet - mit ihren Springerstiefeln traten sie ihn bis zur Unkenntlichkeit. Der Mann galt als Zufallsopfer, sei aber auch stellvertretend für die Schwachen in der Gesellschaft ausgewählt worden. Diesem Verbrechen ordnen die Experten nun einen rechtsextremen Hintergrund zu, ebenso wie der Mord an einem Punker in Dortmund 2005 - der Täter: ein 17-Jähriger aus der rechten Szene.
Neben den Fällen mit Tötungsfolge ordnete das LKA auch weitere Verbrechen, bei denen die Opfer verletzt wurden, mittlerweile dem rechten Spektrum zu.
Die Fälle aus OWL
Zwei der 30 neu betrachteten Fälle - die Experten sprechen von "Grenzfällen" - sind in Ostwestfalen zu verorten. Zum einen der Mord an Alexandra R. in Paderborn: 1994 wurde die Frau mit Wurzeln in Griechenland von ihrem Nachbarn im Mehrfamilienhaus mit Benzin übergossen und angezündet. Der 62-Jährige soll R. und ihre Familie zuvor immer wieder rassistisch beleidigt und sie auch bedroht haben. Wie aus den Daten des LKA hervorgeht, erkennen die Behörden in dem Mord an Alexandra R. kein eindeutiges rechtes Motiv - jedoch sei dieses auch nicht eindeutig "abwesend". Womöglich gebe es weitere Spezifika, heißt es in der Auswertung. Der Fall, so scheint es, bleibt also weiter ein "Grenzfall".
Der zweite Fall sorgte ebenfalls für enormes Aufsehen - bundesweit. 2014 verschwand in Herford der fünfjährige Dano, wenig später wurde seine Leiche gefunden. Die Spuren führten zu einem 43-jährigen Nachbarn der Familie. Er stand schon Jahre zuvor im Verdacht, für das Verschwinden eines Mädchens in Hannover verantwortlich gewesen zu sein - was sich später tatsächlich bestätigte.
Für beide Verbrechen wurde er zu jeweils 15 Jahren Haft verurteilt. Wieso das LKA in dem Fall ein mögliches rechtes Motiv sah, ist derweil unklar - offenbar lag es an dem Migrationshintergrund von Dano, wenngleich auch der Täter einen hat. Die Experten kamen jedoch nach der Neubetrachtung zu dem Urteil: "politisches Element / Motiv eindeutig abwesend".
Bildunterschrift: Neonazi-Demonstration in Koblenz, Rheinland-Pfalz, Deutschland, Europa.
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Radio Hochstift, 14.10.2021:
Mahnwache für Alexandra Rousi in Paderborn
Die Black Community Foundation Paderborn will heute Abend eine Mahnwache am Rathausplatz abhalten. Anlass ist der 27. Todestag der Paderborner Griechin Alexandra Rousi.
Sie wurde 1994 ermordet. Im vergangenen Jahr tauchte der Fall erstmals in einer aktualisierten Liste von Opfern rechter Gewalt der Medien Zeit Online und dem Tagesspiegel auf. Radio Hochstift hatte damals berichtet.
Die heutige Mahnwache soll von 18 bis 20 Uhr dauern. Die Teilnehmer wollen sich auch für ein Denkmal einsetzen.
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- Donnerstag, 14. Oktober 2021 von 18.00 bis 20.00 Uhr -
Stille Mahnwache zum 27. Todestag von Alexandra Rousi
Veranstaltungsort:
Vor dem
Rathaus Paderborn
Am Abdinghof 11
33098 Paderborn
Es können dort Kerzen angezündet und / oder Blumen abgelegt werden.
Alexandra wurde von ihrem Nachbarn mit Benzin übergossen und angezündet.
Nicht nur wurde der Fall damals in den Lokalzeitungen und vom damaligen Bürgermeister relativiert und verharmlost ("Es gibt keinen Rassismus in Paderborn") - Alexandra Rousis Familie hat bis heute keine Beileidskundgebungen von offiziellen Vertreterinnen / Vertretern der Stadt bekommen.
In Paderborn hatte dieser Fall lange keine große Öffentlichkeit, das wollen wir in Zukunft ändern.
Erinnern heißt kämpfen. Gegen das Vergessen.
Veranstalterin: Paderborner Bündnis gegen Rechts
www.bgr-paderborn.de
www.facebook.com/paderbornerbuendnisgegenrechts
www.twitter.com/bgrpaderborn
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Westfalen-Blatt / Westfälisches Volksblatt, 14.10.2021:
Tödlicher Brandanschlag jährt sich
Black Community Foundation erinnert mit Mahnwache an Alexandra Rousi
Paderborn (mai). An den grausamen Brandanschlag, der die Griechin Alexandra Rousi das Leben kostete, will die Black Community Foundation heute von 18 bis 20 Uhr auf dem Rathausplatz mit einer stillen Mahnwache gedenken. Das aus Hass begangene Verbrechen jährt sich diesen Donnerstag zum 27. Mal.
"Es erschüttert mich, dass diese Tat bis heute nicht als rassistisch motiviertes Verbrechen anerkannt ist", sagt Initiatorin Tatjana Lüke. Die 19-jährige Studentin ist über einen Hinweis der Bildungsstätte Anne Frank zum Gedenken an Mordopfer rassistisch motivierter Gewalt auf den Fall aufmerksam geworden. "Mir sagte das gar nichts und auch den Menschen in meinem Umfeld nicht. Das muss sich ändern", fordert sie mit Unterstützung der Black Community Foundation, bei der sie sich gegen Ausgrenzung und Rassismus engagiert. Die Mahnwache sei ein erster Schritt, folgen soll eine Petition mit dem Ziel eine Gedenktafel oder ein Mahnmal zur Erinnerung an die Tat des Nachbarn der damals 62-Jährigen zu erinnern. "Wir hoffen, dass wir darüber mit Bürgermeister Michael Dreier ins Gespräch kommen können", sagt Tatjana Lüke, die sich inzwischen intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt hat.
Petition mit Ziel der Anerkennung als rassistisch motivierte Tat
Sieben Jahre lang hatte die griechische Familie mit dem späteren Täter unter einem Dach gelebt, hatte Alexandra Rousis Schwiegertochter, die nach dem Verbrechen mit ihrer Familie nach Korfu gezogen ist, im vergangenen Jahr dem Berliner Tagesspiegel berichtet. Immer wieder hätten Begegnungen im Hausflur "mit wüsten rassistischen Anfeindungen und Drohungen des Nachbarn" geendet. "Ausländerschweine, Scheiß Kanaken, geht dahin, wo ihr herkommt", zitierte Chara Rousi im Gespräch mit dem Tagesspiegel einige der Beschimpfungen. Das sei so schlimm gewesen, dass die Schulfreunde ihrer Kinder diese nicht mehr besuchen wollten aus Angst, auf den Nachbarn zu treffen.
Chara Rousi führte damals zusammen mit ihrem Mann Niko den "Gyros Grill bei Nikos" am Westerntor. Ihr Mann habe sich wegen der Drohungen des Nachbarn mehrfach vergeblich an das städtische Liegenschaftsamt als Verwalter des Zweifamilienhauses gewandt.
Am 14. Oktober 1994 eskaliert die Situation dann. Der Nachbar kommt mit zwei Eimern Benzin von der Tankstelle und droht der Familie "sie alle anzuzünden". Niko Rousi, der sich ihm entgegenstellt, streckt er per Faustschlag nieder. Als Alexandra Rousi zusammen mit ihrer Schwiegertochter versucht, ihn auf der Treppe abzuwehren, schwappt Benzin auf ihre Kleidung und den Boden. Als der 62-Jährige schließlich ein Streichholz entzündet, kommt es zu einer Stichflamme. Chara Rousi kann sich durch einen Sprung auf den Balkon retten, Alexandra Rousi verbrennt vor ihrer Wohnungstür. Auch der Nachbar kommt in den Flammen ums Leben, weshalb kein Ermittlungsverfahren eröffnet wird. Bis heute taucht Alexandra Rousi in keiner Statistik rassistisch motivierter Gewalttaten auf.
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Westfalen-Blatt Online, 13.10.2021:
Tödlicher Brandanschlag jährt sich
13.10.2021 - 23.00 Uhr
Black Community Foundation erinnert mit Mahnwache in Paderborn an Alexandra Rousi
Paderborn
An den grausamen Brandanschlag, der die Griechin Alexandra Rousi das Leben kostete, will die Black Community Foundation heute von 18 bis 20 Uhr auf dem Paderborner Rathausplatz mit einer stillen Mahnwache gedenken. Das aus Hass begangene Verbrechen jährt sich diesen Donnerstag zum 27. Mal.
Von Maike Stahl
"Es erschüttert mich, dass diese Tat bis heute nicht als rassistisch motiviertes Verbrechen anerkannt ist", sagt Initiatorin Tatjana Lüke. Die 19-jährige Studentin ist über einen Hinweis der Bildungsstätte Anne Frank zum Gedenken an Mordopfer rassistisch motivierter Gewalt auf den Fall aufmerksam geworden. "Mir sagte das gar nichts und auch den Menschen in meinem Umfeld nicht. Das muss sich ändern", fordert sie mit Unterstützung der Black Community Foundation, bei der sie sich gegen Ausgrenzung und Rassismus engagiert.
Die Mahnwache sei ein erster Schritt, folgen soll eine Petition mit dem Ziel eine Gedenktafel oder ein Mahnmal zur Erinnerung an die Tat des Nachbarn der damals 62-Jährigen zu erinnern. "Wir hoffen, dass wir darüber mit Bürgermeister Michael Dreier ins Gespräch kommen können", sagt Tatjana Lüke, die sich inzwischen intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt hat.
Sieben Jahre lang hatte die griechische Familie mit dem späteren Täter unter einem Dach gelebt, hatte Alexandra Rousis Schwiegertochter, die nach dem Verbrechen mit ihrer Familie nach Korfu gezogen ist, im vergangenen Jahr dem Berliner Tagesspiegel berichtet. Immer wieder hätten Begegnungen im Hausflur "mit wüsten rassistischen Anfeindungen und Drohungen des Nachbarn" geendet. "Ausländerschweine, Scheiß Kanaken, geht dahin, wo ihr herkommt", zitierte Chara Rousi im Gespräch mit dem Tagesspiegel einige der Beschimpfungen. Das sei so schlimm gewesen, dass die Schulfreunde ihrer Kinder diese nicht mehr besuchen wollten aus Angst, auf den Nachbarn zu treffen.
Am 14. Oktober 1994 eskaliert die Situation
Chara Rousi führte damals zusammen mit ihrem Mann Niko den „Gyros Grill bei Nikos“ am Westerntor. Ihr Mann habe sich wegen der Drohungen des Nachbarn mehrfach vergeblich an das städtische Liegenschaftsamt als Verwalter des Zweifamilienhauses gewandt.
Am 14. Oktober 1994 eskaliert die Situation dann. Der Nachbar kommt mit zwei Eimern Benzin von der Tankstelle und droht der Familie "sie alle anzuzünden". Niko Rousi, der sich ihm entgegenstellt, streckt er per Faustschlag nieder. Als Alexandra Rousi zusammen mit ihrer Schwiegertochter versucht, ihn auf der Treppe abzuwehren, schwappt Benzin auf ihre Kleidung und den Boden. Als der 62-Jährige schließlich ein Streichholz entzündet, kommt es zu einer Stichflamme.
Chara Rousi kann sich durch einen Sprung auf den Balkon retten, Alexandra Rousi verbrennt vor ihrer Wohnungstür. Auch der Nachbar kommt in den Flammen ums Leben, weshalb kein Ermittlungsverfahren eröffnet wird. Bis heute taucht Alexandra Rousi in keiner Statistik rassistisch motivierter Gewalttaten auf.
Bildunterschrift: Die Berichterstattung des Westfalen-Blattes vom Brandanschlag auf Alexandra Rousi im Jahr 1994. Auch gegenüber dieser Zeitung schloss die Staatsanwaltschaft damals einen fremdenfeindlichen Hintergrund aus.
Bildunterschrift: In diesem Haus wurde Alexandra Rousi am 14. Oktober 1994 getötet.
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Radio Hochstift, 14.10.2020:
Mord an Paderborner Griechin 1994 rassistisch motiviert
26 Jahre nach dem Mord an einer Griechin in Paderborn erhält der Fall erneut bundesweite Aufmerksamkeit. Die Medien Zeit Online und Tagesspiegel haben eine aktualisierte Liste von Opfern rechter Gewalt seit 1990 veröffentlicht - darin ist jetzt auch der Fall von Alexandra Rousi in Paderborn.
Von den Behörden wird Alexandra Rousi weiter nicht offiziell als Opfer rechter Gewalt geführt - obwohl bekannt ist, dass der damalige Täter schon Wochen vor der Tat im Oktober 1994 durch rassistische Beleidigungen gegen die Familie des Opfers auffiel.
Viel mehr wurde er als Verrückter dargestellt. Ermittlungen gegen ihn blieben aus, weil er durch das von ihm selbst gelegte Feuer ums Leben kam. Auch Alexandra Rousi, seine damalige Nachbarin an der Detmolder Straße in Paderborn, starb in den Flammen. Im Gespräch mit Radio Hochstift und der NW bemängeln Verwandte des Opfers, dass es bis heute auch keine Beileidsbekundungen seitens der offiziellen Behörden gibt.
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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung, 14.10.2020:
Ein (fast) vergessenes Hass-Verbrechen
Vor 26 Jahren wird ein tödlicher Brandanschlag auf eine griechische Familie verübt / Das mutmaßliche Motiv des Täters ist Hass auf Ausländer / Die Angehörigen des Opfers beschäftigt die Tat noch immer
Marc Schröder
Paderborn. Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen - in den 1990er Jahren steht diese Aneinanderreihung für Orte rechter Gewalttaten, die letzten beiden für tödliche Brandanschläge auf Bürger ausländischer Herkunft. Auch in Paderborn gab es einen Fall, der jedoch nicht als konkrete rechtsextreme Tat eingeordnet wurde. Vor 26 Jahren starb eine 62-jährige Griechin, als ein Nachbar Benzin im Haus verschüttete und anzündete, auch der Täter kam in den Flammen um. Zuvor hatte der Mann die Familie immer wieder ausländerfeindlich beleidigt.
"Immer wenn ich an dem alten Haus vorbeikomme, dann fährt mir der Schrecken in die Glieder. Da bleibt mir das Herz stehen", erinnert sich Tina Curis im gemeinsamen Gespräch mit der NW und Radio Hochstift an den 14. Oktober 1994. Auf ihrer Arbeitsstelle bekam sie einen Anruf, ob sie zur Polizei kommen könne, um ihre Schwester Chariklia dort abzuholen. Als sie auf der Wache ankommt, wird sie zunächst behutsam zur Seite genommen. "Dann kam meine Schwester völlig durchnässt und stark nach Benzin riechend", schildert Curis, erst danach erfährt sie, was passiert war.
Mit zwei Eimern voller Benzin hatte sich ein Nachbar der griechischen Familie, Hermann J., von einer Tankstelle aus zum Zweifamilienhaus begeben. Dort schlug er Nikolaos Rousi, den Schwager von Tina Curis, nieder, als dieser ihn an der Haustür aufhalten wollte. Als Nikolaos wieder zu sich kommt, hört er J. rufen "Ich zünde euch alle an".
Zu diesem Zeitpunkt war Hermann J. im Treppenhaus vor der Wohnungstür bereits auf Chariklia und ihre Schwiegermutter Alexandra getroffen. Beim Versuch, ihn aufzuhalten, schwappt das Benzin über auch auf die Kleidung der Beteiligten. J. gelingt es, Streichhölzer zu entzünden, woraufhin sich die Treibstoffdämpfe mit einer Verpuffung entzünden. Chariklia kann noch reagieren und rettet sich mit einem Sprung vom Balkon vor den Flammen. Bei einem Rettungsversuch erleidet Nikolaos Verbrennungen, kommt aber zu spät. Alexandra Rousis stirbt im Feuer. Der Angreifer wird von der Feuerwehr gerettet, stirbt aber noch am selben Abend im Krankenhaus.
Schon vorher war Hermann J. gegenüber der Familie ausfällig geworden. Immer wieder sei es zu Beleidigungen gekommen "Griechische Schweine", "Scheiß Ausländer" und "irgendwann steck ich euch an", berichtet Tina Curis, auch Schläge soll J. angedroht haben. Während es mit J.s Ehefrau nie Probleme gegeben hätte, sei er dagegen vom Hass auf Ausländer erfüllt gewesen.
Rousis hatten sich darüber auch bei ihrem städtischen Vermieter beschwert, ohne Erfolg. "Wir als Familie konnten uns das nicht erklären. Alexandra war eine ganz liebe Omi und Nikolaos und meine Schwester haben hart in ihrem Imbiss gearbeitet."
Die Großmutter hatte als Köchin in einer Kantine der Briten gearbeitet, bis sie dies gesundheitlich nicht mehr konnte.
Enttäuscht über Reaktion der Stadt
Das Ehepaar Rousis betrieb am Westerntor den "Gyros Grill bei Niko". "Sie galten nicht nur bei den Kunden als beliebt", kann die jetzt 59-Jährige auch heute noch nicht verstehen, wie es zu der hasserfüllten Tat kommen konnte.
Die Söhne der Rousis waren zum Tatzeitpunkt in der Schule. "Mein Mann wartete dann am Haus auf das Taxi, das sie bringen sollte, und brachte sie zu uns nach Hause. Erst dann wurde ihnen erklärt, was geschehen war", beschreibt Tina Curis die weiteren Abläufe. Die Familie nahm ihre Verwandten bei sich auf. "Da waren wir dann auf einmal elf Personen in unserer 110-Quadratmeter-Wohnung, aber irgendwie musste es ja gehen."
Vor dem Hintergrund der ausländerfeindlichen Anschläge in den Neunzigern war die griechische Community Paderborns in Aufruhr. "Es gab eine Demonstration mit gut 300 Leuten, viele Griechen, sogar der Konsul aus Düsseldorf war dafür hier" auch einige Deutsche hätten sich dem Trauermarsch angeschlossen, erzählt Tina Curis von den Tagen danach.
Ihr Antrieb war wohl auch im Verhalten der Behörden und städtischen Verantwortlichen begründet. Durch den Tod des Täters wurden die Ermittlungen recht schnell eingestellt, trotz der Vorgeschichte ohne einen Vermerk zu einem rechtsradikalen oder ausländerfeindlichen Hintergrund. "Von der Stadt oder dem Bürgermeister (Anmerkung: Wilhelm Lüke) kam nicht ein Wort, nicht einmal eine Beileidsbekundung", man merkt Tina Curis die Enttäuschung über das Schweigen noch deutlich an. "Aber ich glaube, heutzutage würde man im Rathaus bei einem solchen Vorfall anders reagieren." Gerade angesichts der zurückliegenden deutschlandweiten Taten habe sie immer Angst vor rechten Anschlägen und Morden.
Alexandra Rousi wurde auf der griechischen Insel Korfu beigesetzt. Die Familie Rousi verließ einige Monate später Deutschland und ging nach Griechenland zurück. "Wir wollten sie umstimmen, doch das Erlebte saß zu tief", beschreibt Tina Curis die Entscheidung. Ein Schritt, den ihr Sohn Konstantinos, damals sechs Jahre alt, als Kind nicht verstehen konnte. "Als sich alles einigermaßen beruhigt hatte, war es gerade für uns kleineren Kinder trotz der vielen Leute in der Wohnung auch spannend."
Die Tragweite der Ereignisse und Erklärungen der Eltern habe er erst als Teenager begreifen können. Auch als der Onkel Jahre später noch einmal nach Paderborn kam, verdeutlichte sich sein Verständnis. "Es war besonders beim Autofahren zu bemerken, dass er es vermied, am Westerntor oder der alten Wohnung vorbeizukommen", so der heute 33-Jährige. Nikolaos Rousi habe das Geschehen bis heute nie ganz verarbeiten können.
Erfassung rechtsextremer Morde
Zwischen 1990 und 2020 sind 187 Menschen durch rechtsmotivierte Gewalttäter zu Tode gekommen. Das ergeben Langzeitrecherchen von Zeit Online und dem Tagesspiegel.
In den offiziellen Statistiken werden nur 109 Todesopfer aufgeführt, bei denen die Tatmotive klar als rechtsextrem eingeordnet wurden.
Bei 78 Toten seien, ähnlich wie im Fall Alexandra Rousi, die Motive der Täter laut den Ermittlungsbehörden nicht eindeutig aufzuklären.
Bildunterschrift: Konstantinos Curis mit dem Bild der bei einem Brandanschlag getöteten Alexandra Rousi.
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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung, 14.10.2020:
Paderborn: Erschütternder Brandanschlag vor 26 Jahren
Paderborn. Eine 62-jährige Griechin starb im Oktober 1994 als ein Nachbar Benzin im Treppenhaus entzündete. Auch der Täter kam zu Tode. Der Mann hatte die Familie zuvor immer wieder ausländerfeindlich beleidigt und auch bedroht. Trotzdem wurde die Tat von den Behörden nicht als rechtsextrem eingestuft.
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Der Tagesspiegel Online, 13.10.2020:
"Ein ganz gewöhnlicher Rassist aus der Mitte der Gesellschaft"
13.10.2020 - 22.57 Uhr
Die Nachbarin mit Benzin verbrannt
Am 14. Oktober 1994 wurde die 62-jährige Alexandra Rousi ermordet. Von Behördenseite hieß es zuvor, man müsse selbst mit dem hasserfüllten Nachbarn klarkommen.
Von Heike Kleffner
"Deutschland hat uns einfach vergessen." Die Stimme von Chara Rousi klingt brüchig. Manchmal fehlen der 54-Jährigen die deutschen Worte, um zu beschreiben, was am 14. Oktober 1994 das Leben ihrer Familie in Paderborn zerstört und Chara Rousi zusammen mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern nach Griechenland vertrieben hat.
Der Mann, der am Vormittag des 14. Oktober 1994 insgesamt 24 Liter Benzin an einer Tankstelle in zwei Eimer füllt, um sie wenige Minuten später vor der Wohnungstür von Chara Rousi auszukippen, ist kein Unbekannter. Es ist der 62-jährige Nachbar aus der Wohnung im Erdgeschoss.
Sieben Jahre lang haben sie sich täglich im Hausflur oder im Garten des bescheidenen Zweifamilienhauses getroffen. Immer wieder endeten diese Begegnungen mit wüsten rassistischen Anfeindungen und Drohungen des Nachbarn. Auch 26 Jahre später hat Chara Rousi keinen dieser Sätze vergessen.
""Ausländerschweine, Scheiß Kanaken, geht dahin, wo ihr herkommt", damit hat er uns begrüßt und verabschiedet", sagt Chara Rousi. "Die Drohungen wurden so schlimm, dass die Schulfreunde unserer Kinder nicht mehr zu uns nach Hause kommen wollten, aus Angst, auf den Nachbarn zu treffen."
Chara Rousi wurde als Kind griechischer Arbeitsmigranten 1966 in Hamburg geboren und übernahm Ende der 1980er Jahre als junge Frau mit ihrem acht Jahre älteren Ehemann Niko in der Innenstadt von Paderborn einen kleinen Imbiss. "Das Geschäft war unser Lebensmittelpunkt", erinnert sie sich.
Stolz erzählt sie, wie aus dem "Gyros Grill bei Nikos" in wenigen Jahren ein beliebter Anlaufpunkt in der damals 130.000 Einwohnerstadt wurde. "Wir haben so viel geschuftet, bis spät in die Nacht, dass meine Schwiegermutter ihre Arbeit aufgab, um unsere Kinder zu versorgen." Den bedrohlichen Nachbarn habe man "so gut es ging" versucht zu beruhigen oder zu ignorieren.
Denn alle Hilferufe, das städtische Liegenschaftsamt als Verwalter des Zweifamilienhauses dazu zu bewegen, auf den Nachbarn einzuwirken, liefen ins Leere. Immer wieder erhielt Niko Rousi dort die lapidare Antwort, da könne man nichts machen, das müssten die Nachbarn untereinander regeln.
1992 Mölln, 1993 Solingen
Auch als der Nachbar vier Tage vor dem 14. Oktober mit einem Knüppel vor der Familie Rousi stand und drohte, er werde jetzt zuschlagen, wenn sie nicht endlich "nach Griechenland abhauen würden", geht Niko Rousi erneut zum Liegenschaftsamt. Wieder wird er mit dem Satz abgewimmelt, man könne nichts tun.
Sie hätten in den Nachrichten von den Brandanschlägen auf die Häuser türkeistämmiger Familien im November 1992 in Mölln und im Juni 1993 in Solingen gehört, sagt Chara Rousi. "Aber das erschien sehr weit weg. Unseren Imbiss aufzubauen und unsere kleinen Familie zusammenzuhalten, hat unser Leben ausgefüllt."
"Ich zünde euch alle an"
Als der Nachbar am Vormittag des 14. Oktober vor der Haustür ihren Ehemann Niko mit zwei gezielten Faustschlägen zu Boden bringt, sind die zwei Kinder der Familie in der Schule. Chara und ihre Schwiegermutter Alexandra Rousi wollen gerade die Wohnung im zweiten Stock verlassen, um mit Niko wie fast jeden Morgen in den Imbiss zu fahren.
Der Hass, mit dem der 62-jährige Nachbar die Drohung "Ich zünde euch alle an" durch das Treppenhaus brüllt, lässt die beiden Frauen vor der Wohnungstür erstarren. Alexandra Rousi, die jahrelang als Köchin bei den britischen Streitkräften gearbeitet hatte, stellt sich dem gleichaltrigen Nachbarn auf der Treppe entgegen. Gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter versucht die 62-Jährige dem Mann die Benzineimer zu entreißen - und scheitert.
Als der Mann ein brennendes Streichholz auf den Boden wirft, der längst benzingetränkt ist, entsteht sofort eine riesige Stichflamme. Alexandra Rousi verbrennt auf der Schwelle zu ihrer Wohnung; Chara Rousi kann sich vor dem Flammenmeer in letzter Minute durch einen Sprung vom Balkon retten. Niko Rousi, der die verzweifelten Schreie seiner Mutter und Ehefrau gehört hatte, erleidet schwere Brandverletzungen als er versucht, durch den brennenden Hausflur zu seiner Mutter zu gelangen.
Als die Feuerwehrleute eintreffen, finden sie im Erdgeschoss den Nachbarn in brennender Kleidung vor der Tür seiner Wohnung und im Stockwerk darüber die verkohlten Überreste von Alexandra Rousi.
Mehr als 80 rechtsextreme Brandanschläge und rund 900 rechtsextreme Gewalttaten und acht rechtsextreme Tötungsdelikte meldet das Bundesamt für Verfassungsschutz in dem Jahr 1994, in dem Alexandra Rousi dem tödlichen Hass ihres Nachbarn zum Opfer fällt. Der Brandanschlag auf die griechischstämmige Familie findet sich nicht darunter. Bis heute wird Alexandra Rousi in keiner der einschlägigen Statistiken und Listen als Opfer einer politisch rechts motivierten, tödlichen Gewalttat genannt.
"Leider weit verbreiteten Wahrnehmungsdefizite"
Der Berliner Politikwissenschaftler Christoph Kopke, der die Erfassungsdefizite bei rechten und rassistisch motivierten Tötungsdelikten in Brandenburg untersucht hat, sieht in dem Fall aus Paderborn, die "leider weit verbreiteten Wahrnehmungsdefizite der so genannten Baseballschläger-Jahre".
Der Täter habe eben nicht dem klassischen Klischee eines neonazistischen Straftäters entsprochen: Er war kurz vor dem Rentenalter und auch kein Mitglied einer der neonazistischen Parteien oder verbotenen Organisationen wie der "Nationalistischen Front", sondern ein "ganz gewöhnlicher Rassist aus der Mitte der Gesellschaft", so Kopke.
Damit sei er in dem damals geltenden "eher lückenhaften Klassifikationssystem für politisch motivierte Gewalttaten" durch viele Raster gefallen. In Paderborn gab man sich damals erleichtert mit der Erklärung der Staatsanwaltschaft zufrieden, es habe sich um die Tat "eines Wahnsinnigen" gehandelt. Ein Ermittlungsverfahren wird erst gar nicht eröffnet, schließlich starb auch der Täter an seinen schweren Brandverletzungen.
Verletzt und traumatisiert verkauften Chara und Niko Rousi ihren Grillimbiss und verließen Deutschland wenige Monate nach dem tödlichen Anschlag. In Griechenland, das Chara Rousi bis dahin nur aus Familienurlauben kannte, hofften sie auf einen Neuanfang "in Sicherheit".
Vom 14. Oktober 1994 sind ihrem Ehemann "die Narben am Körper und Seele und die vielen Arztbriefe und Versicherungsschreiben" geblieben und die Sehnsucht nach der wirtschaftlichen Sicherheit, die der gutgehende "Gyros Grill bei Nikos" in Paderborn geboten hatte.
In einem kleinen Urlaubsort an der Küste des Epirus führt Chara Rousi inzwischen seit vielen Jahren eine Boutique. Ihre liebsten Kunden seien Deutsche, sagt sie. Sie habe "keinen Hass auf Deutsche". Doch etwas müsse sich ändern: "Der deutsche Staat und die Gesellschaft sollen anerkennen, dass meine Schwiegermutter einem rechten Anschlag zum Opfer gefallen ist."
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Am 14. Oktober 1994 wurde die 62-jährige Alexandra Rousi in ihrem Wohnhaus in Paderborn durch einen - rassistisch motivierten - Brandanschlag ihres Nachbarn Hermann J. ("Ich zünde euch alle an") ermordet.
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www.tagesspiegel.de/politik/interaktive-karte-todesopfer-rechter-gewalt-in-deutschland-seit-der-wiedervereinigung/23117414.html
www.vielfalt-lieben.de
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