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5 Artikel ,
03.09.2024 :
Pressespiegel überregional
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Übersicht:
MiGAZIN, 03.09.2024:
Untersuchung / Todesopfer rechtsextremer Gewalt in NRW höher als bislang angegeben
MiGAZIN, 03.09.2024:
Hessen / Rechtsextreme Straf- und Gewalttaten auf Zehn-Jahres-Hoch
MiGAZIN, 03.09.2024:
Rassismus im Alltag / 6-jähriger Libyer, Afghanin mit Kopftuch und eine Hakenkreuz-Gardine
Jüdische Allgemeine Online, 03.09.2024:
Meinung / Wir müssen kämpfen
Neue Westfälische, 03.09.2024:
AfD gewinnt auch in NRW an Bedeutung
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MiGAZIN, 03.09.2024:
Untersuchung / Todesopfer rechtsextremer Gewalt in NRW höher als bislang angegeben
03.09.2024 - 19.34 Uhr
Zwischen offiziellen Zahlen und unabhängigen Recherchen klaffte schon immer eine Lücke - zu Recht, wie eine Untersuchung in NRW jetzt zeigt. Danach ist die Zahl von Todesopfern rechtsextremer Gewalt höher als bislang angegeben. Forscher hatten alte Fälle untersucht - und nicht einmal alle.
Von Frank Christiansen
Die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt in Nordrhein-Westfalen ist höher als bislang angegeben. Sie müsse um vier Todesopfer erhöht werden auf 13 seit 1990, sagten Forscher im Landeskriminalamt in Düsseldorf. Sie hatten sich 30 alte Fälle noch einmal angeschaut. Ziel war es, die Gesamtzahl der offiziellen Todesopfer rechter Gewalt zwischen 1984 und 2020 zu überprüfen.
Das Ergebnis der Studie wurde am Dienstag unter anderem von NRW-Innenminister Herbert Reul vorgestellt. Der CDU-Politiker erwähnte den Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße mit 20 Schwerverletzten im Jahr 2004. Bis die Explosion dem rechtsterroristischen NSU zugeschrieben wurde, vergingen Jahre. "Die Polizei war auf der falschen Fährte und hat die Falschen verdächtigt", sagte Reul. Insofern sei die Studie gelebte Fehlerkultur.
Während offiziell seit der Wiedervereinigung 113 Menschen durch Rechtsextremisten in Deutschland starben, kommen etwa "Tagesspiegel" und "Zeit online" auf 190 Todesopfer.
Dreifachmord von Overath
Einen spektakulären Fall aus dem Jahr 2003 hatte das Landeskriminalamt bereits neu als rechts motiviertes Tötungsverbrechen eingestuft. Ein Neonazi hatte im Oktober 2003 in Overath bei Köln einen Rechtsanwalt, dessen Ehefrau und Tochter erschossen. Der Anwalt hatte bewirkt, dass der verschuldete Neonazi ein Gehöft verlor, auf dem er Treffen von Rechtsextremisten veranstaltet hatte.
Das Landgericht Köln hatte ihn 2004 zur Höchststrafe verurteilt und im Urteil vermerkt, dass die nationalsozialistischen Vorstellungen des Mörders bei der Tat eine Rolle gespielt haben.
Nicht alle Fälle konnten geprüft werden
Auch der Dreifachmord des Neonazis Michael B. im Jahr 2000 in Dortmund und Waltrop wurde überprüft. B. hatte damals drei Polizisten erschossen. Die Forscher kamen zum Schluss, den Dreifachmord weiterhin nicht als rechtsextrem motiviert einzustufen. Es habe sich um so genannte Verdeckungsmorde gehandelt: Der Neonazi habe die Beamten getötet, um Waffendelikte zu verbergen.
In den Fällen, die neu als rechtsextrem eingestuft wurden, darunter auch mehrere versuchte Tötungsdelikte, seien bereits die Angehörigen entsprechend informiert worden. Insbesondere für die Hinterbliebenen sei die erfolgte Aufarbeitung wichtig, teilten das Landeskriminalamt und das NRW-Innenministerium mit. "Dass wir die Fälle aus der Vergangenheit neu betrachtet und bewertet haben, war erforderlich", sagte Innenminister Herbert Reul (CDU). "Handelt es sich um Rechtsextremismus, soll er als solcher benannt und in der Statistik erfasst sein."
Allerdings konnten nicht alle Fälle überprüft werden, wie es hieß: Bei manchen bekamen die Forscher schlicht keinen Zugriff auf die Akten. So bleiben diverse Verdachtsfälle, wie der Brandanschlag 1994 auf ein Wohnheim in Köln mit zwei Toten, ungeklärt. Bei dem Anschlag starben Jasminka Jovanovic (12) und Raina Jovanovic (61), beide Roma. Sie waren vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland geflohen. Bis heute unbekannte Täter hatten nach Mitternacht in dem Gebäude Feuer gelegt. Insgesamt zehn Menschen erlitten schwere Verbrennungen, darunter zwei einjährige Kinder. (dpa/mig)
Neu als Todesopfer rechter Gewalt eingestuft wurden:
Ein Obdachloser, der 1995 in Velbert in einem Park auf seine Mörder trifft: Rechtsradikale erstechen ihn. "Das war ein klarer Fall von Sozialdarwinismus", sagte Projektleiter Jonathan Widmann.
In Bochum töten zwei Rechtsradikale 1997 den Homosexuellen Joseph G. Opfer und Täter kennen sich aus dem Obdachlosen-Milieu, umgebracht wird G. aber aus Sicht der Forscher eindeutig wegen seiner sexuellen Orientierung.
In Duisburg treffen sich im März 1999 drei rechtsradikale Skinheads zur Menschenjagd. Sie verfolgen mehrere Passanten, bis ihre Mordlust den Frührentner Egon Effertz trifft. Mit ihren Springerstiefeln treten sie ihn tot und entstellen ihn dabei bis zur Unkenntlichkeit. Der 58-Jährige sei zwar ein Zufallsopfer, aber auch stellvertretend für die Schwachen in der Gesellschaft ausgewählt worden.
Der Punker Thomas Schulz, genannt "Schmuddel", trifft in Dortmund auf einen in der rechten Szene fest verankerten 17-Jährigen, für den Punker "Zecken" sind, ein politisches Feindbild. Der Punker geht dem Rechtsradikalen nach, der bringt ihn um.
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MiGAZIN, 03.09.2024:
Hessen / Rechtsextreme Straf- und Gewalttaten auf Zehn-Jahres-Hoch
In Hessen ist jeder zweite Neonazi gewaltorientiert. Das spiegelt sich in den Zahlen wider: Im vergangenen Jahr wurden im Schnitt täglich vier rechtsextrem motivierte Straftaten registriert. Innenminister Poseck spricht von der größten Bedrohung.
Die Zahl der extremistischen Straf- und Gewalttaten in Hessen ist im vergangenen Jahr stark angestiegen. Insgesamt sind 1.881 Taten in diesem Bereich registriert worden, was einem Plus von rund 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2022: 1.243 Delikte) entspricht, wie das hessische Innenministerium anlässlich der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2023 in Wiesbaden mitteilte. Innenminister Roman Poseck (CDU) bezeichnete die aktuelle Sicherheitslage im Land demnach als "insgesamt angespannt".
Mit 1.445 Straf- und Gewalttaten stammte das Gros der Delikte aus dem Bereich Rechtsextremismus. Das sind den Angaben zufolge 394 Fälle mehr als noch im Jahr 2022 und somit ein Höchststand im Zehn-Jahres-Vergleich. "Die Zahlen sind höchst alarmierend und unterstreichen, dass der Rechtsextremismus die größte Bedrohung für unsere freiheitliche-demokratische Grundordnung ist", sagte Poseck. In Hessen sei jeder zweite Rechtsextremist gewaltorientiert. Insgesamt 905 Personen zählten dazu.
"Kipppunkt der Demokratie" in Sicht?
Einen Anteil hieran hat nach Posecks Einschätzung die "voranschreitende Radikalisierung" der nun bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen so erfolgreichen AfD. Der hessische Innenminister erinnerte daran, dass diese Partei in den beiden Ländern als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Ihre jüngsten Wahlerfolge seien "sehr alarmierend". Er sehe daher die Gefahr, dass sich das Land einem Kipppunkt der Demokratie nähere.
Ein weiteres Problem macht Poseck in der weiter wachsenden Reichsbürger-Szene in Hessen aus. Ihre Zahl hat sich laut dem Verfassungsschutzbericht um 100 auf 1.200 Personen ausgeweitet. Ihr Spektrum reiche von Verschwörungsideologen bis zu hochgefährlichen und "waffenaffinen" Extremisten, erklärte Minister Poseck. (epd/dpa/mig)
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MiGAZIN, 03.09.2024:
Rassismus im Alltag / 6-jähriger Libyer, Afghanin mit Kopftuch und eine Hakenkreuz-Gardine
03.09.2024 - 13.21 Uhr
Beleidigungen, Spucke und Schläge - wer in der Öffentlichkeit nicht deutsch gelesen wird, wird immer öfter Opfer rassistischer Gewalt. So auch jüngst in Sachsen und Sachsen-Anhalt. In Mecklenburg-Vorpommern rückt die Polizei wegen einer Hakenkreuz-Gardine an.
Alltag in einer Dresdener Straßenbahn: Ein 38-jähriger deutscher Staatsbürger beleidigt Fahrgäste in der Linie 2 in Richtung Gorbitz rassistisch. Wie die Polizei mitteilt, bleibt es nicht dabei, er schlägt einen sechs Jahre alten aus Libyen stammenden Jungen und verletzt ihn.
Der Straßenbahnfahrer bemerkt der Polizei zufolge den Vorfall und geht dazwischen. Auch er wird angegriffen und erleidet Verletzungen. Die alarmierte Polizei kann den 38-Jährigen festnehmen. Eine Atemalkohol-Kontrolle ergibt mehr als 4 Promille. Die Polizei Dresden sucht Zeugen zum Vorfall, "insbesondere zu den Äußerungen des Tatverdächtigen".
Gruppe greift Afghanin rassistisch an
Ortswechsel, Niederndodeleben in Sachsen-Anhalt: Eine Frau mit Kopftuch und afghanischer Herkunft ist von der Arbeit auf dem Weg nach Hause. Am Bahnhof wird sie von einer anderen Frau zunächst zu ihrer Herkunft befragt. Dann wird sie aus einer Gruppe heraus festgehalten und von der Frau und drei Männern geschlagen. Die Afghanin erleidet dabei Verletzungen. Wie die Polizei mitteilt, ruft einer der Täter, dass Ausländer nicht willkommen sind.
Die Beamten leiten ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung ein. Die Tat ereignete sich Polizeiangaben zufolge bereits am vergangenen Mittwochnachmittag, öffentlich gemacht wurde er aber erst am 1. September, mehrere Tage nach dem gewalttätigen Übergriff. Wie die Polizei ebenfalls mitteilt, sucht sie nun nach Zeugen.
Übergriffe immer öfter ungeniert
Experten und Opferverbände beklagen, dass rassistische Übergriffe immer öfter am helllichten Tag geschehen, Täter stellten ihren Rassismus zunehmend ungeniert zur Schau. Bestärkt würden Täter viel zu oft von laschen Ermittlungen und niedrigen Strafen. Was früher allenfalls hinter vorgehaltener Hand geflüstert worden sei, werde immer öfter laut und in aller Öffentlichkeit gegrölt.
Wie weit dieser Trend schon vorangeschritten ist, zeigt ein ebenfalls aktueller Fall aus dem mecklenburg-vorpommerischen Ducherow. Dort soll ein 26-jähriger Mann eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz als Gardine genutzt haben. Die Polizei war am Montag durch einen Zeugen auf den Fenstervorhang in einem Mehrfamilienhaus aufmerksam gemacht worden.
Die Polizei hätte vor Ort nicht nur die Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz beschlagnahmt, sondern auch nach kurzer Zeit den 26-jährigen Mieter angetroffen. Der Beschuldigte sei der Polizei bekannt. Gegen ihn wird nach Polizeiangaben nun wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt. (dpa/mig)
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Jüdische Allgemeine Online, 03.09.2024:
Meinung / Wir müssen kämpfen
03.09.2024 - 11.30 Uhr
Voller Wut und Unverständnis schaut die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf auf die Wahlerfolge der AfD in Thüringen und Sachsen. Doch Aufgeben ist keine Option.
Von Eva Umlauf
Wer Nachrichten schaut, wer Zeitung liest und wer sich auch nur ein klein wenig für Politik interessiert, war nach dem Wahlausgang in Thüringen und Sachsen am vergangenen Sonntag nicht überrascht. Die AfD ist stärkste Kraft in Thüringen geworden, in Sachsen wurde sie fast Wahlsieger. Dies ist ein Dammbruch. In Deutschland ist die rechtsextreme Partei mittlerweile zur Volkspartei geworden.
Ich fühle unfassbare Wut, Traurigkeit und vor allem Unverständnis dafür, dass ausgerechnet Menschen, die bis vor 35 Jahren von der Stasi drangsaliert wurden, denen man die Kinder weggenommen hat, wenn man sich nicht regimetreu verhalten hat, die eingesperrt wurden, nun solch eine totalitäre und im Kern antidemokratische Partei wählen.
Doch Ostdeutschland ist nicht die Ausnahme, wenn es um den Aufschwung von Rechtsextremen und Populisten geht. Es ist die Regel. Fast überall. In Österreich liegt die FPÖ in den Umfragen ganz vorn, und dies nicht zum ersten Mal. In meiner alten Heimat, der Slowakei, regiert ein faschistischer Ministerpräsident. Der Rechtsruck geht durch ganz Europa.
Nicht verarbeitet
Selbst die Vereinigten Staaten sind nicht davor gefeit. Und auch in Westdeutschland kommt die AfD auf Werte, die vor ein paar Jahren niemand für möglich gehalten hätte.
Wie konnte es so weit kommen? Wenn ich versuche, es aus psychoanalytischer Sicht zu betrachten, denke ich, dass es auch daran liegt, dass in Ostdeutschland die jüngere Geschichte nicht verarbeitet worden ist - nicht die Nazi-Zeit und nicht die DDR.
Dazu gibt es vielleicht auch noch eine transgenerationelle Vererbung des Hasses und der Scham an die Jüngeren. Denn warum wählen ausgerechnet die Jüngeren überproportional rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien? Mangelnde Bildung kann es nicht sein.
Explosionsartiger Anstieg
Und doch frage ich mich manchmal: Was hat es gebracht, dass wir Überlebende in die Schulen gegangen sind? Was hat es gebracht, dass die NS-Zeit und der Holocaust ausführlich im Geschichtsunterricht behandelt wurden? Wir haben in Bayern ein Programm für Schüler der neunten Klasse, die auch die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchen - und trotzdem steigen die antisemitischen Fallzahlen explosionsartig an.
Das geht eigentlich nicht zusammen. Sicher sind es nicht unbedingt dieselben Schüler, vielleicht sollte man nicht verallgemeinern. Aber es fällt schwer, nicht zu resignieren.
Die AfD bedeutet mehr Antisemitismus und noch mehr "Deutschismus". Ich fürchte, das, was in der Slowakei passiert ist, wird auch hier passieren. Steht eine rechtsextreme Partei erst einmal Regierungsverantwortung, wird die Demokratie, alles wofür wir und unsere Republik stehen, Stück für Stück abgebaut. Das ist beängstigend.
Faschisten und Rassisten
Man kann es nicht oft genug betonen: Die AfD ist keine demokratische Partei. Die AfD wird getragen von Faschisten und Rassisten. Hand aufs Herz: Ich fürchte mich davor, dass die AfD über kurz oder lang in einer Koalition an die Macht kommen wird. Wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren. Die Brandmauer wird Risse bekommen.
Insbesondere Thüringen wirkt unregierbar. Bodo Ramelow, ein sehr anständiger Ministerpräsident, wurde einfach so aus dem Amt gefegt, mit tätiger Mithilfe von Sahra Wagenknecht und ihrer antiwestlichen, inhaltlich stark an der AfD orientierten Partei BSW.
Der Gedanke, dass die AfD in die Regierungen kommen könnte, sollte uns allen Angst machen. Dann kommt das Alte wieder nach oben. Es war lange Zeit relativ ruhig. Der Juden-Hass war nie weg. Er war nur verstummt.
Toxische Mischung
Und während die Rechtsextremen von einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Prozent träumen und führende AfD-Politiker die Verbrechen der Wehrmacht gutheißen, wird auf der anderen Seite des politischen Spektrums, dem linksradikalen und migrantischen Milieu, mitten in Berlin wieder die israelische Fahne mit dem Davidstern verbrannt.
Es ist eine toxische Mischung: Mir stockt der Atem, wenn ich das sehe. Ich habe das nicht für möglich gehalten. Mit gesundem Menschenverstand ist nicht zu erklären, warum wieder eine Minderheit attackiert wird.
Höcke und Weidel erzählen nichts Neues. Es sind dieselben Schauermärchen wie einst. Und wieder scheint es zu funktionieren. Ich sitze nicht auf gepackten Koffern, weil ich gar nicht wüsste wohin. Ich war immer Optimistin, aber wie soll man das heute noch sein? Nicht einmal Amerika ist eine Option.
Eigentlich aussichtslos
Der Antisemitismus kommt ja nicht nur von rechts. Er kommt aus allen Ecken, er quillt aus allen Ritzen. Heute hält sich niemand mehr zurück. Das Klima scheint günstig. Man kann offen auf Israel schimpfen, man kann die israelische Armee als Kindermörder beschimpfen, es bleibt fast immer ohne Konsequenzen. Man kann die eigentlichen Aggressoren des 7. Oktober totschweigen, und keinen interessiert es.
Es ist genau dieses Klima, vor dem wir Schoa-Überlebenden uns immer gefürchtet haben. Es ist die Angst, dass sich alles wiederholen könnte.
Hass ist ein zerstörerisches Gefühl. Wenn man Hass in sich trägt, ist da kein Platz mehr für positive Gefühle. Ich hätte allen Grund gehabt, "die Deutschen" zu hassen. Aber ich tue es nicht. Hass ist etwas für schwache Menschen. Das will ich nicht sein.
Angesichts von mehr als 30 Prozent der Stimmen in zwei Bundesländern will ich trotzdem nicht aufgeben. Auch wenn es eigentlich aussichtslos erscheint. Denn es gibt, wie Bodo Ramelow sagte, die anderen 70 Prozent. Um die müssen wir kämpfen.
Die Autorin ist Psychotherapeutin, Holocaust-Überlebende und lebt in München.
Bildunterschrift: Psychotherapeutin und Holocaust-Überlebende Eva Umlauf.
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Neue Westfälische, 03.09.2024:
AfD gewinnt auch in NRW an Bedeutung
Die Partei blickt nicht nur im Osten der Republik auf wachsende Zustimmungswerte / Mit gezielten Provokationen sorgen Vertreter regelmäßig für Aufmerksamkeit
Ingo Kalischek
Düsseldorf. Es reicht ein Klick, um erahnen zu können, wie die AfD in NRW tickt. Auf der Startseite ihrer Homepage ist mittig ein Bild platziert - darauf eine Hand, die ein großes Messer hält. "Für uns ist vor allem wichtig, dass WIR in UNSEREM Land sicher sind. Alles andere ist sekundär", heißt es auf dem Bild. Daneben ein Foto von Angela Merkel. Dazu der Satz: "Grenze auf, wir schaffen das. Die CDU hat unser Land zerstört."
Der Landesverband in NRW spürt nach den jüngsten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen Rückenwind. Deutschland werde sich an solche Ergebnisse "gewöhnen", und früher oder später würden sie sich in "konkret übernommene Regierungsverantwortung" übersetzen lassen, meint Landeschef Martin Vincentz. Der vergangene Sonntag beweise: Die erste AfD-Regierung auf Landesebene sei keine Frage von "ob", sondern nur von "wann".
In NRW ist die Partei davon vergleichsweise weit entfernt. Bei der Europa-Wahl Anfang Juni kam die AfD in NRW auf 12,6 Prozent - und bei der Landtagswahl im Mai 2022 schaffte sie mit 5,4 Prozent nur gerade eben den Einzug ins Parlament. Dagegen wirken die Ergebnisse in Thüringen und Sachsen unerreichbar.
Umfragen sehen die AfD in NRW bei 13 Prozent
Jüngste Umfragen zeigen aber, dass der Trend für die AfD auch in NRW nach oben zeigt. Sie kam zuletzt auf 13 Prozent. Das wäre Platz vier hinter CDU (37) sowie SPD und Grünen, die mit jeweils 16 Prozent nur bedingt besser abschneiden würden.
Auffällig ist, dass die AfD längst auch in NRW in der Fläche punktet. "Die Europa-Wahl hat gezeigt, dass die Partei nicht nur in Städten im Ruhrgebiet erfolgreich war, sondern auch in ländlichen Regionen, wo sie zum Beispiel in Gebieten von Lippe, Herford und Minden-Lübbecke mancherorts mehr als 15 Prozent erhalten hat", sagt Politikwissenschaftler Stefan Marschall.
Im Landtag ist die AfD politisch isoliert. Die anderen Fraktionen lehnen eine Zusammenarbeit mit der Fraktion strikt ab, obwohl sich deren 38-jähriger Fraktionschef Martin Vincentz, ein Mediziner, moderater gibt als sein Vorgänger. "Der Feind sitzt auch hier", sagte CDU-Fraktionschef Thorsten Schick zu Jahresbeginn im Landtag. Ministerpräsident Hendrik Wüst bezeichnete die AfD mehrfach als "Nazi-Partei".
Grünen-Fraktionschefin Verena Schäffer sagte, sie empfinde es als "unerträglich", dass eine "rechtsextreme Partei" in der Herzkammer der Demokratie sitze. FDP-Chef Henning Höne nannte die Partei den "parlamentarischen Arm der Rechtsextremen". Während die sächsische AfD vom Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem! eingestuft wird, ist das bei der NRW-AfD nicht der Fall. Allerdings gilt die Junge Alternative in NRW seit Ende 2023 offiziell als Verdachtsfall. Der Verfassungsschutz wirft ihr unter anderem das Ziel vor, Migranten und Muslime auszugrenzen und sich gegen die freiheitliche-demokratische Grundordnung zu positionieren. Doch auch der Gesamtpartei in NRW werden klare Strukturen des völkisch-nationalistischen Zusammenschlusses zugerechnet - die Rede ist von 1.000 Personen.
Bei politischen Auftritten im Landtag erweckt die AfD regelmäßig den Eindruck, als suche sie bewusst die Provokation. So sorgte der frühere Fraktionschef Markus Wagner für Aufregung, als er am Rednerpult sagte: "Wir alle haben die Grünen satt. Wir wollen Ricarda Lang nicht durchfüttern und uns für Baerbock nicht mehr schämen müssen." In anderen Momenten zeigt sich Wagner differenzierter. Nicht jeder Ausländer sei kriminell. Die Mehrheit sei es nicht, sagte der AfD-Politiker im April. "Wir haben noch nicht mal ein Ausländer-Problem." Zu Innenminister Herbert Reul sagte Wagner: "Ich kann Ihnen diesen massiven Anstieg von Straftaten nicht durchgehen lassen."
Bei Themen wie Migration und Straftaten hat die AfD also schon vor geraumer Zeit Punkte angesprochen, die inzwischen auch andere Fraktionen an der Landes- und Bundesregierung kritisieren - die AfD macht dies jedoch schärfer im Ton und sucht Grenzüberschreitungen. Bei wirtschaftlichen Themen liegen Positionen der AfD derweil nicht allzu weit weg - zum Beispiel von denen der FDP. Beide Parteien sehen unter anderem den massiven Ausbau der Windkraft kritisch und wollen an der Kohleverstromung im Land festhalten.
Die AfD stellt zudem mit Abstand die meisten Anfragen an die Regierung - zuletzt rund doppelt so viele wie die SPD. Kritiker sehen darin eine Strategie, um die Verwaltung zu lähmen. Offen ist, wie sich AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) in NRW verhalten werden. Der jüngste NRW-Check zeigte, dass BSW-Anhänger weitaus mehr Verständnis für die AfD aufbringen, als die anderen politischen Mitbewerber. So halten laut Umfrage 41 Prozent der BSW-Anhänger die AfD für eine "normale demokratische Partei", wie die anderen auch, während dies zum Beispiel nur ein Prozent der Grünen-Anhänger so sehen.
Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer sieht genau darin ein Problem. Der Gewinn der AfD mit ihrer Ausrichtung als "Autoritärer Nationalradikalismus" sei es, dass Teile der Bevölkerung die AfD zunehmend als "ganz normale Partei" ansehen würden. Das sei das Hauptproblem. "Denn etwas, das irgendwann als normal gilt, kann nur noch schwer problematisiert werden." Diese Gefahr sieht Heitmeyer auch in NRW.
Bildunterschrift: Im NRW-Landtag ist die AfD politisch isoliert. Doch auch im bevölkerungsreichsten Bundesland hat sie viele Unterstützer.
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