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Lippische Landes-Zeitung ,
30.08.2024 :
Blomberg setzt Gunter Demnigs Arbeit fort
Acht neue Stolpersteine sind bereits angekommen, auch der Verlegungstermin steht schon fest / Jetzt sammelt der Arbeitskreis noch Spenden zur Finanzierung
Marianne Schwarzer
Blomberg. Das große Paket bringt nicht nur einiges auf die Waage. Es birgt auch ganz schwere Kost, als es jetzt bei Thilo Angermann vom Arbeitskreis Stolpersteine landet: Denn die acht Betonbrocken mit der glänzenden Oberfläche aus Metall und der Gravur stehen für die Geschichte von acht Menschen aus Blomberg und Kleinenmarpe, die auf Grund ihrer Herkunft, ihrer Überzeugungen und ihrem Mut verfolgt und teilweise getötet worden sind.
Im Dezember vergangenen Jahres hatte der Künstler Gunter Demnig bereits die ersten Stolpersteine in der Blomberger Altstadt verlegt. Nun führt der Arbeitskreis seine Arbeit vor, auch wenn der Erfinder dieser besonderen Form des Erinnerns nicht für jeden einzelnen Stein selbst Hand anlegen kann. Sonst wäre es nicht gelungen, bereits in mehr als 1.500 Orten in Europa mehr als 105.000 Stolpersteine zu verlegen. Keiner dieser Steine war für ihn Routine, alle sind handgefertigt aus seiner Werkstatt gekommen. In der Regel gibt er die Initialzündung, dann führen die Menschen vor Ort das Werk des "schweigsamen Pflasterers", wie ihn die LZ in ihrem Portrait genannt hat, fort.
Sieben Steine waren es im Dezember, einige vor der Volksbank im Kleinen Steinweg, andere vor dem letzten Wohnhaus der Emma Lipper in der Neuen Torstraße. Jetzt kommen also acht neue hinzu, einige davon werden ihren Platz in Kleinenmarpe finden.
In dem kleinen Örtchen war es die jüdische Familie Herzberg, "die den Hass der Nationalsozialisten mehr und mehr zu spüren bekam und vor Willkür und Verfolgung gerade noch rechtzeitig nach Südwest-Afrika (heute Namibia) fliehen konnte", schreibt der Arbeitskreis Stolpersteine in einer Pressemitteilung. Die neuen Steine werden vor ihrem damaligen Wohnhaus an Alfred Herzberg, seine Frau Erna sowie deren Kinder Ilse und Walter erinnern.
Der Blomberger Hermann Hesse war Zeuge Jehovas und weigerte sich als "wehrfähiger" junger Mann, die Waffe in die Hand zu nehmen. Er wurde in Russland zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wilhelm Friedrichs griff in anonymen Briefen "große" und "kleine" Nationalsozialisten scharf an, und er bediente sich durchaus auch des Spottes. Seine Briefe gegen die Obrigkeit waren mit "Heul Hitler" unterschrieben. Er wurde verhaftet und zum Sondergericht Hannover überstellt. Dort nahm er sich das Leben.
Die ukrainische Zwangsarbeiterin Wera Tatarenko musste in der Blomberger Holzindustrie schuften und hat so sehr unter dieser Situation gelitten, dass sie sich schließlich das Leben genommen hat. Sie hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, aus dem das hervorging, und sie wurde nur 42 Jahre alt.
Der russische Kriegsgefangene Wassily Loboda entfernte sich im Frühjahr 1945 einige Meter von der Lagerbaracke der Firma Hausmann und wurde von einem Wachmann erschossen, angeblich "auf der Flucht", wie es damals hieß.
"Allesamt Schicksale, für die es gilt, in Erinnerung zu bleiben. Für die es gilt, den Opfern einen Namen zu geben, damit das geschehene Unrecht nicht abstrakt bleibt, sondern ganz konkret und vor Ort deutlich erfahrbar wird", schreibt der Arbeitskreis Stolpersteine.
Es steht bereits fest, wann die Stolpersteine verlegt werden sollen: Am Freitag, 11. Oktober, ab 10 Uhr in Blomberg für Hermann Hesse, Wilhelm Friedrichs, Wera Tatarenko und Wassily Loboda und nachmittags um 16 Uhr in Kleinenmarpe für Familie Herzberg. Wie genau die Verlegung vonstatten gehen wird, steht noch nicht fest, die Stadt Blomberg wird sich auf jeden Fall mit dem Bauhof wieder daran beteiligen und die jeweiligen Stellen vorbereiten. "Das hat ja auch beim letzten Mal vorbildlich geklappt", sagt Stadtarchivar Dieter Zoremba. Er wünscht sich, dass auch die Schulen sich beteiligen, ob das klappt, ist allerdings noch nicht ganz klar - schließlich hat das Schuljahr gerade erst begonnen.
Zwar sind die Steine bereits in Blomberg angekommen, allerdings sind die Kosten noch nicht gedeckt, so dass der Arbeitskreis noch Unterstützer sucht. Jeder Stein kostet in der Herstellung 130 Euro. Denn die Messingplatten mit den Namen der Opfer sind in Handarbeit geprägt, das ist Gunter Demnig sehr wichtig, wie er bei seinem Besuch in Lippe der LZ sagte. Und es ist ihm ebenso wichtig, dass nicht etwa die jeweiligen Kommunen die Steine finanzieren, sondern Spender. "Es ist eine soziale Skulptur, die vom Geschehen vor Ort lebt", und es rühre ihn immer wieder, was die Beschäftigung mit den Schicksalen der Opfer bei den Leuten auslöse. Zur Finanzierung der Steine sucht der Blomberger Arbeitskreis Stolperstein-AG noch Unterstützer. Wer spenden möchte, kann sich per E-Mail an kirche.reelkirchen@t-online.de wenden und bekommt dann die Nummer des Spendenkontos genannt.
Bildunterschrift: Im Dezember 2023 hat der Künstler Gunter Demnig die ersten Stolpersteine in Blomberg verlegt. Jetzt wird der Arbeitskreis in Blomberg sein Werk fortsetzen und hofft auf eine ähnlich große Beteiligung wie beim ersten Mal.
Bildunterschrift: Frisch aus der Post: Der Künstler Günter Demnig hat die Stolpersteine nach Blomberg geschickt.
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Lippische Landes-Zeitung, 13.12.2023:
"Sie waren keine Bürger zweiter Klasse, sie waren nicht mal Bürger"
Blomberger gedenken der NS-Opfer im Rathaus / Antisemitismus hat aber auch hier eine Jahrhunderte alte Tradition
Blomberg (an). Es hat ein gutes Jahr gedauert, bis der Arbeitskreis Stolpersteine in Blomberg endlich am Ziel war und Künstler Gunter Demnig die ersten vier Stolpersteine für die jüdische Familie Königheim am Kurzen Steinweg und einen für Emma Lipper in der Neuen Torstraße verlegt hat.
Derweil haben sich Zehntklässler des Blomberger Gymnasiums auf diesen Tag vorbereitet. Sie haben in kleinen Gruppen die Lebensgeschichten der Blomberger NS-Opfer - nicht nur der genannten Fünf - recherchiert und sie auf Zeitstrahl-Tafeln sichtbar gemacht. Und sie riefen diese bei einer Gedenkstunde im eigens dafür umgeräumten Ratssaal den etwa 100 Teilnehmern in Erinnerung.
"Hass-Kultur macht sich breit, wir erleben das auch in Blomberg", hatte Bürgermeister Christoph Dolle in seiner Einführung gesagt. "Wir wollen uns der Personen erinnern, die Blombergerinnen und Blomberger wie wir waren."
Eigentlich hatte der Sohn des mittlerweile verstorbenen Max-Julius Königheim, Mario Königheim, an dieser Gedenkstunde teilnehmen wollen. Das blieb ihm wegen des Krieges im Nahen Osten verwehrt, und so blieb ihm nur ein Grußwort, das er an Marcus Pansegrau vom Arbeitskreis Stolpersteine geschickt hat. Dieser las es vor.
Seine Eltern hätten sich nach einem sicheren Ort gesehnt und seien nach der Vertreibung aus Blomberg zunächst nach Argentinien, von dort nach Israel ausgewandert, berichtet Mario Königheim. Er bedauere so sehr, nicht dabei sein zu können. "Es ist unser Traum, in naher Zukunft den Ort besuchen zu können, der ab jetzt ein besonderer Ort für uns ist", schreibt er. "Und man darf nicht vergessen: Die heutige Familie Königheim hätte es ohne die damalige Flucht der Königheims aus Blomberg niemals gegeben."
Bei den bisher verlegten Stolpersteinen soll es nicht bleiben, weitere sollen folgen, unter anderem für Familie Herzberg in Kleinenmarpe, deren Schicksal Ernst zur Lippe skizzierte.
Nachhaltigen Eindruck machte aber offensichtlich der Vortrag von Stadtarchivar Dieter Zoremba, der die Ausgrenzung der Juden aus der Blomberger Gesellschaft lange vor dem Holocaust in Erinnerung rief. Juden haben schon vor 400 Jahren in der Nelkenstadt gelebt, und sie wurden immer schon verfemt: So wollte man ihnen ursprünglich nur einen Friedhof draußen vor den Toren Istrups zubilligen, der Landesherr ließ sich schließlich herab, doch im Stadtgebiet ein Fleckchen für sie frei zu halten. "Ein Leben in Unsicherheit und unter diskriminierenden Bedingungen war ihnen gewiss", betonte Zoremba. Händler, Pfandleiher oder Schlachter - mehr durften sie nicht werden. "Bürger zweiter Klasse waren sie nicht, denn sie waren nicht mal Bürger."
Zoremba führte den Anwesenden vor Augen, was alles hier passiert ist: Es ist dasselbe Rathaus, in dem der Rat der Stadt Blomberg sich bereits im 18. Jahrhundert gegen die Ansiedlung von Juden in Blomberg gewehrt hat und die Forderung nach Gleichstellung der Juden in der Stadt abgeschmettert hat. Es ist dasselbe Rathaus, in dem bereits im Frühjahr 1933 der wirtschaftliche Boykott der Juden verkündet und durchgesetzt wurde. Es ist dasselbe Rathaus, in dem Rat und Verwaltung billigten, dass Gustav Königheim, bedrängt von SA und SS "in Schutzhaft" genommen wurde.
Es ist übrigens auch dasselbe Rathaus, in dem vor nicht langer Zeit ein bekannter rechter Influencer, der nachweislich in extrem rechten Kreisen verkehrt, den Rat offiziell und öffentlich zu seinem Gegner erklärte.
Und in genau diesem Rathaus ertönte zum Abschluss eines denkwürdigen Abends im Dezember 2023 zur Musik des Duos Diaspora auf Hebräisch ein vielstimmiges "Hevenu shalom alechem", "Wir wollen Frieden für alle." Ein Gänsehautmoment.
Bildunterschrift: Eine große Familie ist aus den Königheims geworden, deren Vorfahren Gustav, Elsa, Ilse und Max-Julius einst aus Blomberg vor den Nazis geflohen sind. Der Sohn von Max-Julius Königheim, Mario Königheim, hat dieses Foto aus Israel geschickt.
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Am 11. Oktober 2024 werden in Blomberg für Hermann Hesse, Wilhelm Friedrichs, Wera Tatarenko, sowie Wassily Loboda wie in Kleinenmarpe für Familie Herzberg (Alfred, Erna, Ilse, Walter) Stolpersteine verlegt.
Am 8. Dezember 2023 wurde in Blomberg eine Verlegung der ersten fünf "Stolpersteine" - für Gustav, Elsa Ilse, Max-Julius Königheim sowie Emma Lipper - durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig durchgeführt.
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www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/419-blomberg-nordrhein-westfalen
www.blomberg-lippe.de/Stadtgeschichte-n-/Historisches-Blomberg/Juden-in-Blomberg
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Blomberg
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