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5 Artikel ,
28.07.2024 :
Pressespiegel überregional
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Übersicht:
MiGAZIN, 28.07.2024:
Rassismus-Verdacht / Ermittlungen wegen möglichen Brandanschlags auf Tunesier
MiGAZIN, 28.07.2024:
"Ihr seid keine Menschen" / CDU-Politikerin Awemo rassistisch beleidigt und angegriffen
die tageszeitung Online, 28.07.2024:
Westdeutsche Neonazis im Osten / Von Dortmund nach Halberstadt
Jüdische Allgemeine Online, 28.07.2024:
Chemnitz / Antisemitische Parolen auf Gartenparty
MiGAZIN, 28.07.2024:
Kranz am Grab / AfD-Politiker huldigt deutschen Besatzer-Offizier in Namibia
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MiGAZIN, 28.07.2024:
Rassismus-Verdacht / Ermittlungen wegen möglichen Brandanschlags auf Tunesier
28.07.2024 - 11.44 Uhr
Im Rhein-Sieg-Kreis brennt eine Gaststätte. Nun hat die Polizei einen Verdacht: Brandstiftung und Rassismus. Zwei Tunesier entkommen den Flammen knapp durch Sprung vom Fenster. Jetzt ermittelt die Mordkommission.
Nach einem Brand in einer Gaststätte ermittelt die Polizei wegen eines versuchten Tötungsdelikts und schließt einen "fremdenfeindlichen" Hintergrund nicht aus. Bei dem Feuer in Neunkirchen-Seelscheid im Rhein-Sieg-Kreis waren am Montag vor einer Woche zwei Männer im Alter von 55 und 59 Jahren verletzt worden. Im Rahmen umfangreicher Ermittlungen und Spurenauswertungen hätten sich nun Hinweise auf eine vorsätzliche Brandlegung ergeben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Bonn mit.
Eine Mordkommission habe die Ermittlungen übernommen. Da ein fremdenfeindlicher Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann, ist auch der Staatsschutz der Bonner Polizei in die Ermittlungen eingebunden, wie es weiter hieß. Bislang gebe es keine Hinweise zu Tatverdächtigen.
Die beiden tunesischen Staatsbürger hatten im ersten Obergeschoss des Gebäudes übernachtet und waren von lauten Geräuschen geweckt worden. Das Feuer hatte sich zu diesem Zeitpunkt nach ihren Angaben schon so weit ausgebreitet, dass ein Verlassen der Gaststätte durch das Erdgeschoss nicht mehr möglich war. Aus diesem Grund seien sie aus dem ersten Obergeschoss auf einen Papiercontainer gesprungen, wodurch sie sich Verletzungen zugezogen hatten. Die beiden Männer wurden mit Rettungswagen in umliegende Krankenhäuser gebracht. (dpa/mig)
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MiGAZIN, 28.07.2024:
"Ihr seid keine Menschen" / CDU-Politikerin Awemo rassistisch beleidigt und angegriffen
28.07.2024 - 15.32 Uhr
Die Schwarze CDU-Landtagskandidatin Adeline Abimnwi Awemo wird in Cottbus rassistisch beleidigt und angegriffen. Gerade vor den Landtagswahlen ist die Sorge bei den Parteien groß - und die Befürchtung, dass Politiker aufgeben. Awemo macht aber weiter.
Mitten im Landtagswahlkampf in Brandenburg ist die CDU-Politikerin Dr. Adeline Abimnwi Awemo beim Aufhängen ihrer Wahlplakate in Cottbus rassistisch beleidigt und angegriffen worden. Die Polizei ermittelt gegen eine 29-Jährige wegen Volksverhetzung und Körperverletzung. Awemo, die für die Landtagswahl im September kandidiert, sei am Donnerstagabend von der Frau beleidigt worden mit den Worten "Ihr seid keine Menschen". Die Politikerin wurde bei dem Vorfall auch leicht verletzt. In den Parteien ist die Sorge angesichts wiederholter Angriffe auf Politiker in Deutschland groß.
"Es ist nach dem jetzigen Ermittlungsstand davon auszugehen, dass der Angriff aus rassistischen Motiven erfolgte", sagte die Polizeidirektion in Südbrandenburg. Die CDU-Politikerin mit deutscher Staatsangehörigkeit ist in Kamerun geboren und lebt seit vielen Jahren in Cottbus.
Sorge, dass immer mehr Politiker aufhören
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann zeigte sich erschrocken und sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: "Der unsägliche Angriff auf Adeline Abimnwi Awemo zeigt exemplarisch auf, was in unserem Land aus dem Ruder läuft. Hass und Gewalt nehmen zu, die Polarisierungsspirale dreht sich immer weiter." Der Landesvorsitzende der Partei, Jan Redmann, sagte: "Das zunehmende Risiko für Menschen, die sich für unser Land politisch engagieren, ist unerträglich."
Die Parteien riefen zum Zusammenhalt gegen Hass, Gewaltbereitschaft und Verrohung in der Gesellschaft auf. Es herrscht zudem die Befürchtung, dass sich zunehmend mehr Amts- und Mandatsträger zurückziehen. Es werde immer schwieriger, gute Leute für ein politisches Mandat zu begeistern, sagte Linnemann. "Ich fürchte jedenfalls, dass irgendwann nur noch Politiker da sind, die es wegen des Geldes machen und nicht mehr aus Leidenschaft und Überzeugung."
Awemo klebte wieder Plakate am Tag nach dem Angriff
Awemo klebte am Tag nach dem Angriff wieder Plakate in der Stadt - auch gemeinsam mit dem CDU-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Redmann. Die CDU-Kandidatin schilderte, sie habe viel Unterstützung erfahren, auch CDU-Chef Friedrich Merz habe angerufen. CDU-Landeschef Jan Redmann habe sie in Cottbus besucht. "Ich bleibe dran", sagte sie in einem Interview des Deutschlandfunks. Sie habe noch nie aufgegeben und werde jetzt erst recht nicht aufgeben.
"Wenn Menschen bedroht werden und zu Schaden kommen, weil sie sich in unserem Land politisch engagieren, dürfen wir das als Gesellschaft nicht ignorieren", sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). "Solche Vorfälle gefährden unsere freiheitlich, demokratische Grundordnung." Die brandenburgischen Grünen teilten mit: "Wir stehen solidarisch an der Seite der betroffenen Kandidatin."
Debatte um Strafverschärfung bei Angriffen auf Politiker
Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen von der CDU sagte: "Diese Tat ist ein weiterer nicht akzeptabler Versuch mit körperlicher Gewalt, Wahlen zu beeinflussen." Er dringt auf eine Strafverschärfung bei Angriffen auf Politiker. Dafür hatte sich im Juni die Innenministerkonferenz in Potsdam ausgesprochen. "Ich erwarte vom Bundesjustizminister Buschmann, dass er diesen Beschluss ernst nimmt und handelt", so Stübgen nach dem Angriff in Cottbus.
In den vergangenen Monaten hatte es mehrere Angriffe auf Repräsentanten von Parteien gegeben. In Dresden wurde der SPD-Wahlkämpfer Matthias Ecke niedergeschlagen - er musste operiert werden. In Berlin gab es einen tätlichen Angriff auf Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD). Justizminister Marco Buschmann hatte vor Wochen erklärt, dass aus seiner Sicht mit härteren Strafen die zunehmende Aggression gegen Politiker nicht einzudämmen sei.
Politikerin nach Handgreiflichkeiten in Klinik untersucht
Awemo hatte laut Polizei im Stadtgebiet von Cottbus gemeinsam mit Familienangehörigen Wahlplakate angebracht. Gegen 20.30 Uhr sei sie in der Saarstraße von einer ihr unbekannten Frau ohne Grund mit Beleidigungen angegangen worden. Dann sei die CDU-Politikerin tätlich angegriffen worden. "Es kam zu einem Handgemenge", sagte eine Polizeisprecherin. Awemo sei am Hals getroffen worden. Sie kam mit dem Rettungsdienst zur Untersuchung ins Krankenhaus, das sie laut Polizei nach ambulanter Behandlung wieder verlassen konnte.
Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen gegen die 29 Jahre alte Beschuldigte. Die Frau war laut Polizei zuvor nicht wegen solcher Delikte wie etwa Volksverhetzung bekannt. Die Polizei führte eine so genannte Gefährderansprache durch. "In dieser wurde ihr mitgeteilt, welche rechtliche Konsequenzen erneut mögliche Rechtsverstöße nach sich ziehen." Auch die Beschuldigte zeigte die Geschädigte wegen einer Körperverletzung an.
Awemo: "Habe keine Angst"
Awemo sagte laut einer Mitteilung der Landes-CDU: "Ich habe Respekt vor Menschen, keine Angst. In die Politik bin ich gegangen, um mit den Menschen zu arbeiten und miteinander etwas zu verändern. Ich bin Cottbusserin und werde auch die Cottbusserin bleiben, die sich für die Menschen hier engagiert."
"Wir lassen uns nicht unterkriegen", meinte CDU-Landesvorsitzender Redmann. "Alle, die die Polarisierung in unserer Gesellschaft vorantreiben und so für eine wachsende Verrohung sorgen, sind für diese Tat mitverantwortlich."
Awemo, die promovierte Umweltwissenschaftlerin ist, sitzt in Cottbus im Beirat für Integration und Migration. Bei der Landtagswahl am 22. September tritt sie im Wahlkreis Cottbus-Süd gegen den AfD-Landtagsabgeordneten Lars Schieske als Direktkandidatin der CDU an. Die Polizeisprecherin sagte: "Wir werden dafür Sorge tragen, dass sich solche Fälle gegenüber der Geschädigten nicht wiederholen." (dpa/mig)
Bildunterschrift: CDU-Kandidatin in Cottbus / Brandenburg: Dr. Adeline Abimnwi Awemo.
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die tageszeitung Online, 28.07.2024:
Westdeutsche Neonazis im Osten / Von Dortmund nach Halberstadt
Seit 2022 beobachtet der Verfassungsschutz, dass Rechtsextreme aus NRW nach Sachsen-Anhalt ziehen. Was suchen westdeutsche Rechte im Harz?
Daniel Schulz
Halberstadt (taz). Die meisten Menschen schaffen es, nie in einem Bericht des Verfassungsschutzes aufzutauchen. Manche müssen dafür nur umziehen. "Der bundesweit bekannte Rechtsextremist und Gründer des Labels "Kampf der Nibelungen" Alexander Deptolla verlagerte seinen Lebensmittelpunkt von Dortmund (Nordrhein-Westfalen) nach Halberstadt (Landkreis Harz)", notieren die Verfassungsschützer von Sachsen-Anhalt in ihrem neuen Bericht. Sie schreiben auch, Deptolla sei nicht allein gekommen: "Seit 2022 ist ein Zuzug weiterer rechtsextremistischer Akteure, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen, in den Landkreis Harz zu beobachten."
Diese Zeilen sind aus mehreren Gründen bemerkenswert. Wegen des guten Abschneidens der AfD bei Wahlen in Ostdeutschland. Zieht es Neonazis aus dem Westen dorthin, weil sie sich dort leichter betätigen können? Warum wollen sie aus Dortmund und Umgebung weg? Die Stadt hat eine lange Geschichte rechtsextremer Aktivitäten, Führungsfiguren und Infrastruktur. Und: Warum Halberstadt?
Nach Informationen der taz sind in den vergangenen zwei Jahren neben Alexander Deptolla mindestens vier weitere Männer aus der rechtsextremen Szene nach Halberstadt gezogen: Matthias Deyda, Thorben Vetter, Markus Walter und Ingo A. Diese fünf haben langjährige Erfahrungen in rechtsextremen Strukturen, viele sind Führungspersonen. So schreibt es die Sprecherin des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen auf Anfrage, und so erzählen es Aktivistinnen, Aktivisten, die seit Jahren Rechtsextreme in und um Dortmund beobachten.
Was bei der taz-Recherche klar wird: Die fünf Männer vernetzen sich in Halberstadt, mobilisieren Gleichgesinnte und mischen auf der Straße mit. Sie sind nicht umgezogen, um sich zur Ruhe zu setzen.
Alexander Deptolla ist der erfahrenste der fünf Übersiedler. Er gehörte zur Führung der gewaltbereiten Kameradschaft "Nationaler Widerstand Dortmund", war Landeschef der Partei "Die Rechte" in Nordrhein-Westfalen und ab Anfang 2023 stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Dortmund der NPD, die sich inzwischen "Die Heimat" nennt. Er organisierte eines der wichtigsten Ereignisse der rechtsextremen Szene in Deutschland, die Kampfsportveranstaltung "Kampf der Nibelungen". Ein Ziel dieses Events: das Vorbereiten der Teilnehmer auf die gewaltsame Auseinandersetzung mit politischen Gegnerinnen, Gegnern.
Die vier anderen haben ähnliche Biografien. Matthias Deyda saß für "Die Heimat" im Dortmunder Stadtrat. Im Februar dieses Jahres hinderte die Stadt Dortmund ihn, nach Ungarn zu reisen, zum "Tag der Ehre", einem Aufmarsch von Rechtsextremen aus ganz Europa. Walter ist ein Vertrauter von Deutschlands prominentester Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck.
Die Männer um Alexander Deptolla können organisieren, sie haben gute Kontakte zu Rechtsextremen im In- und Ausland. Was machen sie in einer Kreisstadt am Rande des Harzes?
Deptollas Partnerin wohnt in Halberstadt. Aber die Umzüge sind keine reine Privatsache. Michael Brück, einer der bekanntesten Neonazis Dortmunds und mit Alexander Deptolla eng verbunden, warb bereits 2020 in einem Podcast dafür, in den Osten Deutschlands zu gehen. Er sagte, der Westen sei politisch verloren. In Dortmund gibt es seit einigen Jahren stärkeren polizeilichen Druck auf die Szene und wachsende gesellschaftliche Gegenwehr. Brück zog nach Sachsen.
"Seit den 1990er Jahren gibt es eine Tradition westdeutscher Rechtsextremer, nach Ostdeutschland zu gehen", sagt David Begrich vom Verein Miteinander in Sachsen-Anhalt. "Hier erfahren sie einen größeren Handlungsspielraum." Die Normalisierung rechtsextremen Gedankenguts sei viel weiter fortgeschritten, die Immobilienpreise niedriger. Begrich sagt, es hätte auch andere Regionen treffen können.
Halberstadt hat eine Geschichte von Rechtsextremismus und Gewalt. 2007 schlugen Männer aus der rechten Szene eine Theatergruppe zusammen, 2000 erstach ein Nazi-Skin einen 60-Jährigen, der sich über das Abspielen des Horst-Wessel-Liedes beschwert hatte.
Daniel Szarata ist seit 2021 Oberbürgermeister von Halberstadt. Der CDU-Politiker sagt, er habe gemischte Gefühle dabei, mit einem Journalisten über die Neuzugänge in seiner Stadt zu reden. „Dass diese Menschen hier wohnen, freut mich nicht“, sagt er am Telefon. „Aber ich habe keine Lust auf das Image der 90er Jahre. Wir sind keine rechte Stadt.“
Szarata hat selbst Erfahrung mit der Bedrohung durch Rechtsextremisten. Am Abend des 14. Februar 2022 konnte er zusehen, wie mehrere hundert mit Fackeln bewehrte Demonstranten vor sein Wohnhaus zogen. Angeführt wurden sie von der lokalen neonazistischen Gruppe "Harzrevolte". Die hat sich mittlerweile aufgelöst. Viele Leute hätten sich hinterher bei ihm entschuldigt, sagt Szarata. Er stehe "im guten Kontakt mit dem Verfassungsschutz und der Polizei". Und: "Bisher ist die Lage ruhig, kein Anstieg an Aktivitäten, keine Konzerte, keine Veranstaltungen."
Robert Fietzke sieht das etwas anders. Er leitet die Zora, ein soziokulturelles Zentrum in Halberstadt. Er beobachte, "dass die Dortmunder sich vernetzen, über Messenger-Dienste und auf den Montagsmärschen mit eher rechten, verschwörungsideologischen Milieus, die sich selbst nicht als rechtsextrem betrachten."
Alexander Deptolla und andere aus der Gruppe tauchen seit April dieses Jahres auf diesen Montagsmärschen in Halberstadt auf. Am 8. April, dem Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, liefen sie und andere Rechtsextreme als eigener Block auf der Demonstration mit. Auf ihrem Transparent stand: "Wir gedenken der Toten von Halberstadt".
Diese Montagsmärsche richteten sich 2020 - wie in vielen ostdeutschen Klein- und Mittelstädten - gegen die Corona-Maßnahmen. Seither läuft jede Woche ein stabiles rechtes Protest-Milieu durch Halberstadt. Am vergangenen Montag waren auf einem Video der Organisatoren 150 bis 200 Menschen zu sehen. Auf den Transparenten stand neben Anti-Impf-Slogans auch "Grüne an die Front". Wegen eines "Ami go home"-Plakats des verbotenen rechtsextremen Compact-Magazins ermittelt inzwischen die Polizei. Es redete ein AfD-Landtagsabgeordneter.
Für die Neonazis aus Dortmund ist das ein ansprechendes Publikum. Das Interesse ist beiderseitig: Auf einem Video ist zu sehen, wie Organisatoren der Montagsmärsche Alexander Deptolla mit Handschlag und Lächeln begrüßten. Deptolla kam mit Gästen wieder, einer Gruppe Neonazis aus der etwa eine Autostunde entfernten Stadt Burg. "Diese Männer sind seit Jahren nicht mehr gemeinsam in Erscheinung getreten", sagt eine Sprecherin des regionalen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus. "Eventuell versucht Alexander Deptolla, sie unter seine Fittiche zu nehmen."
Mindestens einer der rechtsextremen Zuzügler wurde zudem mehrfach bei Weda Elysia gesehen. Das ist ein Verein völkischer Siedlerinnen, Siedler, der im nahe gelegenen Dorf Wienrode seit 2018 einen Gasthof besitzt und Grundstücke kauft.
Auch in Halberstadt gibt es die Befürchtung, Deptolla und die anderen könnten Häuser für die rechtsextreme Szene erwerben. Markus Walter besaß in Nordrhein-Westfalen ein Gebäude, in dem rechtsextreme Sänger und die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck auftraten. Matthias Deyda und Alexander Deptolla waren Gesellschafter einer Immobilienfirma.
Nach taz-Informationen gehört zweien aus der Gruppe bereits ein Haus in Halberstadt, in der Wernigeröder Straße. Deptolla nutzt eine Halle auf dem Gelände der 2022 geschlossenen Halberstädter Möbelwerke als Sitz für seine Firma "Tremonia Druck". Wird er dort Kampfsport-Events für Rechtsextreme veranstalten? Dafür seien die derzeitigen Räumlichkeiten jedoch zu klein, sagt Oberbürgermeister Daniel Szarata.
Der CDU-Politiker hofft, dass sich Alexander Deptolla weiter unauffällig verhält. Robert Fietzke von der Zora wünscht sich ein entschlosseneres Vorgehen der Politik. Die Sprecherin des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen schreibt: "Bei den Wegzügen in den vergangenen Jahren konnte als Muster beobachtet werden, dass jemand, der wegzieht und am neuen Ort positive Erfahrungen macht, weitere Szene-Angehörige zum Nachzug motiviert."
Bildunterschrift: Polizist geht auf einer Demo 2012 über Flaggen der verbotenen Kameradschaft Nationaler Widerstand Dortmund.
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Jüdische Allgemeine Online, 28.07.2024:
Chemnitz / Antisemitische Parolen auf Gartenparty
28.07.2024 - 14.59 Uhr
Ermittelt wird jetzt wegen des Verdachts der Volksverhetzung
Auf einer Gartenparty in Chemnitz sollen am späten Samstagabend vier Männer und eine Frau judenfeindliche Lieder gesungen und antisemitische Parolen gerufen haben.
Wie die Polizeidirektion Chemnitz am Sonntag mitteilte, hatte eine Anwohnerin die Polizei auf die feiernde Gruppe im Alter zwischen 42 und 55 aufmerksam gemacht. Ermittelt wird jetzt wegen des Verdachts der
Volksverhetzung.
Die Gartenparty fand demnach in einem Schrebergarten im Stadtteil Altchemnitz statt. Die Tatverdächtigen hätten den Tatvorwurf verneint. Die Polizisten stellten jedoch eine Playlist sicher, auf der sich rechtsgerichtete Musik befand. Die Gartenparty wurde aufgelöst. (epd)
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MiGAZIN, 28.07.2024:
Kranz am Grab / AfD-Politiker huldigt deutschen Besatzer-Offizier in Namibia
28.07.2024 - 11.12 Uhr
Die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus in Namibia ist schwierig. Zuletzt reisten Abgeordnete in das Land. Sie legten einen Kranz am Völkermord-Monument nieder. Ein AfD Politiker hingegen zeigte sich am Grab eines deutschen Besatzer-Offiziers - mit Kranz in der Hand. Jetzt reagiert der Landtag.
Landtagspräsident André Kuper hat den AfD-Abgeordneten Sven Tritschler nach einer Kranzniederlegung in Namibia scharf kritisiert. Die Beziehungen zur Republik Namibia würden schweren Schaden nehmen, schrieb Kuper (CDU) dem AfD-Politiker. Tritschler hatte im Anschluss an eine Delegationsreise einen Kranz vor dem Grab eines Offiziers der deutschen Besatzungstruppe in dem afrikanischen Land niedergelegt.
Die Aktion hatte bereits Empörung bei anderen Politikern ausgelöst. Zum offiziellen Programm gehörte unter anderem die "Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus" und eine Kranzniederlegung an einem Monument für den Völkermord an den Herero und Nama. Tritschler wiederum lud in den Sozialen Medien ein Foto vor dem Grab eines deutschen Offiziers in Swakopmund hoch, seinen eigenen Kranz in der Hand.
Kuper: Tritschler hat Ansehen des Landtags geschadet
Kuper habe Tritschler "sein Befremden über das Verhalten ausgedrückt und dazu aufgefordert, künftig jegliches Verhalten zu unterlassen, das die Würde des Parlaments weiter beschädigt", so ein Landtagssprecher: "Weitere Konsequenzen werden ausdrücklich geprüft und vorbehalten."
Der Präsident habe in seinem Schreiben festgehalten, "dass es sich bei dem Vorgang nicht um einen Teil während der Delegationsreise des Ausschusses des Landtags, sondern um einen anschließenden ausschließlich privaten Teil der Reise handelte. Dieser private Teil der Reise erfolgte weder im Auftrag des Präsidenten noch im Auftrag des Ausschusses."
Kuper schrieb dem AfD-Abgeordneten demnach weiter: "Mit diesem Vorgang wurde bewusst die eigentliche Intention der Ausschuss-Reise untergraben und konterkariert. Mit Ihrem Verhalten haben Sie dem Ansehen des Landtags Nordrhein-Westfalen schweren Schaden zugefügt." Vor wenigen Tagen habe sich auch der Botschafter der Republik Namibia gemeldet und "erhebliche Kritik" geäußert, so Kuper.
AfD-Politiker weist Kritik zurück
Tritschler wiederum sagte auf dpa-Anfrage: "Wir haben im Rahmen der offiziellen Delegationsreise gleich zwei Friedhöfe besucht, auf denen Hereros und Deutsche bestattet sind. Während man der Hereros gedachte, ging man an den Gräbern der Deutschen achtlos vorbei. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Versöhnung."
"Als ehemaliger Soldat und deutscher Volksvertreter" habe er sich in der Pflicht gesehen, "auch für die gefallenen Schutztruppen-Soldaten einen Kranz niederzulegen, die unter sehr schweren Bedingungen Dienst taten." Da das im offiziellen Programm nicht vorgesehen gewesen sei, habe er es mit einem Mitarbeiter im Anschluss nachgeholt, da sie noch einige Tage länger auf eigene Kosten im Land geblieben seien. "Umso verwunderlicher und anmaßender ist nun das Schreiben des Landtagspräsidenten", so Tritschler. Er werde Kuper "in aller Deutlichkeit entgegnen, dass ihn meine selbst organisierten Reisen nichts angehen."
Der Völkermord in Namibia
Zwischen 1904 und 1908 hatte das Deutsche Kaiserreich in seiner damaligen Kolonie einen Völkermord begangen, der 80 Prozent der dort lebenden Herero und 50 Prozent der Nama auslöschte. Mehr als 80.000 Menschen wurden getötet oder verdursteten in der Wüste. 2015 nahmen Deutschland und Namibia Verhandlungen über Zahlungen und eine Entschuldigung für die Verbrechen auf. 2021 erkannte die Bundesregierung die Gräueltaten als Völkermord an. Zugleich sagte Deutschland ein Programm zur Unterstützung der Nachfahren der Herero und Nama in Höhe von 1,1 Milliarden Euro zu. Rechtliche Ansprüche auf Entschädigung sollen daraus aber nicht ableiten lassen. (dpa/epd/mig)
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