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Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt , 05.02.2024 :

Hass-Botschaften über Lieferando

20 Lieferdienst-Fahrer stehen am Freitagabend vor der Tür der Hicret-Moschee / Auf den Bons stehen menschenverachtende Nachrichten / Jugendliche Gemeindemitglieder sind verängstigt

Susanne Lahr, Alexandra Buck

Bielefeld. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit ist die Bielefelder Hicret-Moschee Opfer von Hass-Botschaften geworden. Die islamische Gemeinde erhielt am Freitagabend nach eigenen Angaben rund 20 unerwünschte Bestellungen über den Lieferdienst "Lieferando", die mit menschenverachtenden Botschaften gespickt waren.

Auf den Lieferscheinen standen Anmerkungen wie "Dönermord wird Volkssport. Ausrottung der Sandnigger. Gaskammern für das degenerierte Palästinenservolk." Die Gemeindevertreter sehen darin eine Anspielung auf die NSU-Morde. Damit wird eine rassistisch motivierte Mordserie bezeichnet, bei der zwischen 2000 und 2006 neun Unternehmer mit Migrationshintergrund von der rechtsextremen Terror-Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) getötet worden waren. Man sei dieses Mal direkt zum Polizeipräsidium in Bielefeld gefahren und habe dort Strafanzeige erstattet. Der Staatsschutz wird die Ermittlungen übernehmen, wie die Polizei bestätigt.

Gemeinde tief besorgt über ernsthafte Bedrohung

Cihad Kefeli, Vorsitzender des Bündnisses islamischer Gemeinden in Bielefeld, zeigt sich entsetzt, zumal der erste Vorfall dieser Art vom 18. Dezember nach seinen Worten bisher nicht aufgeklärt werden konnte. Damals hatte auf einer der 20 Lieferscheine gestanden: "Weißer Phosphor auf palästinensische Kinder!"

Dieses Mal seien am Freitagabend ab etwa 19 Uhr rund zwanzig Lieferando-Fahrer nacheinander vor der Moschee an der Windelsbleicher Straße angekommen, ohne dass die Lieferungen hätten gestoppt werden können. Die Annahme der bestellten Waren von 30 bis 40 Euro sei mit Hinweis auf die Hass-Botschaften abgelehnt worden, sagt Kefeli. Und die Gemeinde habe ihre Lieferadresse bei Lieferando sperren lassen.

Am Freitagabend seien rund 30 Gemeindemitglieder in der Moschee gewesen, darunter auch einige Jugendliche, die nach Kefelis Worten durchaus Angst bekommen hätten. "Die muslimische Gemeinschaft in Bielefeld, die Gemeinde und ihre Besucher sind tief besorgt über die ernsthafte Bedrohung und fordern endlich eine entschiedene Reaktion durch die Politik und die Behörden, um solchen Hass-Verbrechen ein Ende zu setzen."

Am Samstagabend gibt es einen Solidaritätsbesuch verschiedener Vertreter der Stadtgesellschaft in der Moschee. Klaus Rees und weitere Grüne Rats- und BSV-Mitglieder begleiten den Besuch von Bezirksbürgermeister Jesco von Kuczkowski und Murisa Adilovic als Vorsitzende des Integrationsrates.

"In unserer demokratischen Gesellschaft darf kein Platz sein für Hass und Einschüchterung, für Rassismus und Diskriminierung. Leider wird es immer häufiger nötig, das zu betonen, was selbstverständlich sein sollte. Unsere Solidarität gilt den Betroffenen", so Grünen-Sprecherin Daniela Kluge. "Wir hoffen darauf, dass die Ermittlungen Erfolg haben und die Täter zur Verantwortung gezogen werden."

Kefeli betont, dass "extremistische Ansichten nicht nur in virtuellen Räumen, sondern auch auf unseren Straßen deutlich präsent sind" und verweist dabei auf die Demonstration der Querdenker-Gruppe "Bielefeld steht auf", die am Freitagabend wieder durch Bielefeld gezogen war. Mehrere Hundert Teilnehmer hatten sich vor dem Rathaus versammelt, um "gegen linke Hetze", wie sie es nennen, Stellung zu beziehen.

Ihnen waren rund 100 Gegendemonstranten unter dem Motto "Genug spaziert - Neonazis in Bielefeld entgegentreten" vor dem Rathaus entgegengetreten. Ein Großaufgebot der Polizei hatte die beiden Gruppen voneinander getrennt.

Das Bündnis islamischer Gemeinden in Bielefeld verurteilt die Hass-Botschaften, die Kefeli einen "widerlichen Akt" nennt, auf das Schärfste. Er fordert nachdrücklich, dass diese Vorfälle bis ins kleinste Detail aufgeklärt werden. Die Politik müsse sich angesichts zunehmender Islam-Feindlichkeit entschieden positionieren und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Mit der Bielefelder Polizei soll über mehr Schutz gesprochen werden.

2017 wurden explizit islamfeindliche Straftaten erstmals in der polizeilichen Kriminalstatistik gesondert erfasst. Laut einem Bericht der Deutschen Welle wurden für das Jahr 1.075 Fälle von Beleidigung, Volksverhetzung und Bedrohung, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung verzeichnet. Die Fallzahlen schwanken seitdem zwischen mehr als 700 und mehr als 1.000 Fällen. Der überwiegende Teil wird als Straftaten aus rechtsextremer Motivlage eingeordnet. Der "Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit" hat dazu im vergangenen Jahr dem Bundesinnenministerium einen Bericht vorgelegt.

Bildunterschrift: Die Hicret-Moschee an der Windelsbleicher Straße ist erneut Ziel einer islamfeindlichen Aktion geworden.

Bildunterschrift: Mit Kassenbons kamen die Hass-Botschaften wie "Dönermord wird Volkssport!".

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Am 2. Februar 2024 (gegen 20.00 Uhr) erhielt die Hicret-Moschee in Bielefeld zahlreiche Bestellungen von "Lieferando" mit anonymen Morddrohungen ("Dönermord wird Volkssport!", "Ausrottung der Sandnigger").

Am 16. Dezember 2023 gegen 20.00 Uhr platzierten Unbekannte an der Hicret-Moschee in Bielefeld nicht georderte "Lieferando"-Bestellungen, begleitet von menschenverachtenden, islamfeindlichen Botschaften.

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