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Westfalen-Blatt Online ,
29.01.2024 :
WB-Reporter bei Geheim-Treffen der "Reichsbürger" im Kreis Gütersloh
29.01.2024 - 19.24 Uhr
Das "Königreich Deutschland" wirbt Mitglieder in OWL
Halle. Am Wochenende hat ein Treffen der "Reichsbürger"-Gruppierung "Königreich Deutschland" an einem geheimen Ort im Kreis Gütersloh stattgefunden. Doch ein Westfalen-Blatt-Reporter war dabei.
Von Christian Althoff
Die Initiatoren versprechen Steuerfreiheit, andere Schulen, eine neue Währung und eigene Ausweise: Das "Königreich Deutschland" (KRD), das Verfassungsschützer extremistisch nennen und der "Reichsbürger"- und Selbstverwalter-Szene zurechnen, will in Ostwestfalen-Lippe Parallelstrukturen zum Staat aufbauen. Am Samstag (27. Januar) trafen sich Interessierte an einem zuvor geheim gehaltenen Ort im Kreis Gütersloh.
"Basis und Aufbau" heißt das Seminar, für das ich mich Anfang des Jahres online anmelde. Ich überweise 43 Euro auf ein Konto bei der Deutschen Bank - ohne zu wissen, wo das Treffen im Großraum Bielefeld / Gütersloh stattfinden wird. So will das "KRD" verhindern, dass Vermieter von Räumen unter Druck gesetzt werden und einen Rückzieher machen.
Lange höre ich nichts. Dann kommt am Donnerstag eine Mail mit der Adresse: Teutoburger Straße 2 in Halle-Künsebeck. Ein Blick auf Google Maps zeigt: Dort ist der Pflegedienst "Lebensbaum Soziale Hilfen gGmbH" zu Hause. Wie ich später erfahre, hat er die Räume ahnungslos für 150 Euro vermietet - für ein angebliches "Selbstfindungsseminar". In der E-Mail werde ich aufgefordert, die Adresse für mich zu behalten. Und ich werde informiert, dass ich jetzt "eine temporäre Zugehörigkeit zum Gemeinwohlstaat Königreich Deutschland" besitze und "die Verfassung, die Gesetze und die Gerichtsbarkeit des KRD" nutze.
Biografie von "Peter I." für 1.100 Euro
Am Eingang zu den Räumen des Pflegedienstes, der samstags nicht hier ist, grüßt ein etwa 35 Jahre alter Mann freundlich und hakt meinen Namen auf einer Liste ab. Es ist 10.40 Uhr - noch 20 Minuten bis zum Beginn und genügend Zeit, einen Blick auf den Büchertisch zu werfen. 15 Euro kostet die gebundene "Verfassung" des "Königreichs", 1.100 Euro die Biografie des "KRD"-Gründers und selbsternannten Königs Peter Fitzek, von Anhängern Peter Menschensohn genannt.
Ein Königstreuer macht mich auf zwei QR-Codes aufmerksam, die in Bilderrahmen auf dem Tisch stehen. "Damit kommst du in die Telegram-Gruppen vom Königreich - die überregionale und die Bielefelder."
In einer Ecke nutzt eine Besucherin das Angebot des "Königreichs", ihre Gesundheit mit Hilfe eines "Bioscans" analysieren zu lassen. Sie hält zwei Metallstäbe in den Händen, die an ein Gerät angeschlossen sind, um anschließend Dutzende Werte ausgedruckt zu bekommen - zur Vitamin-Versorgung, zur Pestizid-Belastung und vielem mehr. Das Gerät erinnert an "Bioscan"-Geräte eines Herstellers aus Baden-Württemberg, dessen zwei Geschäftsführer 2022 wegen gewerbsmäßigen Betruges zu Haftstrafen verurteilt wurden - weil die Geräte nach Ansicht des Amtsgerichts Reutlingen nutzlos waren. 35 Euro kostet ein Scan hier beim "KRD".
Gäste dürfen keine Fotos machen
Ein sanfter Gong eröffnet das Seminar. Etwa 20 Besucher nehmen in drei Stuhlreihen Platz - Männer, Frauen und Paare im geschätzten Alter zwischen 35 und 70 Jahren. Die meisten sind ihrem Äußeren nach gut situiert, und einige - das lässt ihr Akzent in den kommenden Stunden erahnen - scheinen einen osteuropäischen Hintergrund zu haben. Wer heute nicht vom "KRD" zu Werbezwecken gefilmt oder fotografiert werden möchte, kann sich einen weißen Schal umlegen, was aber niemand tut. Wir Besucher dürfen selbst keine Fotos machen.
Das "Königreich" ist mit einem guten Dutzend Männern und Frauen samt zwei Kindern nach Halle gekommen. Vier stellen sich uns als Seminar-Leiter vor: Britta, die Krankenschwester, Kevin und Holger, zwei Berufskampfsportler, und Paul, der im Kreis Herford lebt. Er sagt, er habe in Münster und Bielefeld als Pädagoge gearbeitet und wolle helfen, die "Königreich"-Repräsentanz in Bielefeld aufzubauen. Jeder der vier erzählt aus seinem Leben, und alle scheint zu einen, dass die Corona-Pandemie sie zum "Königreich Deutschland" geführt hat.
Sie sind Gegner vieler staatlicher Maßnahmen und der Impfungen. Holger spricht von einem "Gen-Schwermetall-Cocktail" und sagt, Hausbesitzer müssten damit rechnen, eine staatliche Zwangshypothek ins Grundbuch eingetragen zu bekommen. "Damit die BRD die vielen Impf-Opfer überhaupt entschädigen kann!" Auf diese Zahlungen habe sich der Staat schon 2019 vorbereitet, also vor der Pandemie. "Nichts ist Zufall!"
"BRD ist vom Rechtsstaat entfernt"
Im Gegensatz zu klassischen "Reichsbürgern", sprechen Angehörige des "Königreichs Deutschland" dem Staat seine Legitimation zumindest offen nicht ab, aber sie sehen ihn und seine Organe extrem kritisch und nennen die Bundesrepublik ein "Verwaltungskonstrukt". "Die BRD ist so weit von einem Rechtsstaat entfernt, wie man nur entfernt sein kann. Wer glaubt, was in der "Tagesschau" berichtet wird, dem ist nicht mehr zu helfen", sagt Britta. Und: "Ich frage mich, ob das, was ich im Erdkunde- und Geschichtsunterricht gelernt habe, stimmt."
Die Bevölkerung werde dumm gehalten, damit "die Elite" Wissen und Macht behalte. Sie hoffe deshalb, dass niemand mehr wähle, sagt die Krankenschwester unter Beifall. Die Verschwörungstheorien werden an diesem Tag in Kevins Aussage gipfeln, Wolfgang Schäuble sei "in den Rollstuhl befördert worden", weil er nicht immer auf Linie gewesen sei. "So arbeitet die dunkle Seite."
Wie das "Königreich" an die Stelle des bisherigen Staates treten will, erklärt Kevin so: "Grundgesetz-Artikel 28 gibt Gemeinden das Recht auf Selbstverwaltung. Die Bürger sollten deshalb über Bürgerbegehren und Bürgerentscheide den Bürgermeister dazu bringen, über eine neue Verfassung abstimmen zu lassen - und das könnte die des KRD sein."
"In unseren Schulen wird nicht gegendert"
In einer neuen Gemeinschaft werde es neue Schulen geben, sagt Holger - in denen nicht gegendert werde und Geschlechtsanpassung kein Thema sei. Auch Steuern würden nicht mehr erhoben. "Geld, das der Staat braucht, druckt er sich."
Aktuell, sagt Holger, gehörten 6.000 Menschen zum Königreich Deutschland. 700 von ihnen seien nach Bestehen der Aufnahmeprüfung - der Beantwortung von 40 Fragen zur Verfassung - echte Angehörige des KRD. "Und es werden mehr. Wir wollen uns auf die Schweiz ausdehnen und sind mit einer anderen Gruppe in Kontakt, die das Königreich mit einem Schlag auf 10.000 Angehörige erweitern könnte."
Ehefrau erträgt die Vorträge nicht
Nach der Mittagspause fällt Holger ein leerer Platz in der ersten Reihe auf. Der Mann auf dem Stuhl daneben, der ein kleines Baugeschäft betreibt, sagt lachend: "Ich musste meine Frau in der Pause zu Verwandten bringen. Sie wollte sich das nicht länger anhören." Er selbst scheint weiter Feuer und Flamme zu sein. Vor allem die Vorstellung, seinen Betrieb steuerfrei führen zu können, interessiere ihn, sagt er.
Kevin nickt: "Das geht schon jetzt." Wenn der Mann erstmal ins Königreich Deutschland aufgenommen sei, könne er seinen Betrieb dort anmelden. "Bundesweit gibt es schon 700 Betriebe im KRD." Kevin zeigt auf die Leinwand, auf der die angeblichen Vorteile einer solchen Firma zu lesen sind: "Keine Steuern, keine Buchhaltung, keine überflüssigen Normen und Gesetze."
Der Weg dorthin, so vermittelt es das "KRD", führt über weitere Seminare. Das erste, Modul A genannt, kostet 470 Euro - oder aber 430 E-Mark. E-Mark, erfahren wir, ist die Währung des "Königreichs", wobei das E für "elektronisch" stehen soll - die Konten werden online geführt. "Bei der Königlichen Reichsbank in Lutherstadt Wittenberg." Die E-Mark sei das gesetzliche Zahlungsmittel für bargeldlosen Zahlungsverkehr im Königreich, sagt Holger - für Waren und Dienstleistungen anderer Angehöriger des Königreichs, etwa auf der Online-Plattform "KADARI". Aber es werde demnächst auch Bargeld geben, erklärt der Referent und lässt eine glänzende "Neue Deutsche Mark"-Münze herumgehen. "Aus 999er Silber. Die ersten Scheine sollen auch noch in diesem Jahr rauskommen."
"Über die Gelder entscheidet der König"
Jeder, der ein Konto bei der "Königlichen Reichsbank" eröffne, fördere den Aufbau des Königreichs, erzählt Holger. Eingezahlt werde in Euro, der im Kurs 1,1:1 umgerechnet werde. "Ein Rücktausch ist nicht möglich. Der Kontoinhaber erhält seine Gutschrift in E-Mark, und das Königreich kann den Euro-Betrag für seinen Aufbau nutzen." Wer denn über die Verwendung der Euros entscheide, möchte eine geschätzt 70 Jahre alte Besucherin wissen, und sie erfährt: "Das wird beraten, aber letztlich entscheidet König Peter."
Zuletzt hat das "KRD" offenbar viel Geld für den Kauf von Grundstücken ausgegeben. Das erfahren wir im Seminar nicht, aber es steht im Verfassungsschutzbericht. Demnach hat das "KRD" 2022 einen Kaufvertrag über ein 50.000 Quadratmeter großes Grundstück mit Hotel in Eibenstock (Sachsen) über 2,3 Millionen Euro abgeschlossen und im sächsischen Bärwalde ein Schloss "zum Aufbau eines Gemeinwohldorfs" für 1,3 Millionen Euro gekauft. Der Verfassungsschutz spricht von "ganz erheblichen Vermögenswerten", die das "KRD" von Anhängern erlangt.
In Halle wird die Geld-Verwendung heute nicht weiter hinterfragt, zumal wir immer wieder den Hinweis bekommen, nicht Nachrichten aus "Mainstream-Medien" zu glauben, sondern uns selbst ein Bild zu machen. "Und dafür seid ihr ja heute hier!", ruft Britta, die Krankenschwester. Sie war 2021 an die Spitze des Landesverbands Bremen der Kleinpartei "die Basis" gewählt worden, die der politische Arm der "Querdenker"-Bewegung war. Als Krankenschwester ist es heute ihr Part, für die "Deutsche Heilfürsorge" zu werben - die "Krankenversicherung", die vom "KRD" angeboten wird und günstiger sein soll als andere private Krankenkassen. Corona-Geimpfte und Beamte nimmt die "Deutsche Heilfürsorge" allerdings nicht auf.
"Bevölkerung wird krank gehalten"
In Deutschland würden 90 Prozent der Bevölkerung "bewusst latent krank gehalten", sagt Britta. "Weil sonst das ganze Gesundheitssystem zusammenbrechen würde." Chronische Krankheiten seien uns durch den Lebensstil "anerzogen" worden. Neben der Krankenversicherung hat Britta auch noch Personalausweise im Angebot, die sie rumgehen lässt. "Damit könnt ihr euch sogar bei Polizeikontrollen ausweisen. Gebt euren alten Ausweis zurück und erklärt denen, dass ihr nicht mehr zum Personal der BRD gehört."
Als die Veranstalter das Seminar gegen 17.30 Uhr beenden, zieht es die wenigsten sofort nach draußen. Es bilden sich Gruppen, die die "Königstreuen" mit Fragen löchern. Ein junger Besucher möchte schnell in die Krankenkasse wechseln, und andere fragen nochmal nach der angeblich steuerfreien Betriebsform. Auch das Formular, mit dem die "KRD"-Zugehörigkeit beantragt werden kann, möchte der eine oder andere haben.
Am Tag danach meldet sich Kevin auf Telegram: "Der Auftakt in Bielefeld war spitze!" Auch wenn es Halle war.
Bildunterschrift: Holger (r.). einer der Seminar-Leiter, spricht mit einem anderen Mitglied des "Königreichs".
Bildunterschrift: Einige der Seminar-Teilnehmer in den Räumen des Pflegedienstes in Halle-Künsebeck. Im Hintergrund ein Werbeplakat für die Krankenkasse, die allerdings behördlich verboten ist.
Bildunterschrift: Ein Seminarraum der "Lebensbaum Soziale Hilfen gGmbH" diente als Treffpunkt der Reichsbürger. Der Pflegedienst ahnte nicht, wer seine Räume nutzte. Angemeldet war ein "Selbstfindungsseminar".
Bildunterschrift: So stellte das "Königreich Deutschland" am Samstag in Halle seine Verbreitung dar.
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Am 27. Januar 2024 organisierte die "Reichsbürger"-Gruppe "Königreich Deutschland", in Halle-Künsebeck (Täuschung des Vermieters) ein "KRD-Info-Seminar Basis und Aufbau" vom "KRD"-Projekt "Leucht-Turm".
Am 27. Januar 2024 (11.00 bis 17.00 Uhr) bewarb die "Reichsbürger"-Gruppe "Königreich Deutschland" im "Raum Bielefeld / Gütersloh" ein "KRD-Info-Seminar Basis und Aufbau" vom "KRD"-Projekt "Leucht-Turm".
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