www.hiergeblieben.de

Neue Westfälische , 26.01.2024 :

Wie die Polizei bei Demos zählt

Waren es nun 4.000 oder doch 6.000 Menschen, die in Bielefeld gegen Rechtsextremismus auf die Straßen gegangen sind? So kommen die Zahlen zustande

Moritz Trinsch

Bielefeld. Immer wieder gibt es Verwirrung rund um die Teilnehmerzahlen auf Demos. Die einen halten sie für zu niedrig, die anderen für zu hoch oder gar manipuliert. Jüngstes Beispiel sind zwei Bilder vom Hamburger Jungfernstieg, die AfD-Politiker Björn Höcke gegenübergestellt hat. Laut Höcke sollen auf dem vom ZDF verbreiteten Foto die Alster wegretuschiert und Menschen per Photoshop hinzugefügt worden sein. Den angeblichen Beweis will er in einem zweiten Bild liefern, auf dem das Wasser der Kleinen Alster zu sehen ist und der Platz weniger voll erscheine. Sein Vorwurf: Die von Polizei und Veranstaltern verbreiteten Teilnehmerzahlen seien falsch.

Auch wenn sich später herausstellt, dass die Bilder lediglich aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen wurden, bleiben für viele die Fragen: Wie kommen die Teilnehmerzahlen auf Demos zustande? Und warum kommt es zu teils großen Diskrepanzen - je nachdem, wen man fragt?

In Bielefeld sollen vor einer Woche laut Polizeiangaben mehr als 4.000 Menschen auf die Straße gegangen sein, laut Veranstaltern gar knapp 6.000. Fabian Rickel von der Bielefelder Polizei erklärt: "Bei Versammlungen mit einer solchen Zahl werden die Teilnehmer nicht gezählt, sondern geschätzt." Hierfür werde die Fläche (hier etwa der Jahnplatz) in Raster eingeteilt und dann gezählt, wie viele Menschen in einem Raster stehen. Diese Zahl werde dann hochgerechnet.

Die Paderborner Beamten sind bei der Demo am vergangenen Montag ähnlich vorgegangen. Zunächst hatten sie den Parkplatz des Schützenplatzes als Versammlungsort ausgewiesen, eine Fläche von rund 2.500 Quadratmetern. "Bei lockerer Aufstellweise ist Platz für etwa 3.000 Personen. Das schien uns in Anbetracht der angemeldeten 1.000 Teilnehmer ausreichend", sagt Polizeihauptkommissar Michael Biermann. Schnell wurde aber klar: Der Platz reicht nicht aus. Als Puffer diente die Fläche des Löffelmannwegs samt Gehwegen und Parkbereichen, wodurch eine Fläche entstand, die fast doppelt so groß war wie ursprünglich vorgesehen.

"Nicht in allen Bereichen standen die Teilnehmenden der Demo dicht gedrängt, sodass wir in unserer Schätzung von 5.000 Personen und mehr ausgingen", erklärt Biermann. Eine exakte Zahl könne aber auch er nicht nennen. Und: Die Zahlen der Polizei können von der tatsächlichen Teilnehmerzahl um bis zu 30 Prozent abweichen. Der typische statistische Messfehler, sagt Biermann.

Eine einheitliche Zählmethode für die Polizei in NRW gibt es nicht. So nutzt die Kölner Polizei für ihre Schätzungen unter anderem auch Drohnen- und Hubschrauber-Aufnahmen. Und es gibt noch mehr Möglichkeiten. Mit-Hilfe eines bestimmten Softwareprogramms lassen sich Video-Schnipsel überprüfen und dadurch ableiten, wie viele Menschen vor Ort waren.

Eine weitere Methode: Statt das Gelände in Raster oder Quadrate einzuteilen, kann auch die Zahl der Menschenreihen gezählt werden. Gerade bei Demozügen ist dies eine häufig genutzte Methode. Die Zahl der Reihen wird dann einfach mit der durchschnittlichen Personenzahl pro Reihe multipliziert.

"Die effizienteste Methode ist es, Fläche und Dichte zu bestimmen", sagt der Soziologe Stephan Poppe dem "Spiegel". Es werden also Menschen innerhalb einer bestimmten Fläche gezählt und auf das gesamte Demo-Areal hochgerechnet. Seit Jahren setzt er sich mit der Frage der Bestimmung von Teilnehmerzahlen auf Demos auseinander und kritisiert vor allem die Polizei für ihre "Bauchschätz-Methoden". "Wenn Sie nachfragen, kriegen Sie kaum Antworten. Was ich auch als Indiz dafür sehe, dass eigentlich keine Methodik dahintersteht", erklärt Poppe. "Der eine sagt, ich glaube, es sind 20.000, der andere sagt 40.000. Dann machen wir 30.000."

Der Politikwissenschaftler Sebastian Haunss sagt dem "Spiegel" zudem, dass "die Polizei die Teilnehmerzahlen in der Regel systematisch unterschätzt". Und das aus zwei Gründen: Erstens liege das Interesse der Polizei darin, zu dokumentieren, dass sie mit einem angemessenen Aufgebot die Sicherheit gewährleisten könne, und das gehe eher mit niedrigeren Zahlen. Zweitens gelte die Polizei politisch gesehen als Institution der Mitte. Bei linksextremen oder rechtsextremen Demonstrationen könne es ein Interesse geben, zu zeigen, dass nicht so viele Menschen vor Ort seien wie behauptet. Die Veranstalter dagegen haben ein Interesse daran, möglichst hohe Zahlen zu nennen, und sind in ihren Schätzungen daher häufig optimistischer.

Bildunterschrift: Etliche Tausend Menschen sind zu der jüngsten Demo auf den Bielefelder Jahnplatz gekommen. Wie viele Teilnehmer eine solche Veranstaltung genau hat, ist oft umstritten.

Die nächsten Proteste gegen Rechtsextremismus

Das Bündnis "Zusammen gegen Rechts" hat für das Wochenende bundesweit zu weiteren Protesten gegen die AfD und Rechtsextremismus aufgerufen. Von Freitag bis Sonntag seien in rund 200 Städten Veranstaltungen angemeldet worden, teilte "Fridays for Future" als Teil des Bündnisses mit. Auch in OWL sind etliche geplant:

Kreis Paderborn: Delbrück, heute 17 Uhr, Vorplatz der Stadthalle; Bad Wünnenberg, Samstag 15 Uhr, Kurpark.

Kreis Herford: Herford, heute 18 Uhr, Rathausplatz; Bünde, Samstag 12 Uhr, Tönnies-Wellensiek-Platz.

Kreis Minden-Lübbecke: Espelkamp, heute 17 Uhr, Wilhelm-Kern-Platz.

Kreis Gütersloh: Gütersloh, heute 17 Uhr, Berliner Platz; Wiedenbrück, Sonntag 14 Uhr, Marktplatz.

Kreis Höxter: Warburg, Samstag 11 Uhr; Schützenplatz, Bad Driburg, 11 Uhr, Leonardo-Brunnen.

Stadt Bielefeld: Dienstag, 30. Januar, ab 18 Uhr, Jahnplatz.

_______________________________________________


Am 20. Januar 2024 fand in Bielefeld mit etwa 6.000 Beteiligten eine Kundgebung mit der anschließenden Demonstration (vom Jahnplatz zum Hauptbahnhof), gegen die völkisch-nationalistische Partei "AfD" statt.

_______________________________________________


www.facebook.com/hashtag/wirsindmehrinbielefeld?locale=de_DE


zurück