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Mindener Tageblatt , 20.01.2024 :

Ein voller Marktplatz gegen den Hass

Die Teilnahme an der Demonstration gegen Rechtsextremismus übertraf in Minden alle Erwartungen / Mehr als 4.000 Menschen kamen zusammen, um sich gemeinsam gegen Deportationspläne und für mehr Miteinander zu positionieren

Ilja Regier, Monika Jäger und Patrick Schwemling

Minden. Die Kraft der vielen ist am Freitagabend auf dem Mindener Marktplatz spürbar wie selten in Minden. Rund 4.000 sind zur Demonstration "Gegen die Neue Rechte" gekommen. Darunter Menschen mit Rollatoren und ihren Hunden, Eltern mit kleinen Kindern. Es ist ein Mix aus Jungen und Alten, Hebammen und Omas, Lehrern und Schülern, Lokalpolitikern und Mitgliedern unterschiedlicher Organisationen. Sie alle eint nach dem Bekanntwerden eines Treffens von Rechtsextremisten in Potsdam und ihren kruden Deportationsplänen eins: Sie wollen ein deutliches Zeichen dagegen setzen.

Viele halten deswegen Plakate hoch. "Ich bin entsetzt und kann es nicht fassen", steht auf einem Schild, das eine Frau gebastelt hat. Im Gespräch erklärt sie, dass sie es in Deutschland nicht für möglich gehalten habe, dass über faschistische Ideologien debattiert werde. "Wir müssen aufstehen gegen Hass und Rassismus und dürfen nicht zu Hause bleiben", sagt die Frau. Sie hofft darauf, dass es nicht bei der einen Demonstration bleibt, sondern sich generell etwas verändert. Andere Frauen positionieren sich als "Hebammen gegen Rechts", auf einem Schild steht: "Schwanger? Pech gehabt, deine Hebamme wurde deportiert." Auf anderen Plakaten steht: "Braune Welle brechen, bevor sie die Demokratie bricht." Oder auch: "Nazis säen Angst und Neid, wir sind es leid! Nie wieder ist jetzt."

Die Anwesenden spenden den Rednerinnen und Rednern bereitwillig Applaus und bestärken sie mit Jubelrufen. Rund anderthalb Stunden geht die Protestaktion, trotz frischer Temperaturen bleiben die meisten bis zum Schluss. Die Polizei ist mit mehreren Kräften vor Ort und zeigt sich entspannt. Größere Störaktionen stellen die Beamten nicht fest. Einige Rechtsextreme sind zwar vor Ort, sie fallen in der Menge aber nicht weiter auf. Die Organisatoren sprechen von drei Zwischenfällen. Eine Person mit Israel-Flagge und Hakenkreuz soll des Platzes verwiesen worden sein.

Allen auf der Bühne geht es darum, klar Position gegen jegliche Angriffe auf die Demokratie zu beziehen und ohne jeden Zweifel deutlich zu machen, wie willkommen ihnen Menschen mit internationaler Familiengeschichte in Deutschland sind. Dabei setzen sie aber durchaus unterschiedliche Schwerpunkte.

"Zuwanderung und Vielfalt eine gesellschaftliche Bereicherung"

Vor allem die Mindener Integrationsbeauftragte Selvi Arslan ist angesichts des zustimmenden Jubels manchmal kaum zu verstehen. Sie prägt den schlichten Begriff "Menschen mit internationaler Familiengeschichte", den Folgeredner wie Karl-Stefan Preuß gern aufgreifen. Die Menge bejubelt Arslans Aufruf, sich zu einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft zu bekennen und allen Menschen Respekt und Wertschätzung zukommen zu lassen. Medien müssten mehr über die positiven Aspekte der Integrationsarbeit berichten - auch damit spricht sie der Menge aus dem Herzen. Und dann wird Arslan nachdenklich. Sie habe sich ernsthaft gefragt, was wäre, wenn alle, die in rechten Kreisen als unerwünscht gelten, mal drei Tage lang durchgehend die Arbeit niederlegen würden.

Nachdenklich beginnt auch der Mindener Unternehmer und WEZ-Chef Karl-Stefan Preuß. "Ich möchte helfen, Zustände zu verhindern, wie sie meine Vorgänger vor 100 Jahren erlebt haben. Ich habe nicht vermutet, dass ich das in meiner Wirkungsphase tun muss." Gerade als jemand, der für das Wohlergehen von 1.800 Beschäftigten aus 35 Nationen verantwortlich ist. Preuß bezog ausdrücklich auch Menschen mit "diversen Eigenschaften und Neigungen" ein. Auch er macht klar: "Wir beschäftigen 30 bis 50 Prozent Menschen mit internationaler Familiengeschichte. Zuwanderung und Vielfalt ist eine gesellschaftliche Bereicherung." Die Vorschläge der extrem Rechten würden einen Zusammenbruch des Systems bedeuten - ganz abgesehen von deren ethischer Undenkbarkeit. Doch seine Zuversicht und sein Vertrauen in ein System auf Basis humanistischer Ordnung seien nichtsdestotrotz ungebrochen.

Dass die Thematik auch für Mindens Bürgermeister Michael Jäcke (SPD) von größter Wichtigkeit ist, macht seine Rede klar. In der tritt er kämpferisch für eine Stadtgesellschaft der Vielfalt ein, in der Brücken gebaut statt eingerissen werden. Direkt ans Publikum wendet sich Landrat Ali Dogan (SPD), den die Demonstranten mit großer Wärme begrüßen. Vor ein paar Tagen habe er einen Spruch gelesen: "Jetzt könnten wir zeigen, was wir an Stelle unserer Großeltern getan hätten." Sein Urteil: "Unsere Großeltern wären stolz, wenn sie das hier gesehen hätten." Die AfD sei nicht mehr der Wolf im Schafspelz - "die Rechtsextremen zeigen inzwischen ganz offen, dass sie unsere Demokratie zerstören wollen". Den Zuhörenden ruft er zu: "Lassen Sie sich nicht einlullen!" Wer die freiheitlich-rechtliche Grundordnung nicht akzeptiere, habe auch das Recht verwirkt, über die Demokratie zu diskutieren: "Keine Toleranz der Intoleranz." Er schloss mit persönlichen Worten: "Ich bin verdammt stolz auf diesen Mühlenkreis, der einen Ali zum Landrat gewählt hat. Denn in meinem Deutschland kommt es nicht auf den Namen oder die Herkunft an, sondern auf den Menschen. Wir lassen uns von einer rassistischen AfD nicht diktieren, wer Deutscher ist und wer nicht."

Superintendent ist "Scheiß-Rassismus" leid

Unmissverständliche Worte wählte auch der evangelische Superintendent Michael Mertins: "Die Rechten sprechen von Remigration und meinen Deportation. Die AfD lässt die Maske fallen und zeigt ihr wahres Gesicht." Was schon einmal in Deutschland geschehen sei, dürfe nie wieder passieren: "Nie wieder ist jetzt." Es würde keine Kirche ohne "unsere Geschwister aus aller Welt" geben: "Unser Gott ist nicht weiß, nicht männlich und schon gar nicht deutsch." Die Evangelische Kirche werde dieses Gedankengut mit aller Kraft bekämpfen, verspricht er. Kirche habe versagt, als die Nationalsozialisten eine völkische Gesellschaft schaffen wollten. Das werde nie wieder geschehen: "Ich bin diesen Scheiß-Rassismus leid."

Vor allem an seine Kinder und Enkelkinder denkt der ehemalige Sparkassenvorstand Volker Böttcher. Die Demokratie müsse manchmal Zähne zeigen: "Wenn wir in unserer Gesellschaft Rattenfänger haben, dann müssen wir ihnen die Flöte wegnehmen." Böttcher verweist auf die Situation in Polen, wo die rechtspopulistische "PiS"-Partei mehrere Jahre reagiert hat und nun durch Wahlen abgelöst wurde. Ihr Handeln zu korrigieren, sei schwierig. "Wir müssen wachsam sein - auf allen Ebenen." Böttcher fordert, unbequemen Diskussionen nicht aus dem Weg zu gehen.

Auch Schüler ergreifen das Wort, darunter Kolya Mustafa vom Jugendforum Minden. Er berichtet davon, dass in seinem Umfeld die Angst umgehe: "Wir werden alle abgeschoben", sei kein Spruch mehr, der aus Spaß falle. "Das würde bedeuten, dass uns allen alles weggenommen werde." Aylin Rescho, ebenfalls vom Jugendforum, berichtet davon, dass ihre Schwester erst in dieser Woche von einem Rassisten bedroht worden sei.

Organisiert hatten die große Kundgebung Marcel Komusin vom Verein "Minden - Für Demokratie und Vielfalt" und die Quartiersmanagerin der Oberen Altstadt, Franziska Bader. "Die Stimmung war gut, es war ermutigend - wir sind mehr als zufrieden", zieht Komusin Bilanz.

Am Freitagmorgen hatte er noch eine unschöne Entdeckung direkt an seinem Büro gemacht. Zum einen klebten mehrere Sticker der "Jungen Nationalisten" an den Fenstern und auf dem Weg zum Ort der Kundgebung. Sie überdecken zum Teil auch ein Plakat, das die Ausstellung für von Neonazis ermordete Menschen bewirbt. Zum anderen tauchten am Freitag plötzlich in unmittelbarer Nähe seines Büros beleidigende Graffitis auf. "Die Polizei weiß Bescheid", sagt Komusin, der die Schriftzüge direkt der Stadtreinigung gemeldet habe.

Die Autoren sind erreichbar unter Lokales@MT.de.

Bildunterschrift: Das Panorama zeigt, wie viele Menschen sich in der Innenstadt versammelt haben. Die Teilnehmer mussten auch auf Nebengassen ausweichen.

Bildunterschrift: Mitorganisator Marcel Komusin ist zufrieden mit der Aktion.

Bildunterschrift: Viele Teilnehmende der Demonstration gegen Rechtsextremismus hatten Schilder und Plakate mitgebracht, um ihre Botschaft zu transportieren.

Bildunterschrift: Landrat Ali Dogan sorgte mit seiner Rede für den lautesten Applaus.


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- Freitag, 19. Januar 2024 um 17.00 Uhr -


Kundgebung: Gegen die Neue Rechte!


Veranstaltungsort:

Martinitreppe
32423 Minden


Redebeiträge von:

Bürgermeister Michael Jäcke
Landrat Ali Dogan
Kathrin Kosiek, CDU
Rüdiger Höcker, Seebrücke Minden
Felix Abruszat, FDP
Nina Pape, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden
Anna Gasiewski, Fluchtpunkt Martinihaus
Selvi Arslan, Integrationsbüro Minden
Aylin Rescho, Jugendforum Minden
Kolya Mustafa, Jugendforum Minden
Oswald Marschall, Verein Deutscher Sinti e.V. Minden
Volker Böttcher, Sparkassenvorstand im Ruhestand
Michael Mertins, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Minden
Sprecherin der Grünen
Irmgard Schmidt, Lübbecke zeigt Gesicht


Veranstalterinnen:

Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V.

Quartiersmanagement der Oberen Altstadt

Treffpunkt "LilaGold"


www.lap-minden.de

www.oberealtstadt.de

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Am 19. Januar 2024 soll in Minden, nach Angaben der Organisatorinnen, auf der Kundgebung "Gegen die Neue Rechte", eine Person mit Israel-Flagge sowie einem Hakenkreuz des Platzes verwiesen worden sein.

Am 19. Januar 2024 nahmen 4.000 Personen an der Kundgebung "Gegen die Neue Rechte" von Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V., Quartiersmanagement der Oberen Altstadt und Treffpunkt "LilaGold" teil.

Am 19. Januar 2024 wurden am Büro des Vereins "Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V." - zahlreiche Sticker der "Jungen Nationalisten" an den Fenstern - wie auf dem Weg zu dem Kundgebungsort entdeckt.

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20./21.01.2024

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