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Mindener Tageblatt ,
20.01.2024 :
Zwischenruf / Jetzt sind wir gefragt
Sven Thomas
Minden ist am Freitagabend aufgestanden. Das war nach dem Querdenker-Aufmarsch vor dem Privathaus der damaligen Landrätin vor zwei Jahren schon einmal so gewesen. Hatten wir uns danach wieder etwas zu bequem hingesetzt? Es dauerte nun jedenfalls ein bisschen, bis die Stadt sich wieder erhoben hat. Eine große Mehrheit hat genug. Sie schweigt vielleicht manchmal zu oft und deshalb wirkt es, als gebe es sie gar nicht. Aber sie existiert.
Und zwar durch uns, die wir an die Demokratie glauben und daran, dass sie nicht aus sich selbst heraus besteht. Es gibt sie nicht einfach so, sie ist kein Automatismus. Unser Atem ist ihr Luftholen. Wenn wir beginnen, sie für selbstverständlich zu halten, kommen ihre Feinde und knipsen das Licht aus.
Deutschland ist in Unruhe. So spüre ich das jedenfalls und ich habe den Eindruck, dass es vielen genauso geht. Es wackeln so einige Grundüberzeugungen und scheinbare Selbstverständlichkeiten, die wie unberührbar wirkten. Während andere Länder schon im Rechtsdrall schleuderten, erschien Deutschland gegen den Rechtsradikalismus recht immun. Die deutsche Geschichte machte das "Nie wieder" zum Vermächtnis, das die Zeiten wie selbstverständlich zu überdauern schien. Nun aber zeigt sich: Auch hier kriecht wieder der Hass hervor. Es gibt keine Garantie auf seine Abwesenheit. Wir sind gefragt, ihn aufzuhalten. Wenn die vielen es heute nicht tun, werden es die einst wenigen schon gar nicht schaffen.
So kann auch ich nicht mehr schweigen. Als Verleger ist es mir wichtig, gute Bedingungen für Journalismus zu schaffen, ihn einzufordern und die zu bestärken, die ihn ausüben. Das verstehe ich als meine Aufgabe, ohne selbst Journalist zu sein. Aber heute braucht es diesen Zwischenruf.
Demokratie, das ist so ein Wort, das manchmal etwas verbraucht klingt. Wie ein Schlagwort, das müde ist, seine Botschaft lebendig zu halten. Worum geht es, wenn wir "Demokratie" sagen? Um die Freiheit des Worts. Um das Ringen um Lösungen im kontroversen, aber fairen Widerstreit. Um das Achten des anderen. Um die Gleichheit aller Menschen. Um faire Prozesse vor unabhängigen Gerichten. Und um so viel mehr. Das alles dürfen wir nicht aufgeben. Auch und dann nicht, wenn es uns mühsam und langwierig erscheint. Ist alles einfach und gut in diesem Land? Gewiss nicht. Gibt es nichts zu kritisieren? Sehr wohl. Aber was ist denn die Alternative? Mag sein, dass Diktatoren schneller entscheiden und einfache Antworten zügig umsetzen. Aber der Preis ist der Untergang des Lebens, wie wir es kennen und brauchen.
Wir leben nicht in einer Demokratie, wir sind sie - oder sind es nicht. Es ist unsere Verantwortung. Wir sind aufgestanden. Und nun, bleiben wir stehen!
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- Freitag, 19. Januar 2024 um 17.00 Uhr -
Kundgebung: Gegen die Neue Rechte!
Veranstaltungsort:
Martinitreppe
32423 Minden
Redebeiträge von:
Bürgermeister Michael Jäcke
Landrat Ali Dogan
Kathrin Kosiek, CDU
Rüdiger Höcker, Seebrücke Minden
Felix Abruszat, FDP
Nina Pape, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden
Anna Gasiewski, Fluchtpunkt Martinihaus
Selvi Arslan, Integrationsbüro Minden
Aylin Rescho, Jugendforum Minden
Kolya Mustafa, Jugendforum Minden
Oswald Marschall, Verein Deutscher Sinti e.V. Minden
Volker Böttcher, Sparkassenvorstand im Ruhestand
Michael Mertins, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Minden
Sprecherin der Grünen
Irmgard Schmidt, Lübbecke zeigt Gesicht
Veranstalterinnen:
Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V.
Quartiersmanagement der Oberen Altstadt
Treffpunkt "LilaGold"
www.lap-minden.de
www.oberealtstadt.de
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Am 19. Januar 2024 soll in Minden, nach Angaben der Organisatorinnen, auf der Kundgebung "Gegen die Neue Rechte", eine Person mit Israel-Flagge sowie einem Hakenkreuz des Platzes verwiesen worden sein.
Am 19. Januar 2024 nahmen 4.000 Personen an der Kundgebung "Gegen die Neue Rechte" von Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V., Quartiersmanagement der Oberen Altstadt und Treffpunkt "LilaGold" teil.
Am 19. Januar 2024 wurden am Büro des Vereins "Minden - Für Demokratie und Vielfalt e.V." - zahlreiche Sticker der "Jungen Nationalisten" an den Fenstern - wie auf dem Weg zu dem Kundgebungsort entdeckt.
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www.lap-minden.de
www.oberealtstadt.de
20./21.01.2024
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