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Mindener Tageblatt ,
20.01.2024 :
Das rettende Abteil
Bei der Zugkatastrophe am 20. Januar 1944 in der Porta starben 79 Menschen / Der damals zweijährige Günter Werz und seine Mutter überlebten - weil im letzten Waggon kein Platz mehr für sie war
Dirk Haunhorst
Porta Westfalica. Das Leben besteht aus vielen Konjunktiven. Wäre dies besser gelaufen oder hätte man sich dort anders entschieden, dann ... Meistens sind solche Gedankenspiele müßig und führen zu nichts. Im Fall von Günter Werz ist das anders. Wäre er am 20. Januar 1944 wie vorgesehen mit seiner Mutter in den letzten Wagen eines Schnellzuges gestiegen, hätten die beiden das verheerende Bahnunglück in der Porta sehr wahrscheinlich nicht überlebt. Der heute 82-Jährige ist einer der letzten Zeitzeugen der Katastrophe. "Ich bin mir bewusst, dass mir am 20. Januar 1944 ein zweites Mal das Leben geschenkt wurde", sagt er.
Günter Werz, der viele Jahre als Journalist tätig war und heute im Landkreis Potsdam lebt, ist damals gerade zwei Jahre alt und damit zu jung gewesen, um sich an Einzelheiten dieses Schicksalstags zu erinnern. Seine "kleine, fast unglaubliche Geschichte des Glücks", wie er sie bezeichnet, speist sich vor allem aus den Gesprächen mit seinen Eltern.
Die Familie wohnt damals in Hannover. Am Nachmittag des 20. Januar steigen Elisabeth Werz und ihr kleiner Sohn Günter in einen D-Zug in Hagen, wo sie die Großeltern des Zweijährigen besucht haben, um nach Hannover zurückzukehren. Sein Vater, der als Vermessungsingenieur bei der Bahn arbeitet, hat seiner Frau einen Ratschlag mit auf die Reise gegeben: Wegen der übervollen Züge in diesen Kriegszeiten soll sie in Hagen möglichst in den letzten Wagen steigen. Weil dieser außerhalb des kurzen Bahnsteiges auf dem Schotter stehe, suchten sich die meisten Fahrgäste lieber bessere Plätze.
Elisabeth Werz geht deshalb schon lange vor Abfahrt des Zuges zum letzten Wagen. Doch der "Geheimtipp" ihres Mannes ist keiner: Es gibt nicht einen einzigen Sitzplatz, nicht einmal auf den Stufen des Waggons. Seine Mutter sei dann verzweifelt auf dem Bahnsteig hin und her gelaufen und habe zu den Abteilen geschaut, um noch einen Platz zu erhaschen, berichtet Günter Werz.
Furchtbare Schreie gellten nach dem Aufprall durch den Zug
In der Mitte des Zuges habe sie dann ein älterer Bahnbeamter angesprochen. Die Mutter erklärt, dass sie für sich und ihren Sohn einen Platz sucht. Der Bahnbeamte zeigt auf ein Fenster, hinter dem sich das Mutter-Kind-Abteil befindet. Und dort ist auch noch Platz. Während der Fahrt, berichtet Günter Werz, habe er dann auf dem Gang mit einem kleinen Mädchen gespielt - bis der Zug plötzlich bremst und ein Mann aufgelöst durch den Waggon läuft und schreit: "Wer hat denn hier die Notbremse gezogen?"
Minuten später folgt ein ohrenbetäubender Knall. "Ich lag weinend auf dem Gang, und meiner Mutter war der Koffer auf den Kopf gefallen", berichtet Günter Werz. "Furchtbare Schreie gellten durch den Zug - erst später erfuhren wir, dass ein zweiter Zug von hinten auf unseren Zug aufgefahren war."
Die Katastrophe ereignet sich um 18.51 Uhr nördlich der Ausfahrt des Portaner Bahnhofs in Höhe des Hotels Großer Kurfürst. Ein zweiter Schnellzug ist auf den stehenden geprallt, weil der Fahrdienstleiter irrtümlich die Einfahrt in den Bahnhof freigegeben hat. Er sei durch das ständige Aufheulen der Sirenen wegen Fliegeralarms durcheinander gewesen, wird er später vor Gericht erklären. Wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Transportgefährdung erhält er eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.
Bis heute ist nicht geklärt, wer die Notbremse des ersten Zuges an diesem Unglückstag zog. Zwei Autoren einer Eisenbahn-Fachzeitschrift haben in einem Artikel darüber spekuliert, dass dies ein SS-Offizier gewesen sein könnte, der in Barkhausen einquartiert war (MT vom 4. November). Er habe womöglich schnell nach Hause wollen und deshalb den ungeplanten Halt am Bahnhof Porta verursacht.
Elisabeth Werz und ihr Sohn sind bis auf eine Prellung und ein paar Schürfwunden unverletzt. Die ganze Dimension des Unglücks, bei dem 79 Menschen getötet und mehr als 80 verletzt werden, ist zunächst nicht greifbar. "Erst Stunden später teilte man uns mit, dass der letzte Waggon, in dem wir eigentlich hätten sitzen sollen, sowie ein weiterer Wagen, durch den Aufprall durch die Luft geschleudert worden waren und viele Tote zu beklagen seien", berichtet Günter Werz.
Während sich in der Porta die Rettungsmannschaften den Weg zu den Opfern bahnen, steht sein Vater vergeblich in Hannover auf dem Bahnsteig, um Frau und Kind abzuholen. Verärgert geht er schließlich zur Fahrdienstleitung, um etwas über den ausbleibenden Zug zu erfahren. "Wir dürfen nichts sagen", lautet die Antwort. Erst nach Stunden erfährt er, dass ein Zug auf einen stehenden Zug aufgeprallt ist und es auch Tote gegeben hat.
"Mit dem ersten Frühzug am nächsten Morgen fuhr mein Vater von Hannover nach Minden in der absoluten Gewissheit, dass Frau und Sohn das Unglück nicht überlebt haben", berichtet Günter Werz. Sein Vater habe später kaum darüber sprechen können, wie er in Turnhallen unter Aufsicht ein Leichentuch nach dem anderen anhob, um zu sehen, wo er Frau und Kind finden kann. Wie sich herausstellt, waren sowohl Mutter und Sohn als auch der Vater mehrere Stunden auf der Strecke Minden-Hannover unterwegs - allerdings in entgegengesetzter Richtung.
Die unfassbare Freude seines Vaters, Frau und Kind gesund in die Arme schließen zu können, bewege ihn noch heute, sagt Günter Werz. Geboren wurde er am 13. Dezember 1941. Der heutige 20. Januar fühlt sich an wie ein zweiter Geburtstag.
Der Autor ist erreichbar unter Dirk.Haunhorst@MT.de.
Bildunterschrift: Trümmerfeld in der Porta: Bei dem verheerenden Zugunglück am 20. Januar 1944 kamen 79 Menschen ums Leben, mehr als 80 erlitten zum Teil schwerste Verletzungen.
Bildunterschrift: Günter Werz war beim Unglück zwei Jahre alt.
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Mindener Tageblatt, 04./05.12.2021:
Zog ein SS-Offizier die Notbremse?
Ein Eisenbahnunglück im Bahnhof Porta mit 79 Toten erschütterte 1944 die gesamte Region / Ein Schuldiger wurde schnell gefunden / Doch zwei Autoren kommen jetzt zu einem anderen Ergebnis
Hans-Martin Polte
Porta Westfalica. 79 Tote und 84 zum Teil Schwerstverletzte: das Eisenbahnunglück, das sich am 20. Januar 1944 in der Porta ereignete, kostete nicht nur viele Menschenleben, sondern traumatisierte auch Überlebende und Angehörige. Gelitten hat auch der junge Fahrdienstleiter des Bahnhofs Porta, der allein für das Unglück verantwortlich gemacht wurde. "Er war damals erst drei Wochen in dieser verantwortungsvollen Position und hatte vorher vergeblich seine Vorgesetzten gebeten, ihm Unterstützung zur Einarbeitung zu geben", berichtet eine seiner Töchter, die in Porta lebt, dem MT.
Fünf Angeklagte standen seinerzeit vor dem Landgericht Bielefeld. Doch nur der Fahrdienstleiter wurde verurteilt. Zwei Eisenbahn-Fachleute haben sich jetzt näher mit dem Unglück und dem Gerichtsverfahren befasst, üben deutliche Kritik an dem Urteil und kommen bei der Schuldfrage zu einem anderen Schluss. Dabei spielt auch ein SS-Offizier eine Rolle.
Dunkelheit, Nebel und Fliegeralarm
Im Abstand von 13 Minuten fuhren am Abend des 20. Januar 1944 zwei D-Züge von Bielefeld nach Hannover. Als der erste Zug den Bahnhof Porta passierte, zog ein Passagier im viertletzten Wagen die Notbremse, sodass der Zug in Höhe des ehemaligen Hotels "Großer Kurfürst" zum Stehen kam. Während das Zugpersonal sofort die Ursache der Notbremsung zu ermitteln versuchte, war der diensthabende 31-jährige Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk "Pmf" in Höhe des Güterbahnhofs mit zahlreichen anderen Zug- und Rangierfahrten im damals langgestreckten Bahnhofsgebiet so angespannt beschäftigt, dass er dem stehenden D-Zug zunächst keine Aufmerksamkeit schenkte. Wegen Dunkelheit, Nebels und kriegsbedingter Verdunkelung konnte er den in 300 Metern Entfernung stehenden Zug nicht sehen.
Hinzu kam, dass in diesen Minuten Fliegeralarm und kurz danach sogar drohender Luftangriff gemeldet wurde. Auch die beiden anderen Bahnbediensteten auf zwei weiteren Stellwerken im Bereich des Bahnhofs Porta waren vollauf mit ihren Routinearbeiten und den vorgeschriebenen Vorkehrungen bei Alarm beschäftigt.
Lokomotive und Waggons flogen durch die Luft
So kam es, dass dem nachfolgenden zweiten D-Zug - wegen der Hektik auf den Stellwerken und falschen Signalsetzens auf Grund von Missverständnissen zwischen Bahnmitarbeitern - freie Fahrt durch den Bahnhof Porta gegeben wurde. Der Zug fuhr ungebremst auf den im selben Gleis haltenden D-Zug auf. Die Folgen waren schrecklich. Augenzeugen berichteten von einem explosionsartigen Knall und einem glühenden Feuerball in der Dunkelheit. Die auffahrende Lok und mehrere Waggons wurden durch die Luft geschleudert und brannten. In den Zügen starben Soldaten, Zivilisten und Zwangsarbeiter. Auch vier Kinder zählten zu den Opfern.
Von der Strafkammer des Landgerichts Bielefeld wurde der Fahrdienstleiter, der damals in Holzhausen an der Porta wohnte, am 12. Juli 1944 "wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Transportgefährdung zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt", wie im Gerichtsurteil zu lesen ist. (Dort ist auch von 87 Verletzten die Rede, andere Quellen sprechen von 64.) Vier weitere angeklagte Bahnbedienstete wurden freigesprochen.
Mit diesem Urteil und mit den Vorgängen am Unglückstag, besonders den wenigen Minuten zwischen dem Halt des ersten D-Zuges um 18.39 Uhr und dem Aufprall des zweiten D-Zuges um 18.51 Uhr, haben sich nun zwei Experten eingehend beschäftigt. In der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift "EisenbahnKLASSIK" veröffentlichen Hendrik Bloem, Fachmann für Eisenbahn-Geschichte und Herausgeber der Zeitschrift "Eisenbahn-Romantik", und der ehemalige Eisenbahner und heutige Rechtsanwalt Fritz Wolff aus Bielefeld einen Artikel unter dem Titel "Inferno auf Bahnhof Porta", in dem sie den "verheerenden Unfall im Krieg" rekonstruieren und zu überraschenden Folgerungen kommen.
Detailliert wird von den Autoren der Ablauf des Geschehens geschildert und herausgearbeitet, dass man dem Fahrdienstleiter auf keinen Fall die alleinige Schuld an der Katastrophe geben kann. Sie sind zwar der Meinung, dass schuldhafte Dienstpflichtverstöße des Fahrdienstleiters, die zu dem Unfall geführt haben, nicht zu bestreiten seien. Sie nennen aber die Freisprüche für Lok- und Zugführer des ersten D-Zuges "völlig unverständlich". Beide hätten gravierend gegen damals geltende Dienstvorschriften verstoßen. So hätte der Lokführer unbedingt das vorgeschriebene mehrmalige akustische Notsignal geben müssen, und der Zugführer müsse in solch einem Notfall "auf kürzestem Wege den Fahrdienstleiter verständigen". Beides sei in diesem Fall nicht passiert.
Lok- und Zugführer im Visier der Autoren
"Wenn das geschehen wäre, so wäre der Fahrdienstleiter auf den Zwangsaufenthalt des ersten D-Zuges mitten in seinem Bahnhof mit Sicherheit aufmerksam geworden", urteilen die Autoren des Berichts. "Die Argumentation des Gerichts, wonach Lok- und Zugführer aus ihren Unterlassungen kein Schuldvorwurf gemacht werden könne, entbehrt jeder Nachvollziehbarkeit."
Sehr bedenklich erscheint den Autoren auch der Freispruch für den Bediensteten auf dem Stellwerk im Bahnhofsgebäude. Da der Zug vor seinem Fenster mit den typischen Bremsgeräuschen und entsprechendem Funkenflug zum Halten gebracht wurde, hätte dieser alles daransetzen müssen, dass der zweite D-Zug einige Minuten später keine Durchfahrtserlaubnis auf demselben Gleis erhalten durfte.
Durfte die Wahrheit nicht ans Licht kommen?
Äußerst merkwürdig erscheint den Autoren die Tatsache, dass es nach dem Unglück keinerlei Nachforschungen nach der Person gab, die mitten im Bahnhof die Notbremse gezogen hatte. Weder in den Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft noch in den Gerichtsakten taucht die Frage nach dem Täter auf. Bloem und Wolff verwundert es, dass der Reisende, der das tat, in dem vollbesetzten Zug nicht beobachtet wurde. "Und so erscheint uns die Mitteilung, die wir im Rahmen unserer Recherchen mehrfach erhielten, dass nämlich jener Reisende durchaus, und zwar auch namentlich, feststehe, keineswegs an den Haaren herbeigezogen." Sie kommen zu dem Schluss, dass man damals durchaus Interesse daran hatte, "diesen Teil der Wahrheit besser nicht öffentlich zu machen: Es soll sich bei dem Reisenden um einen hohen SS-Offizier gehandelt haben, der auf der anderen Weserseite in Barkhausen privat einquartiert war und einen raschen Heimweg anstrebte."
Das klingt plausibel. Es war die Zeit, als in Barkhausen und Hausberge von den Nazis das KZ-Außenlager Neuengamme eingerichtet wurde, das von März 1944 bis 1945 bestand. Zudem war der D-Zug nicht weit von der damals noch existierenden Kettenbrücke, die nach Barkhausen führte, zum Halten gekommen. War der Fahrdienstleiter fürs NS-Regime ein bequemer Sündenbock?
Bildunterschrift: Eine große Grabplatte auf dem Hausberger Friedhof nahe der Grundschule erinnert an Opfer des Eisenbahnunglücks, die wegen der Kriegswirren nicht in ihrer Heimat beerdigt wurden. Zehn Tote konnten nicht identifiziert werden.
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Am 20. Januar 1944 gab es im Bahnhof Porta einen Unfall mit zwei Personenzügen und 79 Toten, weil ein unbestrafter Reisender, mutmaßlich ein hoher SS-Offizier, mitten im Bahnhof die Notbremse gezogen hat.
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www.portawestfalica.de/sv_porta_westfalica/Rathaus/Verwaltung/Stadtarchiv
20./21.01.2024
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