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Mindener Tageblatt , 15.01.2024 :

Leben hinter Stacheldraht

Eine Ausstellung im Bergbaumuseum erzählt, wie es nach dem Ende des Warschauer Aufstandes, der sich bald zum 80. Mal jährt, weitergegangen ist / Tausende Polen gerieten in Gefangenschaft

Stefan Lyrath

Porta Westfalica-Kleinenbremen. Rund 700 Polen haben im Zweiten Weltkrieg in Stollen der Kleinenbremer Erzgrube "Wohlverwahrt", die heute zum Besucher-Bergwerk gehören, Zwangsarbeit geleistet. Männer und Frauen, die nach dem Warschauer Aufstand im Oktober 1944 in deutsche Gefangenschaft geraten sind, waren nach heutigem Kenntnisstand nicht darunter. Zu diesem Schluss kommt der Historiker Antonius Schanderwitz, der 2023 in Kleinenbremen und Hausberge Vorträge über Schicksale polnischer Kriegsgefangener in der Region gehalten hat. "Das hätte schon zeitlich kaum gepasst", erklärt Schanderwitz.

Die Arbeiten zum Bau einer unterirdischen Fabrik des Flugzeughersteller Focke-Wulf im Erzbergwerk "Wohlverwahrt" hatten im Sommer 1944 begonnen. "Soweit bisher bekannt, befanden sich die dort ab Herbst zur Arbeit eingesetzten polnischen Kriegsgefangenen vor ihrer Verlegung nach Ostwestfalen im September und Anfang Oktober 1944 bereits längere Zeit in anderen deutschen Lagern, vor allem im Rheinland. Sie wurden somit bereits vor beziehungsweise zeitgleich mit dem Ende des Warschauer Aufstands in die Region verlegt", so der Historiker, dem zufolge es für ganz OWL keine Hinweise auf Warschauer Aufständische gibt.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Stalag 326 Senne in Schloss-Holte-Stukenbrock war Antonius Schanderwitz am Entstehen der Kooperation zwischen Stalag 326, dem Portaner Gedenkstätten-Verein sowie Besucher-Bergwerk und Museum beteiligt. Im Bergbaumuseum an der Rintelner Straße 396 läuft zur Zeit die Wanderausstellung "Das Ende und der Anfang - Warschauer Aufständische in deutscher Gefangenschaft". Konzipiert hat die Schau das Zentrale Museum der Kriegsgefangenen im polnischen Opole (Oberschlesien). Kleinenbremen ist in Deutschland die erste Station.

17.000 Polen kamen nach der Kapitulation in deutsche Gefangenschaft. Der Warschauer Aufstand hatte am 1. August 1944 begonnen. Die polnische Heimatarmee und Teile der Zivilbevölkerung lieferten den militärisch weit überlegenen deutschen Besatzern einen heldenhaften Kampf um die polnische Hauptstadt, der nach 63 Tagen mit einer Niederlage der Widerstandskämpfer endete. Die Rote Armee hatte auf der anderen Seite der Weichsel gestanden, ohne in die Kämpfe einzugreifen.

Kleinenbremen ist in Deutschland die erste Station der Ausstellung

Nach der Kapitulation mussten etwa 17.000 Polen in deutsche Gefangenschaft, darunter auch Frauen, Mädchen und Jungen. Die Jüngsten waren erst zehn Jahre alt. "Oftmals endet die Erzählung vom Aufstand hier", schreiben die Macher der Ausstellung. In ihrer Schau erzählen sie die Geschichte weiter.

Nachdem die Widerstandskämpfer Anfang Oktober 1944 ihre Waffen niedergelegt hatten, wurden sie zu Kriegsgefangenen und genossen alle Rechte aus der Genfer Konvention von 1929 - aber nur auf dem Papier. Die Wirklichkeit sah anders aus. So erfolgte die Anreise in überfüllten Bahnwaggons, in den Lagern gab es nur kleine Essensrationen, und für ihre Gesundheit waren die Insassen hauptsächlich selbst verantwortlich. Jeder Dritte war krank oder verwundet.

Mit Blick auf die Schicksale polnischer Kriegsgefangener ist der Warschauer Aufstand nach Erkenntnissen von Antonius Schanderwitz intensiver erforscht worden als der deutsche Überfall auf Polen im September 1939, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert hatte. Schanderwitz führt dies darauf zurück, "dass der Warschauer Aufstand als deutlichstes Zeichen des Widerstandes gegen die Besatzer einen besonderen Platz im polnischen Bewusstsein einnimmt".

Zurück nach Kleinenbremen: In der dortigen Grube "Wohlverwahrt" waren ab Sommer 1944 zunächst sowjetische und später etwa 700 polnische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit eingesetzt, bevor die Zahl der Polen wenige Monate vor Kriegsende (8. Mai 1945) auf ungefähr 500 reduziert wurde. Sie mussten beim Aufbau der Fabrik helfen, die zum Schutz vor Bombenangriffen der Alliierten unter Tage entstehen sollte, am Ende jedoch nicht mehr in Betrieb ging.

Untergebracht waren die Gefangenen in Lagern in Nammen und Fülme. Ihr Alltag hinter Stacheldraht war voller Entbehrungen. Todesfälle sind allerdings nicht bekannt, was vermutlich daran lag, dass die Untertage-Verlagerung "Elritze" nicht der mörderischen SS unterstand, sondern der Organisation Todt (OT), einer paramilitärisch organisierten Bautruppe der Nazis.

Die Ausstellung im Kompressorraum von Besucher-Bergwerk und Museum ist bis zum 29. Februar zu sehen - und zwar samstags und sonntags von 10 bis 16 Uhr. Sie besteht aus zehn separaten Teilen, angeordnet auf 32 Schautafeln.

Bildunterschrift: Beeindruckend: Dr. Tanja Hasselberg, die Geschäftsführerin von Besucher-Bergwerk und Museum, und der stellvertretende Museumsleiter Markus Miller sehen sich die Ausstellung im Kompressorraum an.


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Mindener Tageblatt, 16./17.12.2023:

Schicksal der Gefangenen

Wanderausstellung im Besucher-Bergwerk

Porta Westfalica-Kleinenbremen (mt/nik). Die Sonderausstellung "Das Ende und der Anfang. Warschauer Aufständische in deutscher Gefangenschaft" ist ab Samstag, 16. Dezember, im historischen Kompressorraum des Besucher-Bergwerks und Museums Kleinenbremen zu sehen. Es handelt sich um eine Wanderausstellung, die vom Centralne Muzeum Jenców Wojennych im polnischen Opole konzipiert wurde. Kleinenbremen ist der erste deutsche Standort, an dem die zweisprachige Ausstellung zu sehen sein wird.

Die Ausstellung, die das Schicksal und die Lebensbedingungen der polnischen Aufständischen in deutscher Gefangenschaft zeigt, wird voraussichtlich die komplette Nebensaison (bis 29. Februar) während der Öffnungszeiten des Museum, samstags und sonntags 10 bis 16 Uhr, zu sehen sein.

Bildunterschrift: Mehrere Ausstellungselemente zeigen das Leben in Gefangenschaft und Zwangsarbeit.

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Vom 16. Dezember 2023 bis 29. Februar 2024 ist im Besucher-Bergwerk und Museum Kleinenbremen, die Sonderausstellung "Anfang und Ende - Warschauer Aufständische in deutscher Gefangenschaft" zu sehen.

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www.cmjw.pl/de/ausstellungen/temporre-ausstellungen


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