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Neue Westfälische ,
10.06.2005 :
(Spenge) Als 15-Jähriger in die Pflicht genommen / NW-Serie zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges / Rolf Frensing erinnert sich
Spenge (KF). Am 8. Mai 1945 endete offiziell in ganz Europa der Zweite Weltkrieg. In einer Serie lässt die NW daher seit einigen Wochen schon Zeitzeugen zu Wort kommen, die sich noch persönlich an diese Tage und Wochen vor 60 Jahren erinnern können. Heute erinnert sich Rolf Frensing aus Spenge.
Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs erlebte Rolf Frensing als Auszubildender bei der Spenger Amtsverwaltung. Der "Stift im zweiten Lehrjahr" war selbst dabei, als die Amerikaner am Samstag, 6. April, in Spenge eintrafen, auf dem Amtshausplatz vorfuhren, die kleine Gemeinde ganz offiziell besetzten und die Geschicke in die Hand nahmen.
"Ich war als Lehrling in der Amtsverwaltung Spenge und hatte die Tage vor Ostern (1. und 2.April) in der Nacht zu Karfreitag und zum ersten Osterfeiertag noch Stellungsbefehle an ältere und UK (unabkömmlich) gestellte Männer zustellen müssen, die sich innerhalb von zwölf Stunden auf einer Dienststelle in Minden melden mussten.
Mir war bei meinen nächtlichen Fahrten mit dem Rad schon mulmig zu Mute. Stockdunkle Nacht und keine Klingeln an den Haustüren - ich kam nur durch Klopfen an Türen und Fenstern zu den Bewohnern, wobei ich mehrfach auch in den Schlafzimmern landete, um "meine" Empfangsbescheinigung für den Stellungsbefehl quittiert zu bekommen. Es waren für mich als 15-jährigen Burschen keine leichten Aufgaben. Aber die "Pflicht" übertraf alle Bedenken.
Wenige Tage später, am 3. April, war der Krieg in Spenge vorbei. Die Alliierten waren auf den West-Ost-Achsen (Werther-Lenzinghausen-Enger) und (Melle-Balgerbrück-Enger) bereits an Spenge "vorbeigezogen" und bei uns im Amtshaus gab es die ungewisse Frage, wann die Amerikaner wohl auch nach Spenge kommen würden.
Drei Tage mussten wir warten. In den Nachmittagsstunden des 6. April war es dann soweit. Mehrere Jeeps der Amerikaner kamen vor dem Amtshaus vorgefahren. Ein Offizier und zwei Soldaten mit Maschinenpistolen unter dem Arm gingen zur Eingangstür.
Amtsbürgermeister Wilhelm Frentrup, der sein Büro im Obergeschoss des Amtshauses hatte, war telefonisch vom Eintreffen der Amerikaner verständigt worden. Frentrup kam nach unten und traf die drei amerikanischen Soldaten auf dem Flur. "Ich übergebe das Amt Spenge", sagte er knapp.
Nach seiner Übergabe gab es noch eine kurze Unterhaltung im Dienstzimmer des Amtsbürgermeisters. Anschließend suchten die Amerikaner das im Saal Schröder (heute Pizzeria Fantasia) eingerichtete deutsche Lazarett auf und übernahmen es.
Am Tag darauf kam es dann zu den ersten Verhaftungen in Spenge. Der Ortsgruppenleiter der NSDAP wurde mit einem Jeep von zu Hause abgeholt und zum Amtshaus gefahren. Nach einer kurzen Unterredung mit den Amerikanern im Dienstzimmer des Amtsbürgermeisters ging es zu einer "Sammelstelle".
Die nächsten Tage im Amtshaus waren ausgefüllt mit der Vernichtung "wichtiger Papiere", die der Besatzung nicht in die Hände fallen sollten sowie mit dem Aushang riesiger Plakate in den Schaufenstern des Nachbarhauses von Max Wilhelm (heute Fenstergucker).
Ausgangssperren wurden bekannt gegeben, die Bevölkerung wurde zur Abgabe von sämtlichen Waffen angehalten, die in Spenge lebenden deutschen Soldaten zur Meldung aufgefordert und drakonische Strafen beim Widersetzen oder bei Nichtbeachtung dieser Anordnungen wurden angedroht.
Eine brenzlige Situation erlebte ich in den ersten Besatzungstagen. Ich musste einen Karabiner, der im Feuerlöschteich in der Holzwiese gefunden worden war, zum Amtshaus bringen. Mit dem Gewehr in der Hand wurde ich von einem amerikanischen Soldaten, der vor dem Lazarett stand, wenige Meter vor meinem Ziel angehalten.
Wild gestikulierend zeigte er auf die Waffe. Erst als ich ihn endlich überzeugt hatte, dass ich in "offizieller Mission" unterwegs war und das Gewehr nur im Amtshaus abgeben wollte, hörte er auf, mich zu bedrohen und ließ mich die paar Schritte weiter gehen."
lok-red.enger@neue-westfaelische.de
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