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Westfalen-Blatt / Westfälisches Volksblatt ,
05.01.2024 :
Platz für Sinti-Mahnmal gefunden
Verein und Verwaltung einigen sich auf alte Friedhofsfläche am Detmolder Tor
Von Dietmar Kemper
Paderborn (WV). Mit dem Mahnmal für die von den Nazis verfolgten und ermordeten Sinti in Paderborn geht es voran. Es wird am Detmolder Tor errichtet, und zwar auf der Grünfläche neben der Liborius-Kita. Hier erinnert bereits ein Steinkreuz an die Toten der Dompfarrei.
"Wir haben uns mit der Verwaltung auf den Standort geeinigt", sagt Giano Weiß vom Verein deutscher Sinti Paderborn. Er setzt sich bereits seit 2017 für ein Mahnmal ein. Der Standort auf dem ehemaligen Friedhof der Dompfarrei sei ideal. "Bauliche Veränderungen sind nicht erforderlich und Versammlungen sind hier möglich", erläutert Weiß.
Das Mahnmal soll nach seinen Worten mit einer Hinweistafel an der Straße kombiniert werden. Das Detmolder Tor sei ein belebter Bereich und Frequenz für die Wahl des Standortes wichtig gewesen. Ihn könnten auch weitere Opfer-Gruppen im Nationalsozialismus wie Homosexuelle oder Bibelforscher nutzen. Weiß: "Wir haben hier genug Platz, um ein wachsendes Mahnmal zu schaffen. Zu unserem könnten weitere Mahnmale hinzukommen."
Namen der Opfer werden nicht aufgelistet
Für die Opfer der Sinti, die von den Nazis als "Zigeuner" beschimpft, ausgegrenzt, verfolgt und schließlich ermordet wurden, schwebt Giano Weiß eine Steinstele vor. Die Vorgeschichte der Grünfläche als Friedhof bilde die passende Kulisse. "Es wird keine Namensauflistung geben", kündigt Giano Weiß an, "weil wir nicht gewährleisten können, dass alle Verfolgten inbegriffen sind". Anders als bei den Juden habe die NS-Bürokratie diese Listen nicht so akribisch geführt. Die Inschrift des Mahnmals werde den verfolgten und ermordeten Sinti gewidmet.
Nachweislich wurden mindestens 22 Sinti aus dem Kreis Paderborn in den Konzentrationslagern ermordet. Der 16. Dezember ist jedes Jahr für die Volksgruppe ein Tag der Trauer. Der "Auschwitz-Erlass" vom 16. Dezember 1942 besiegelte die Deportation von Sinti und Roma aus ganz Europa in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die so genannten "Zigeuner" wurden als rassisch minderwertig und als Gefahr für den "deutschen Volkskörper" diskriminiert. So wie die Juden wurden sie mit Parasiten verglichen.
Seit 1936 unterlagen Sinti und Roma den "Nürnberger Rassegesetzen", aber die Ausgrenzung erfolgte schon früher. "1934 wurden in Paderborn so genannte Zigeuner-Kontrollen durchgeführt", weiß Giano Weiß. Es habe ausgereicht, vermeintlich so auszusehen wie ein "Zigeuner", um festgenommen zu werden.
Ausstellung im Museum zeigte Wirkung
Wie eine Bevölkerungsminderheit Opfer des NS-Terrors wurde, schilderte die Ausstellung Rassendiagnose: Zigeuner vom 9. Oktober 2022 bis zum 8. Januar 1923 im Stadtmuseum Paderborn. Sie habe für ein gesteigertes Interesse an der Volksgruppe der Sinti gesorgt, erinnert sich Giano Weiß, der mehrfach das Gespräch mit Besuchern suchte und beobachtete: "Wenn man Gelegenheit zur Begegnung hat, kann man Vorurteile abbauen."
An der Suche nach einem geeigneten Standort für das Mahnmal waren neben Giano Weiß und dem Verein der Bürgermeister, das Kultur- und Denkmalamt und das Stadt- und Kreisarchiv beteiligt. Eine Option war die frühere Fläche des "Zigeunerlagers" innerhalb der Stadtmauer am Maspernplatz. Später verlegten die Nazis es an den Diebesweg. Wann das Mahnmal errichtet ist, steht noch nicht fest. Giano Weiß rechnet mit 2025.
Er betont: "Je näher das Ziel rückt, desto mehr fällt mir eine Last von den Schultern." Mit dem Mahnmal könnten die Lebenden den Verfolgten und Ermordeten etwas zurückgeben und ihnen deutlich machen, dass ihr Leid von der Stadt Paderborn gewürdigt werde. Die Ahnen von Giano Weiß lassen sich in Paderborn seit mehr als 100 Jahren zurückverfolgen.
Er hält es mehr denn je für erforderlich, an die Opfer des Nazi-Terrors zu erinnern. Menschenfeindlichkeit nehme zu, die Sprache verrohe, beklagt der 24-Jährige, der eine Ausbildung bei der Bundesagentur für Arbeit macht und in Paderborn geboren wurde und hier aufgewachsen ist. Dass Bezeichnungen wie "Zigeunerschnitzel" zum Politikum geworden sind, hat er natürlich auch beobachtet. Dabei unterscheidet er sehr genau zwischen Gewohnheit und Provokation: "Jeder kann sein Schnitzel nennen, wie er will, weil mein Volk und ich mit dem Schnitzel nichts zu tun haben. Aber wenn jemand weiß, dass ich Sinto bin und mich absichtlich zum "Zigeunerschnitzel" einlädt, sieht das schon anders aus."
Bildunterschrift: Auf dieser Grünfläche am Detmolder Tor, auf der sich das Steinkreuz für die Verstorbenen der Dompfarrei befindet, soll das Mahnmal für Paderborns verfolgte und ermordete Sinti entstehen. Giano Weiß hält den Standort für ideal.
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Westfalen-Blatt / Westfälisches Volksblatt, 03./04.10.2019:
Verfolgt und ermordet
Mindestens fünf Roma und Sinti aus Paderborn starben in Auschwitz
Von Dietmar Kemper
Paderborn (WV). "Zigeuner" galten als asozial, arbeitsscheu, rassisch minderwertig und als "Berufsverbrecher". In der Vergangenheit wurden sie drangsaliert und verfolgt - auch in Paderborn, wie Wilhelm Grabe in der Sitzung des Kulturausschusses zeigte.
Der Leiter des Stadt- und Kreisarchivs hat sich mit dem Schicksal der Volksgruppe der Roma und Sinti beschäftigt und stellte seine Ergebnisse jetzt den Mitgliedern des Ausschusses vor. Demnach wurden nachweisbar mindestens fünf Roma und Sinti aus Paderborn im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht. Hinzu kommen neun weitere Todesopfer aus dem Kreisgebiet.
Dabei schreckten die Nazis auch vor Kindern nicht zurück. Grabe erinnerte an das Mädchen Renate Weinrich, das wegen des verbrecherischen Rassenwahns des Regimes mit nur sechs Jahren in Auschwitz sterben musste. Vermutlich wurde sie ein Opfer der Menschenversuche des skrupellosen SS-Arztes Josef Mengele. Zum Glück starben nicht alle. Robert Unger aus Paderborn überlebte die Verfolgung als "Arbeitsscheuer", um nach Ende des Krieges erleben zu müssen, wie seine Haftzeiten von den Behörden nur teilweise anerkannt wurden. Insgesamt wurden mindestens acht Roma und Sinti jahrelang in KZs gequält.
Die NS-Zeit stellte den Höhepunkt der Ausgrenzung und Vernichtung der Roma und Sinti dar. Die wurden aber schon zuvor als unliebsame Minderheit angefeindet. "Roma und Sinti waren seit dem 15. Jahrhundert Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt", sagte Wilhelm Grabe im Kulturausschuss. Er erinnerte daran, dass zum Beispiel der Paderborner Fürstbischof 1720 ein Aufenthaltsverbot für diese Volksgruppe im Hochstift erließ. In Erscheinung traten Sinti und Roma als so genannte "Kesselflicker", die Haushaltsgegenstände reparierten, als Akrobaten, Musiker und Exoten, die Bären zum Tanzen animierten. Die einheimische Bevölkerung traf sie auf Jahr- und Viehmärkten und wenn sie durch ihr Dorf und ihre Stadt zogen. Weil sie meistens arm waren, bettelten Roma und Sinti, was den Unmut der Bürger erregte. Im Zeichen des Nationalismus verstärkte sich die Verfolgung in Deutschland mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871. In Paderborn habe die Verwaltung Ansiedlungsbemühungen von Roma und Sinti durch Druck auf Vermieter torpediert, weiß Grabe. Und als im September 1895 zwei Familien mit Wohnwagen am Kasseler Tor lagerten, habe die Polizei umgehend dafür gesorgt, dass sie wieder verschwanden. Sie steckte die Männer ins Gefängnis und schob die Frauen und Kinder nach Lichtenau und Warburg ab.
Und das alles, obwohl die Volksgruppe zahlenmäßig unbedeutend war. Unter den 42.000 Einwohnern Paderborns waren 1939 nur 35 Roma und Sinti gemeldet. Nach dem Krieg interessierte ihr Schicksal nicht sonderlich, auch in der Domstadt nicht. Bis heute fehle in Paderborn eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung, sagte Archivar Grabe, der einen ersten Versuch unternahm. Den Anstoß hatte der Sinti Giano Weiß aus Paderborn gegeben.
Bildunterschrift: Der Archivleiter Wilhelm Grabe.
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Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung, 01.10.2019:
Paderborner Sinti gründen eigenen Verein
Geschichte der Verfolgung: Stadt- und Kreisarchivar Wilhelm Grabe berichtet vor dem Kulturausschuss / Der junge Sinto Giano Weiß forscht weiter
Paderborn. Auch Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten systematisch in Konzentrationslagern drangsaliert und umgebracht. Aber was geschah vorher? Auch in Paderborn lebten vor dem zweiten Weltkrieg Angehörige dieser Volksgruppen, vor allem Sinti.
Ihre Spuren finden sich nicht nur in alten Fotoalben, sondern auch in Zeitdokumenten. 13 ihrer Nachfahren haben nun einen gemeinnützigen Verein gegründet, der sich der Pflege der eigenen Kultur und des gesellschaftlichen Miteinanders jenseits aller noch bestehenden Vorurteile widmen will: Den Verein der deutschen Sinti in Paderborn.
Giano Weiß (19), selbst Sinto aus Paderborn, setzt sich seit zwei Jahren für eine Würdigung der Opfer, zu denen zahlreiche Mitglieder seiner Familie gehörten, ein. Er hat sich jüngst selbst auf die Suche gemacht nach Dokumenten. Weiß: "Es gibt nämlich immer wieder neue Hinweise, denen man nachgehen kann, auch wenn es zuletzt seitens der Stadt hieß, es sei nicht viel Neues zu erwarten, weil viele Dokumente am Ende des Krieges verbrannt seien."
So fand Weiß unter anderem Schriftstücke, die in einer Ausstellung in Bochum vor 14 Jahren gezeigt wurden. Für ihn besonders interessant: Auch sein Ur-Ur-Großvater Franz Lagerin wird darin erwähnt. Er wurde nach seiner Heirat wegen "Blutschande" angeklagt, verurteilt und musste ins Arbeitslager Oberems bei Gütersloh.
Trotz insgesamt tatsächlich eher dürftiger Quellenlage hat Stadt- und Kreisarchivar Wilhelm Grabe eine Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma rund um Paderborn recherchiert. Sein Bericht wird am Dienstag dem Kulturausschuss des Stadtrates vorgestellt.
Danach wurden in Auschwitz mindestens fünf in Paderborn geborene sowie neun aus dem Kreisgebiet stammende und acht weitere in Verbindung mit Paderborn stehende Angehörige der Sinti und Roma ermordet. Die Forderung der in Paderborn lebenden etwa 30 Sinti-Familien nach einem Ort der Erinnerung an das Schicksal ihrer Volksgruppe verhallte zwar bisher, doch immerhin ist für Ende 2021 eine Ausstellung mit Begleitprogramm geplant.
Dabei dürfte dann wohl auch der neue Verein der Paderborner Sinti eine wichtige Rolle spielen. Giano Weiß: "Wir planen ebenfalls Ausstellungen und zum Beispiel ein Kunstprojekt, das sich mit unserer Vergangenheit befassen soll."
Die Vereinsarbeit diene dem gesellschaftlichen Miteinander, aber auch der Kulturarbeit innerhalb der Gruppe, so zum Beispiel der Wiederbelebung ihrer alten Sprache Romanes oder dem Austausch mit Angehörigen der Roma, die laut Weiß im Unterschied zu den Sinti noch nicht ganz so lange im Paderborner Land leben. Sie stehe unter dem Motto "Integration statt Assimilation".
Weiß: "Sinti und Roma zählen schließlich neben Dänen, Friesen und Sorben zu den wenigen eigenen, anerkannten Ethnien in Deutschland. Deshalb wollen wir auch nicht verloren gehen."
Bildunterschrift: Mehr als Familiengeschichte: Giano Weiß mit Fotos seiner Angehörigen, die zu Opfern der NS-Rassenideologie wurden. Er fand ihre Namen auch auf Schriftstücken aus Paderborn, die bisher noch nicht ausgewertet wurden.
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Neue Westfälische - Paderborn Kreiszeitung, 18.07.2019:
Nachdenken über Erinnerungsort für Sinti und Roma
Verfolgung in der NS-Zeit: Eine Dokumentation über Opfer aus Paderborn wird demnächst im Kulturausschuss vorgestellt / Eine Ausstellung im Stadtmuseum kann erst 2021 gezeigt werden
Von Hans-Hermann Igges
Paderborn. Ob es in Zukunft in Paderborn einen zentralen Ort der Erinnerung an Verfolgung und Diskriminierung von Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus gibt, ist weiter offen. Dies geht aus der Antwort von Paderborns Erstem Beigeordneten, Carsten Venherm, auf eine Anfrage der Linksfraktion / Offene Liste im Stadtrat hervor.
Anlass ist die Erforschung der Verfolgungsgeschichte der Paderborner Sinti und Roma durch den Stadt- und Kreisarchivar Wilhelm Grabe. Hintergrund dafür wiederum ist ein Vorstoß des Paderborner Sinto Giano Weiß (19), der selbst - wie auch alle anderen Paderborner Roma- und Sinti-Familien - zahlreiche Angehörige in den Konzentrationslagern der Nazis verloren hat. Grabe trug die in der Region erhaltenen Quellenbestände zusammen und wertete sie aus. Grundsätzlich sie die historische Forschung in diesem Fall aber sehr beschwerlich, so Venherm, da Leben und Alltag der Roma und Sinti bis weit ins 20. Jahrhundert in hohem Maße durch Mobilität geprägt gewesen sei. Wichtige Quellenbestände seien zudem 1945 bei den Bombenangriffen auf Paderborn verbrannt. Weiterführende Ergebnisse historischer Nachforschungen seien wegen des Mangels an weiteren Quellen denn auch nicht zu erwarten. Die Dokumentation von Grabe solle bei nächster Gelegenheit dem Kulturausschuss des Rates vorgestellt werden, sagte Venherm.
"Es fehlen örtliche Anknüpfungspunkte"
Um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, plant die Stadt Paderborn im Stadtmuseum die Präsentation einer Wanderausstellung mit dem Titel "Rassendiagnose: Zigeuner - Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung". Diese wurde vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg erarbeitet. Venherm: "Allerdings ist die Ausstellung ziemlich ausgebucht, so dass wir sie erst vom September bis November 2021 zeigen können." Parallel zur Ausstellung solle ein Begleitprogramm unter anderem mit Vorträgen und Musik erarbeitet werden.
Als eine Form dauerhaften Gedenkens unterstützt die Stadt laut Carsten Venherm Überlegungen des Heimatvereins, der das Vorschlagsrecht für die Benennung von Straßen hat. Demnach könnte eine Straße nach Renate Weinrich (1937 - 1943) benannt werden. Das in Paderborn geborene Sinto-Mädchen wurde als Opfer der unmenschlichen Experimente des berüchtigten KZ-Lagerarztes Josef Mengele in Auschwitz umgebracht.
Carsten Venherm: "Über eine weitere Ausgestaltung der Erinnerungskultur haben wir derzeit noch nicht nachgedacht. Für Roma und Sinti fehlen konkrete örtliche Anknüpfungspunkte." Giano Weiß hatte vor kurzem im Namen der Paderborner Familien den Franz-Stock-Platz vor der Stadtverwaltung als Ort für einen zentrale Tafel oder ähnliches vorgeschlagen.
Bildunterschrift: Giano Weiß: Der 19-jährige Paderborner setzt sich für einen Erinnerungsort für verfolgte Sinti und Roma ein - zum Beispiel auf dem Franz-Stock-Platz.
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Am 1. Oktober 2019 berichtete der Leiter des Stadt- und Kreisarchivs Paderborn über "Die Verfolgung von Roma und Sinti in Paderborn zwischen 1933 und 1945", im Kulturausschuss der Stadt Paderborn (TOP 7).
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