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Neue Westfälische - Bünder Tageblatt ,
05.01.2024 :
Erinnerung als Mahnung und Appell
Das Kuratorium "Erinnern Forschen Gedenken" blickt auf ein arbeitsreiches Jahr zurück und plant ein pralles 2024 / Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung sei das Engagement für ein "Nie wieder" wichtiger denn je
Ralf Bittner
Herford. Gestiegene Besucherzahlen vermeldet das Kuratorium "Erinnern Forschen Gedenken" für das Jahr 2023. Vor allem die Zahl der Schülerinnen und Schüler unter den insgesamt 3.069 Besuchenden war mit 1.103 deutlich höher als im Vorjahr. Trotzdem blickt die Vorsitzende Gisela Küster in ihrer Jahresbilanz besorgt zurück und in die Zukunft.
Mit "Drei Steine", "Die Kommissare - Kriminalpolizei an Rhein und Ruhr 1920 - 1950" und der aktuellen Präsentation "Anne Frank war nicht allein. Jüdische Kindheit und Jugend im Raum Herford 1933 - 1945" wurden drei Ausstellungen in der Gedenkstätte Zellentrakt im Rathauskeller präsentiert, dazu eine Ausstellung zu den jüdischen Stars im deutschen Sport bis 1933, die danach auf dem Münsterkirchplatz zu sehen war. Begleitet wurden die Ausstellungen von fünf Workshops mit Schülerinnen und Schülern und elf Workshops mit der Polizei.
Dazu gab es eine ganze Reihe von Veranstaltungen mit oder für Schülerinnen und Schüler oder die breite Öffentlichkeit, etwa zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Januar, in Erinnerung an die Bücherverbrennung im Mai oder eine Lesung mit Maren Gottschalk aus deren Biografie von Sophie Scholl in der Geschwister-Scholl-Realschule und im Elisabeth-von-der-Pfalz-Berufskolleg. Eindrucksvoll war auch ein Gesprächsabend mit Rozette Kats. Die Holländerin berichtete in der Synagoge davon, wie sie als Kind den Holocaust überlebte.
Erinnert wurde auch an die Reichspogromnacht, die Opfer der Patienten-Morde und an den Völkermord an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.
Ausblick auf das kommende Jahr
Auch für 2024 plant das Kuratorium wieder eine Reihe von Ausstellungen und Veranstaltungen. Ob im Anschluss an die Anne Frank-Ausstellung eine Ausstellung zu "Sophie Scholl", "Frauen im Widerstand" oder zur Enteignung jüdischen Besitzes gezeigt wird, ist noch offen.
Fest eingeplant ist dagegen die Ausstellung "Verbrannte Orte" zum Tag der Bücherverbrennung im Elsbach-Haus.
Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich derzeit mit den deutschen Kolonien in Afrika und ihren Folgen und Sichtbarkeiten heute in der Region Herford. Einen Titel für eine daraus entstehende Ausstellung gibt es noch nicht.
Auch einige Veranstaltungen sind bereits geplant oder angedacht. Am 24. Januar werden Schülerinnen und Schüler des Ravensberger Gymnasiums von ihrer Teilnahme an einem internationalen Jugendaustausch am ehemaligen NS-Vernichtungslager im polnischen Sobibor berichten. Am 30. Januar geht Matthias Künzel im Vortrag "Nazis und der Nahe Osten" der Frage nach, wie der islamische Antisemitismus entstand.
Voraussichtlich im Juli wird die Journalistin Nora Hespers davon berichten, wie sich der Widerstand ihres Großvaters, vermittelt über den Vater, bis heute auf sie auswirkt. Im Sommer soll das Straßentheaterstück "Spectaculum de defectum" in Kooperation mit dem Theaterlabor Bielefeld und der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold gezeigt werden. In dem Stück geht es um Holzwürmer, die im Gebälk einer alten Synagoge leben, die allerdings im Besitz eines Nazis ist. Das Stück ist frei von aktuellen Ereignissen in Detmold inspiriert. Fortgesetzt werden soll die Bildungspartnerschaft von Kuratorium und Gesamtschule Friedenstal.
Auch einige Projekte in der Gedenkstätte Zellentrakt im Rathauskeller wie die Neugestaltung der Gedenkzelle, die bauhistorische Untersuchung der Zelle mit Einritzungen am Rahmen und in der Tür oder die Erweiterung der Gedenkstätte um die noch vom Standesamt belegten Zellen sollen angegangen oder weitergeführt werden. Nicht nur angesichts der Prognosen für die Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen mit voraussichtlich beispiellosen Zahlen für eine AfD, "angeführt von Personen, die vom Verfassungsschutz als eindeutig rechtsextrem eingestuft werden", sei es dringender denn je, die Kräfte zu bündeln und sich für historische Bildung, Demokratie und Menschenrechte einzusetzen, heißt es. Das gelte auch angesichts antisemitischer Demonstrationen, Zerstörung von Erinnerungsorten sowie Pöbeleien und Drohungen gegen jüdische Menschen - verstärkt seit dem 7. Oktober - und der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten.
www.zellentrakt.de
Bildunterschrift: Im August berichtete Rozette Kats (r.) in der Synagoge, wie sie als Kind den Holocaust überlebte. Für den Sommer ist ein weiteres Gespräch mit der Holländerin angedacht - dann allerdings im Ravensberger Gymnasium.
Bildunterschrift: Im Spectaculum de defectum bedroht der Streit um ein altes jüdisches Bethaus die dort lebenden Holzwürmer. Geplant ist die Aufführung in Herford im Sommer.
Bildunterschrift: Die Ausstellung "Anne Frank war nicht allein" in der Gedenkstätte Zellentrakt ist noch bis März zu sehen. Sie erinnert an die Schicksale jüdischer Kinder aus Herford während des NS-Regimes.
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Am 24. August 2023 schilderte die (81 Jahre alte) Niederländerin Rozette Kats bei einem Gesprächsabend (Bühnen-Gespräch: Raphaela Kula) in der Synagoge in Herford, wie sie als Jüdin den Holocaust überlebte.
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www.zellentrakt.de
www.jg-hf-dt.de
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