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Westfalen-Blatt Online , 03.01.2024 :

TV-Serie über Auschwitz-Prozess: Eine Spur führt nach Lübbecke

03.01.2024 - 18.28 Uhr

"Deutsches Haus" - Sparkassen-Angestellter zählte zu den Angeklagten

Lübbecke. "Deutsches Haus" heißt eine vieldiskutierte TV-Serie, in der es um den Auschwitz-Prozess des Jahres 1963 in Frankfurt geht. Zu den Mitwirkenden zählen Iris Berben und Heiner Lauterbach. Eine Spur führt zu einem Angeklagten nach Lübbecke.

Von Hartmut Horstmann

Unter den Angeklagten, die sich 1963 während des Prozesses verantworten mussten, befand sich Karl-Friedrich Höcker, der aus Preußisch Oldendorf (Engershausen) stammt.

Eine Rolle spielt der 1911 Geborene in der aktuellen Verfilmung nicht, aber sein Name fällt beim Verlesen der Anklageschrift bereits an zweiter Stelle: "Karl Höcker, Hauptkassierer bei der Kreissparkasse Lübbecke."

Nach Kriegsende zurück zur Sparkasse

Vor Gericht standen SS-Männer, die im Vernichtungslager Auschwitz unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt hatten und die nach Kriegsende in ihr "normales Leben" zurückgekehrt waren. So arbeitete Höcker wieder bei der Sparkasse.

In dem Fünfteiler (zu sehen beim Streaming-Dienst Disney +) stehen auf der Angeklagten-Seite andere im Mittelpunkt - unter anderem Wilhelm Boger, einer der Hauptangeklagten, der von Heiner Lauterbach gespielt wird. Einig sind sich die Beschuldigten darin, dass sie jede Beteiligung an den Grausamkeiten, für die der Name Auschwitz steht, leugnen.

In den Gerichtsprotokollen sind auch die Aussagen Höckers dokumentiert. Dieser sagte in seinen Schlussworten, von den Geschehnissen in Birkenau habe er erst im Laufe der Zeit erfahren, er habe damit nichts zu tun: "Ich hatte keine Möglichkeit, diese Geschehnisse in irgendeiner Weise zu beeinflussen, noch habe ich sie gewollt oder betrieben. Ich habe keinem Menschen etwas zuleide getan, noch ist jemand durch mich in Auschwitz umgekommen."

Haftstrafe nicht komplett verbüßt

Zuvor hatte er während der Verhandlung über die Ermordung von Juden gesagt: "Das war wohl eine politische Einstellung der Führung von Hitler. Aber allen SS-Leuten war wohl der Gedanke gekommen, dass dies nicht der richtige Weg war. Aber da war keine Macht, das zu ändern."

Wegen "gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord" wurde der SS-Mann später zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt, die er aber nicht komplett verbüßen musste. Unklar ist, was er nach seiner Rückkehr nach Lübbecke machte. In einigen Quellen heißt es, er habe wieder als Bankangestellter gearbeitet. An anderer Stelle wird das bezweifelt. Höcker starb im Jahr 2000, er wurde 88 Jahre alt.

KZ-Vergangenheit verheimlicht

Der Sohn eines Bauarbeiters war im Oktober 1933 der SS beigetreten. Seit 1939 gehörte er dem 9. SS-Infanterieregiment in Danzig an. Nach verschiedenen Stationen kam er im Mai 1944 nach Auschwitz, wurde Adjutant des letzten Lagerkommandanten Richard Baer. Nach der Evakuierung des KZ folgte Höcker seinem Chef ins KZ Mittelbau-Dora.

Als dies evakuiert wurde, floh der Adjutant. Zwar griffen ihn britische Truppen auf, doch konnte er auf Grund falscher Papiere seine KZ-Vergangenheit verheimlichen. Anfang 1947 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft nach Lübbecke zurück.

Auch nach einer Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld im Jahr 1952 musste Höcker nicht ins Gefängnis.

Nach seiner späteren Verurteilung in Frankfurt stand der Lübbecker in den 1980er Jahren noch einmal vor Gericht. Nachdem ihm nachgewiesen worden war, dass er Zyklon B für das KZ Majdanek beschafft hatte, wurde er vom Landgericht Bielefeld zu vier Jahren Haft verurteilt. Wegen seines Alters blieb er jedoch von der Haft verschont.

"Höcker-Album" sorgt weltweit für Schlagzeilen

Doch auch nach seinem Tod geriet der einstmalige SS-Obersturmführer weltweit in die Schlagzeilen - und zwar wegen eines Foto-Albums. Unter dem Namen "Höcker-Album" bekannt geworden, enthält es Fotografien, die das SS-Personal bei Freizeitaktivitäten zeigen.

Das Fotobuch befand sich im Besitz eines ehemaligen US-Soldaten, der sagte, er habe es 1946 in Frankfurt entdeckt. Im Jahr 2006 übergab er es dem United States Holocaust Memorial Museum.

Besagtes Album stammt von Karl Höcker, der viele Aufnahmen selbst gemacht hat und auf anderen zu sehen ist. Eine Fotografie zeigt ihn inmitten lachender Frauen.

Angesichts der Funktionen, die der Lübbecker Nazi und seine Mitstreiter innehatten, heißt es in einem Rundfunk-Beitrag treffend über das Buch: "Das ist das Verstörende an Höckers Album. Es zeigt keine SS-Männer beim Morden oder in Gruppen vor ausgehobenen Leichengruben stehen. Stattdessen sieht man unbeschwert lachende junge Leute."

Karl Höcker soll seine letzten Monate in einem Evangelischen Altenheim in Lübbecke verbracht haben - der Nachwelt hat er mit seinem Fotobuch ein Dokument maximaler Empathielosigkeit hinterlassen.

Bildunterschrift: Karl-Friedrich Höcker (Mitte) inmitten von SS-Helferinnen bei einem Betriebsausflug zur Solahütte, einem SS-Erholungsheim etwa 30 Kilometer von Auschwitz entfernt. Das Foto entstand am 22. Juli 1944.

Bildunterschrift: Blick auf die Angeklagten: Heiner Lauterbach (Zweiter von links) spielt den NS-Verbrecher Wilhelm Boger.

Bildunterschrift: Eine Gerichtsszene aus der Serie "Deutsches Haus": Auf der linken Seite sitzen die Angeklagten.

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Am 3. Mai 1989 wurde Karl-Friedrich Höcker aus Engershausen vom Landgericht Bielefeld auf Grund seiner Beteiligung an der Vergasung meistens jüdischer Häftlinge im KZ Majdanek, zu vier Jahren Haft verurteilt.

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www.auschwitz-prozess-frankfurt.de/index.php?id=111


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