Der Patriot - Lippstädter Zeitung ,
30.04.2005 :
Zwölf 600.000-Liter-Tanks mit Bordwaffen-Einschüssen / Willi Kloer arbeitete im Lager der "Wifo": Am Heidberg stand riesige Abfüllanlage für die Wehrmacht / 20 Hektar unter Tarnnetzen / Zwei Angriffe verfehlten ihr Ziel
Rüthen. "Der einzige, der noch etwas davon weiß, bin ich", sagt Willi Kloer. Der 88-jährige Rüthener arbeitete in einer der bizarrsten Einrichtungen in der Region, die den Krieg überdauert hat und die noch heute beredtes Zeugnis ablegt von dem gigantischen industriellen Potenzial, das die Nazi-Regierung für ihre Rüstungs- und Kriegspolitik systematisch aufbauten: Die Rede ist vom einstigen Tanklager der "Wifo", der "Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH", dessen Überreste sich im heutigen Heidberg ganz im Süden des Rüthener Stadtgebiets befinden. Zeitzeugen, die vom Aufbau und Betrieb des Tanklagers berichten können, gibt es wohl keine mehr.
Willi Kloer kehrte schwer verwundet aus dem Krieg zurück und bekam im Januar 1946 Arbeit in der ehemaligen staatlichen Einrichtung, die von der britischen Besatzungsmacht übernommen und wieder in Betrieb gesetzt wurde. Als gelernter Schweißer fand er gemeinsam mit 15 Kollegen die Anlage nach dem Krieg nahezu unversehrt vor. Die Alliierten hatten einige Versuche unternommen, die Lagerstätten zu bombardieren: Zwei größere Angriffe trafen ihr Ziel nicht, was an den umfangreichen Tarnungen lag. Auch noch nach dem Krieg war das zwischen steilen Hügeln direkt an der Möhne gelegene Lager von Tarnnetzen und Stützkonstruktionen überzogen, Straßen waren aus der Luft nahezu unsichtbar, Hochbunker und Kesselanlagen schmiegten sich an die Hänge. Baracken an der nahe gelegenen Romecke dienten zur Täuschung und führten die Angreifer erfolgreich in die Irre. Noch heute sind die Bombentrichter im Wald sichtbar. Offenbar hatte aber ein Tiefflieger etwas mehr Glück: Die zwölf Kraftstoff-Hochbehälter, jeder 600.000 Liter groß, hatten zahlreiche Einschüsse von Bordwaffen, erzählt Willi Kloer. Er erinnert sich auch an ein Gestell mit sechs Bomben, das mitten in der Anlage entdeckt wurde und das offenbar im ganzen von einem Flieger abgeworfen oder verloren wurde, ohne allerdings zu explodieren.
Die Ausstattung dieser riesigen Tankstelle war - typisch Staatsbetrieb - vom Feinsten. Das machten sich nach dem Krieg die Briten zunutze. Sie übernahmen unter anderem eine vollautomatische Wasch- und Abfüllanlage für Kanister und Papp-Flaschen. Diese wurde jedoch nicht wieder in Betrieb genommen, sondern demontiert und nach England geschafft. Ob sie jemals dort wieder aufgebaut werden konnte, ist offen: Es existierten keine Baupläne. Willi Kloer und seine Kollegen mussten alle Bauteile säuberlich mit Schildern durchnummerieren. Die Zahlen wurde jedoch willkürlich gewählt. "Das kriegten die Engländer nie zusammen", sagt Kloer. "Schließlich hatten wir ja noch keinen Friedensvertrag", nennt er heute schmunzelnd als Grund. Ebenfalls nach England gingen die eingelagerten Glykol-Bestände, die als Kühler-Frostschutz benötigt wurden. Die britische Armee betrieb das Lager aber weiter.
Viele Arbeitsräume waren säuberlich gefliest. "Und eine Sicherheit hatten die", fügt der Rüthener hinzu. Per Seilzug konnten Räume binnen Sekunden mit Stickstoff geflutet werden, an den Hochbehältern fanden sich automatische Schaumlöschanlagen. Werkzeug bestand aus gehärteter Bronze, um Funkenbildung zu vermeiden. Benzin ging beim Abfüllen gelegentlich daneben, "passiert ist aber nie was", blickt der 88-Jährige zurück. Die verschiedenen Kraftstoffe wurden aber nicht nur gelagert, sondern auch modifiziert. In einem Bunker wurde der Kraftstoff mit Blei-Tetraethyl klopffest gemacht. Schon damals wusste man offenbar um die Giftigkeit dieses Stoffes: Für Arbeiter stand weiße Kleidung zur Verfügung, auf der Spritzer sofort sichtbar wurden. Bei Verschmutzung wurden die Anzüge sogleich vernichtet. Es war wahrscheinlich amerikanisches Benzin, das in vierachsigen Tankwagen über die Gleise der Westfälischen Landes-Eisenbahn angeliefert wurde. Verschiedene Kraftstoffsorten, Schmierstoffe und Chemikalien wurden hier am Heidberg umgeschlagen. Wo solche Kostbarkeiten lagen, wuchsen natürlich Begehrlichkeiten. Täglich wurde per Peilstab der Stand in den Kesseln ermittelt. Schwund gab es dennoch. "Einmal habe ich 300 Liter Wasser rausgeholt", erinnert sich Kloer. Das Wasser sollte über die heimlich abgezapfte Menge hinwegtäuschen. Die Kesselwagen, die wieder zurück gingen und am nahe gelegenen Rüthener Bahnhof standen, waren nie richtig leer, "da war immer etwas drin". Mit Kanistern holte sich mancher den kostbaren Brennstoff ab.
Das Wifo-Lager funktionierte wie eine eigene, kleine Stadt. Alle für einen nahezu autarken Betrieb nötigen Einrichtungen, allesamt umzäunt, bewacht und in Bunkern untergebracht, verbunden über Kilometer lange unterirdische Schächte, die Versorgungsleitungen für Strom, Telefon und Fernwärme führten, machten das Tanklager der Wifo aus. Allein das Kraftwerk: Ein Schiffsdiesel samt Generator sorgte für Strom. Als nach dem Krieg Strom knapp war, schaltete die VEW stundenweise die Versorgung von Rüthen ab. Vorher wurde im Tanklager Bescheid gegeben. "Ich schaltete den Generator an und wir konnten von dort aus für die ganze Stadt Strom machen", erinnert sich Kloer.
Heute ein Industriegebiet
Nach der militärischen Nutzung durch die Alliierten wurde das Wifo-Areal an Privat verkauft. Die überwiegend noch stehenden Bunker wurden in Gebäude und Lagerhallen für Firmen umgewandelt. Heute finden sich in dem Industriegebiet Heidberg auch einige später errichtete Ferienhäuser sowie eine Bar. Altlasten wurden hier keine gefunden. Nicht auf dem Wifo-Gelände, sondern weiter südlich wurde später erneut ein Tanklager für die NATO errichtet. Die belgischen Soldaten schlossen die Anlage im Juni 1993. In der Kaserne sind heute Asylbewerber untergebracht. Nicht weit davon soll das geplante "Energiezentrum Heidberg" entstehen.
30.04./01.05.2005
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