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Deister- und Weserzeitung , 13.04.2005 :

Die Rettung der wertvollen Brandes-Bibliothek / Ein amerikanischer Soldat wusste die Bücher zu schätzen / Brackhahn: Brücke mit Dynamit gesprengt

Von Wolfhard F. Truchseß

Hameln. Es war die Nacht zum 5. April 1945, als am frühen Morgen drei Detonationen über die Weser hallten und in den umliegenden Häusern die Fenster aus den Rahmen fliegen ließen. Deutsche Soldaten hatten die Weserbrücke, die Eisenbahnbrücke und die Brücke über die Fluthamel an der Ohsener Straße in die Luft gejagt.

Am Tag zuvor hatte Horst Brandes, damals 15 Jahre alt und in der Weberstraße im seinerzeit noch weitgehend unbebauten Klütviertel wohnend, den vom Gut Helpensen kommenden Aufmarsch der Amerikaner vom Dachfenster des elterlichen Hauses beobachtet. Brandes: "Die Panzergeräusche waren ja deutlich hörbar. Da mussten wir doch wissen, was los war." Anders als viele Hamelner, die in diesen Tagen aus Angst vor den vorrückenden Kampftruppen der Amerikaner in die Süntel-Dörfer, auf den Finkenborn oder den Riepen geflüchtet waren, blieb die Familie Brandes in ihrem Haus. Und das nicht allein. Noch zwei befreundete Familien aus der Altstadt waren vor der Brückensprengung zu ihnen auf die andere Weserseite gewechselt. Darunter auch eine Bäckerfamilie, aus deren Betrieb noch ein ganzer Bollerwagen voll Brot in die Weberstraße gezogen wurde. 15 Leute hielten sich in diesen Tagen in dem zweigeschossigen Haus auf, das sonst vier Personen beherbergte.

Die drei Familien sollten nicht lange für sich bleiben. Kaum waren die Amerikaner in der Weberstraße aufmarschiert, drangen sie auch in das Brandes-Haus ein. Aber die Familie hatte Glück: Im Erdgeschoss des Hauses hatte Vater Albert Brandes, ein Altphilologe und belesener Gymnasiallehrer, eine reichhaltige Bibliothek mit zum Teil kompletten frühen Ausgaben der deutschen Klassiker. Und das kleine Wunder geschah, wie Horst Brandes berichtet: "Der US-Soldat holte einen Offizier herbei, der den Wert der Bibliothek zu schätzen wusste und die drei Räume des Erdgeschosses kurzerhand für 'off limits' erklärte", was konkret bedeutete: "Betreten für Militär verboten." Im ersten Stock aber hausten die US-Soldaten, was Arina Brandes, die Mutter von Horst, nicht hinderte, resolut nach dem Rechten zu sehen und sich mit den Worten, "Tut das ein Gentleman?", eine kleine Perlenkette aus der Hand eines Amerikaners zurückzuerobern.

Anderen ging es in diesen Tagen wesentlich schlechter. Sie wurden aus ihren Häusern gewiesen, die die amerikanischen Truppen für ihre Zwecke forderten, und mussten sehen, wo sie unterkamen. Viele erkannten ihre Haushalte nicht wieder, als sie in ihre Häuser zurückkehren durften. Geplündert, verwüstet, verschandelt - die amerikanischen Kampftruppen gingen nicht gerade zimperlich mit dem Eigentum der deutschen Feinde um.

Horst Brandes war auch Augenzeuge von der Zerstörung der Wesermühle auf dem Werder. "Auf dem Dach der Wesermühle hatte sich ein Artilleriebeobachtungsposten eingenistet, der mit Feldstechern die auf dem Klüt aufmarschierten US-Panzer beobachtete", berichtet er. "Die Amis sahen natürlich das Blitzen der Gläser im Sonnenlicht und richteten ihre Rohre auf das Mühlengebäude. Nach ein paar Treffern gab es dann eine heftige Explosion und das Gebäude sank in sich zusammen." Der Beschuss der Wesermühle wird auch von den Brüdern Günter und Karl-Wilhelm Brackhahn bestätigt. Sie wohnten im Klütviertel und beobachteten ebenfalls, wie amerikanisches Feuer die Mühle zum Einsturz brachte.

Später sollte sich herausstellen, dass nach den Treffern Mehlstaub explodiert war und die Mühle verwüstet hatte. In den Trümmern fand man drei Leichen. Es war die Besatzung des Artilleriebeo bachtungs postens.

Günter Brackhahn widerspricht aber der Aussage eines anderen Zeitzeugen, die Straßenbrücke über die Weser sei mit 250-Kilo-Bomben gesprengt worden. Brackhahn, der damals als 10-Jähriger vom Klütviertel in die Papenschule ging, hatte schon am 3. April 1945 die von Soldaten bewachten, rechts und links an der Stahlkonstruktion der Brücke befestigten Sprengpakete gesehen. "Das waren keine Bomben, da war Dynamit drin", ist sich Brackhahn auch heute noch sicher.

Horst Knoke, der langjährige Leiter des Hamelner Straßenbauamtes und spätere Nachfolger seines Vaters am Roseplatz, berichtet im Gespräch, wie das Amt von den Amerikanern zum Verbandsplatz umfunktioniert worden war. Strom produzierten die Amerikaner dabei mit eigenen Generatoren. Die Bitte von Mutter Knoke, auch den von der Familie bezogenen Keller mit Elektrizität zu versorgen, wurde allerdings von einem jüdischen US-Arzt, der in Deutschland studiert hatte, mit den Worten abgelehnt: "Das danken wir unserem Führer."

Lesen Sie morgen: Die ersten Maßnahmen der Amerikaner in Hameln.


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