Deister- und Weserzeitung ,
12.04.2005 :
Über "Primadonna" auf Flugalarm vorbereitet / Dr. Peter Stöver erinnert sich an das Kriegsende / Tolerantes Haus des Generalmusikdirektors
Von Ulrike Truchseß
Bad Pyrmont. An das Kriegsende in Bad Pyrmont als 15-Jähriger erinnert sich der Chemiker und Freizeit-Astronom Dr. Peter Stöver. In seinem Elternhaus, dem Fremdenheim Haus Niedersachsen, in der Schloßstraße 3, waren zeitweise bis zu 40 Kriegsverletzte untergebracht. "Zunächst lagen Wehrmachtssoldaten von der russischen Front mit erfrorenen Gliedmaßen in unserem Haus. Die Geruchsmischung aus der fischig riechenden Ichtiosalbe und den abfaulenden Zehengliedern nahm einem den Atem. Wir ließen uns nicht anmerken, wie unangenehm dieser Geruch war. Meine Aufgabe war es, mit den Soldaten Brettspiele zu spielen. Sie erzählten mir dabei von ihren grauenhaften Kriegserlebnissen, unter anderem von den Schmerzen der Verwundeten und dem Schreien der Sterbenden."
Nicht erst diese Geschichten haben den jungen Peter Stöver zum Pazifisten gemacht. Seine Eltern, der Generalmusikdirektor und Orchesterdirigent Walter Stöver und seine Mutter Camilla, geborene Freiin von Schoenaich, hatten für die nationalsozialistische Ideologie nichts übrig. Sie erzogen ihre Kinder nach den Grundsätzen der Humanität und Toleranz, Rassismus und Hurrapatriotismus waren ihnen fremd. Dennoch musste auch Peter Stöver zum Jungvolkdienst. Er erinnert sich noch an die primitiven Lieder, die er dort singen musste. Seine Eltern zogen ihn sehr früh ins Vertrauen. "Mit elf Jahren wusste ich bereits, dass die wahre Gesinnung meiner Familie nicht nach außen dringen durfte. Die Angst vor dem braunen Terror war sehr groß. Hakenkreuzfahnen und Parteiuniformen flößten mir schon als Kind Angst ein."
Schon 1943 hörte die Musikerfamilie heimlich abends die von den Nazis verbotene deutschprachige Sendung des BBC-London mit Lindley Faser und Hugh Carlton Greene, dem Bruder des Autors Graham Greene. Stöver: "Das Pausenzeichen, drei tiefe Paukentöne, gefolgt von einem höheren, leiteten die Sendung der Alliierten ein. Morgens vor der Schule hörte ich im Radio den Luftlagesender Primadonna. Ganz Nordwestdeutschland war in Planquadrate aufgeteilt, die mit Zahlen und Buchstaben bezeichnet waren. Ich hatte diesen Plan und wusste, wann morgens mit Fliegeralarm zu rechnen war, und ob die angekündigte Mathe- oder Lateinarbeit überhaupt geschrieben werden konnte. Beim Klang der Luftschutz-Sirenen sprangen wir von den Klassenplätzen und liefen nach Hause. Ich nahm immer Klassenfreunde aus Lügde, Schieder und Brakelsiek mit, die natürlich nicht eben mal nach Hause fahren konnten."
Dass Pyrmont unzerstört blieb, führt Stöver auf den deutlich sichtbaren Status als Lazarettstadt zurück: "Auf der großen Rasenfläche zwischen Konzerthaus und dem damaligen Kurhotel, dem jetzigen Steigenberger, war eines der riesigen roten Kreuze mit Ziegelsteinen ausgelegt, die noch in 8.000 Meter Höhe zu sehen waren."
Kontakte pflegte die Familie auch zu den unter dem Konzerthaus in der ehemaligen Bierklause untergebrachten Kriegsgefangenen: "Zuerst waren dort französische später russische Kriegsgefangene untergebracht. Der Eingang war weiträumig mit einem hohen Bretterzaun und Stacheldraht umgeben, der bis zu den Stufen der Eingangstreppe zur goldenen Kuppel und zur Heiligenangerstraße reichte. Kurz vor Kriegsende sangen am Abend die Russen, für uns unsichtbar auf dem eingezäunten Platz, mehrstimmig ihre wunderschönen Lieder. Meine Mutter hatte Freundschaft mit den Russen geschlossen. Sie halfen ihr, den Kompost umzuheben und sie steckte ihnen heimlich Zigaretten zu. Ich glaube die Bewacher sahen absichtlich weg."
Sein damals 51-jähriger herzkranker Vater wurde Anfang April 1945 vom vierten Aufgebot des Volkssturms eingezogen. Dank eines Attestes des SS-Mitgliedes und Arztes Dr. Ernst Stutzmann, konnte er sich dem Aufruf widersetzen. Bei der späteren Entnazifizierung des Arztes wurde der Hinweis von Walter Stöver, wie Stutzmann ihn geschützt hatte, als Beweisstück der Entlastung gewertet.
Kurz vor dem Einrücken der Amerikaner signalisierten die Pyrmonter ihren Friedenswillen: "Wir wussten, dass das Hissen einer weißen Fahne lebensgefährlich war. So schneiderten wir, ebenso wie alle anderen Pensionen, aus dem roten Stoff der Hakenkreuzfahne, die damals jeder haben musste, und einem weißen Bettlaken eine Rotkreuzfahne. Gegen die konnten die Nazis nichts sagen."
Am Morgen des 5. April, als von amerikanischen Flugzeugen per Lautsprecher der Aufruf zur kampflosenÜbergabe der Lazarettstadt erfolgte, sah Stöver einige deutsche Männer mit Panzerfäusten auf dem Rasen zwischen Konzerthaus und Schloßstraße. "Unsere verwundeten deutschen Soldaten kamen aus unserem Haus und riefen, dass sich die bewaffneten Männer wegscheren sollten. Das taten sie dann auch." Stöver meint sich zu erinnern, dass später einige Waffen in der Schloßgraft gefunden wurden.
Er erinnert sich auch an den Zugriff auf erstklassigen Rum, der am Güterbahnhof lagerte. Der Rum wurde geplündert und von Russen im Kurpark genossen. Sie schliefen ihren Rausch im Kurpark aus, teilweise neben Motorrädern, die sie in die Hände bekommen hatten. Die Amerikaner holten die Russen auf Lastwagen ab.
Alle Häuser auf der Schloßstraße, bis auf das der Stövers, wurden von den Amerikanern zum Wohnen beschlagnahmt. Die amerikanische Einheit nannte sich "railsplitters". Auf dem Arm der Uniform trugen sie ein rot-weiß-rundes Symbol, auf dem eine Axt abgebildet war, die ein Stück Holz spaltete. Der Stadtkommandant hieß Captain Morgan. Die Amerikaner versorgten sowohl die Patienten, als auch die Bevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln. Viele Pyrmonter erinnern sich noch an das weiße Brot, die Ananas, Erdnußbutter und Salami, oder den Kakao, den Kinder und Patienten erhielten.
Und es gab neben der Begegnung mit Schwarzen noch ein kulturelles Erlebnis: die Jazzmusik. "An einem sonnigen Frühlingstag spielte eine große Jazzband bestehend aus lauter railsplitter-Soldaten in der Wandelhalle all die Stücke, die viele BBC-Hörer schon während des Krieges wegen des Verbots heimlich aber fasziniert gehört hatten."
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