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Warburger Zeitung / Neue Westfälische , 04.04.2005 :

"Der Feind kam über Warburg" / Bonenburger gedenken der Kriegserlebnisse vor 60 Jahren in ihrem Dorf

Von Sandra Wamers

Bonenburg. "Die Linie der Erinnerung darf nicht abbrechen", forderte Bonenburgs Pastor Bernhard Nake am Freitagabend in der vollbesetzen Zehntscheune. Denn was sich an diesem und dem folgenden Tag genau vor 60 Jahren in Bonenburg zu getragen hatte, sollte nicht wieder passieren: Krieg, Kampf und gewaltsamer Tod.

"Wieso hat es denn überhaupt eine Front in Bonenburg gegeben", hätten sich Schüler der beiden Warburger Gymnasien vor einiger Zeit gewundert, erzählte Ortsvorsteher Dieter Figge von einer gemeinsam Diskussionsrunde mit den jungen und vor allem sehr interessierten Menschen. Und Figge hat es ihnen gerne erklärt, sowie er auch am Freitagabend die militärhistorischen Fakten erneut seinen Mitbürgern vorstellte.

Circa zehn Monate nach dem so genannten D-Day in der Normandie, hätten die Alliierten den Rhein erreicht. Um Häuserkämpfe zu umgehen, sei das Ruhrgebiet umgangen worden, um den so entstandenen "Ruhrkessel" weiter östlich zu schließen. Neben dem Sauerland habe auch das Eggegebirge eine natürlich-geografische Sonderstellung gebildet, so dass in diesem Gebieten der Ring der Alliierten noch gebrochen gewesen sei.

Ein in Sennelager zusammengestelltes Regiment aus Leichtverletzten und jungen Rekruten und älteren Soldaten, die Panzerbrigade Westfalen, habe die Randgebiete des Eggegebierges schützen sollen, so auch in Bonenburg, wo das Anrücken der Amerika aus Richtung Scherfede erwartete. "Aber der Feind kam nicht aus dem Westen", erklärte Figge, "sondern aus Osten, über Warburg und Ikenhausen."

"Zu dem Zeitpunkt war diese Brigade der stärkste geschlossene deutsche Truppenverband zwischen Rhein und Weser", ergänzte Ortsheimatpfleger Anton Rose, "die zusammen mit einer zusammengezogenen SS-Kampftruppe den Bonenburger Ortsrand besetzt hatte."

Am Morgen des Ostersonntags, dem ersten April 1945, hatte man wohlweislich das Hochamt auf sieben Uhr vorverlegt, da man stündlich mit den Einmarsch der Alliierten gerechnet hatte – gegen 9.30 Uhr trafen dann die Feindtruppen aufeinander und die Kämpfe hielten bis zum zweiten Ostertag an. Um 11 Uhr ging Bonenburg in die Hand der Amerikaner über.

36 Wehrmachtssoldaten waren gefallen und nach offiziellen Angaben 26 GIs, aber "inoffiziell sollen es 100 bis 200 Tote gewesen sein", schob Figge nach und wurde von einer Augenzeugin bestätigt: "Es waren viel mehr – wir haben sie gesehen." Aber nicht nur Soldaten hatten ihr Leben in Bonenburg verloren: Elf Bonenburger, darunter auch Kinder, wurden ebenfalls Opfer der Kriegsmaschine. "Das waren alles Opfer für den Krieg", kommentierte eine Zeitzeugin und ergänzte bitter, "für einen längst verlorenen Sieg".

Auch Ernst Graute, im Jahre des Kriegsende gerade 15 Jahre, erinnerte sich, wie er nach Warburg zur Hitler Jugend eingezogen wurde. "Wir gewinnen den Krieg", habe man ihnen damals eingebläut – und Graute wirkt heute noch wütend angesichts "dieser Sprüche, die wir damals eingeflößt bekamen". Anneliese Rohner hat auch "die gefallenen Soldaten auf den Straßen und an den Hausecken gesehen" und erinnerte sich an die Heftigkeit der Kämpfe: "Die Kühe haben nur noch dicke Milch gegeben, solche Angst hatten sie gehabt."

"Noch einmal wurde heftig geschossen", erzählte Moritz Wiemers schließlich. "Ich war mit meinem Vater auf dem Feld und es war Mai" – Freudenschüsse waren es gewesen, die Wiemers gehört hatte: Es war der achte Mai 1945, das offizielle Kriegsende. Die Normalität, zumindest die Verbote und Einschränkungen seien daraufhin gelockert worden: "Das Versammlungsverbot wurde aufgehoben, so dass beerdigt werden konnte", erinnert sich Graute, "und Fronleichnam war der Abschluss des Krieges".


lok-red.warburg@neue-westfaelische.de

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