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Mindener Tageblatt , 24.03.2005 :

Letzte Kriegswochen in alter Kladde / Hans Wegener sammelte in Gefangenschaft Zeitungsausschnitte über alliierten Vormarsch

Minden (mt). Hans Wegener hält einen kleinen Schatz in Händen. Ein kleines Heft mit braunem Einband, voll von Zeitungsausschnitten aus einer fernen Zeit. Als junger Mann hat der heute 85-Jährige die letzten Kriegswochen festgehalten.

Von Jürgen Langenkämper

Wegener hütet seine Artikelsammlung noch heute wie einen Augapfel. Vor allem auf Berichte über den Kriegsverlauf in seiner nordwestdeutschen Heimat legte der gebürtige Mindener im Winter 1944/45 und im Frühjahr sein Augenmerk.

Das Besondere: Nicht der von Goebbels Propagandaministerium gesteuerte "Völkische Beobachter" oder die in Minden als einzige Tageszeitung noch erscheinenden "Neuesten Westfälischen Nachrichten" dienten ihm als Informationsquellen, sondern sechs US-amerikanische Tageszeitungen, darunter die "New York Times" und die deutschsprachige "New Yorker Staatszeitung und Herold". Denn seitdem er im Mai 1943 in Tunesien mit den Resten von Rommels Afrika-Korps in Gefangenschaft geraten war, saß der junge Unteroffizier in englischen, später amerikanischen Lagern, fernab der Kampfhandlungen.

Aufmerksam verfolgte Hans Wegener, der am Besselgymnasium Französisch und vor allem Englisch gelernt hatte, die Berichte über den Krieg in Europa. Regelmäßig verfasste er Berichte für die Lagerinsassen, die nicht so gut oder gar kein Englisch beherrschten. "Ich habe alles für die Amerikaner ungünstige und für Deutschland günstige Verläufe hervorgehoben", sagt der Senior noch heute verschmitzt.

Doch im Herbst 1944 ging Wegener auf, dass der Krieg für Deutschland verloren ginge. Das Verbot von Zeitungen für die Kriegsgefangenen zu jener Zeit umgingen er und zwei weitere Unteroffiziere, die so etwas wie die inoffizielle Lagerleitung bildeten, indem sie den Mitgliedern der Arbeitskommandos auferlegten, Zeitungen einzustecken und mitzubringen, wenn sie in die Umgegend von Wilmington in North Carolina zum Einsatz ausrückten.

Vom 8. Dezember 1944 an schnitt Hans Wegener kleine und große Artikel mit regionalem Bezug aus und klebte sie in eine Kladde, die er in der Lagerkantine gekauft hatte, ein - angefangen mit einem ins Englische übertragenen Wehrmachtsbericht aus der New York Times: Darin sind die Bombenangriffe vom 6. Dezember auf Bielefeld und Minden erwähnt. Und auch am 30. März 1945 erfuhr er auf demselben Wege, dass zwei Tage zuvor Minden bombardiert worden war. Nur was aus seinen Eltern, die in der Lindenstraße wohnten, geworden war, wusste er nicht. "Die Post kam stets mit drei Monaten Verzögerung über die Schweiz."

Ab Ostermontag, 2. April 1945, häuften sich - bis zum 20. April, als das Heft gefüllt war - die Berichte in allen US-Zeitungen, die Wegener aufbewahrte. Karten zeigten den rasch fortschreitenden Verlauf der Front an. Für Wegener bestand kein Zweifel an der Echtheit. "Ich habe dem voll geglaubt", sagt er rückblickend. Und im Grunde war er in ein paar Tausend Kilometern Entfernung jenseits des Atlantik über das Heranrücken der Alliierten besser informiert als mancher Mindener in jenen Tagen.

Am 6. April erfuhr er, dass die 6. Fallschirmspringerdivision der 2. Britischen Armee am Vortag nach Minden und Petershagen vorgestoßen war. "Ich war erleichtert", gibt der 85-Jährige zu. Denn nun war der Krieg für seine Verwandten endlich vorüber. Für ihn selbst dauerte es noch fast genau zwei weitere Jahre, bis er über Lager in Belgien und Schottland in die zerstörte Stadt heimkehren durfte.

Von seiner Kladde hat sich Hans Wegener fast nie getrennt. Nur einmal war sie acht Jahre verschwunden - bis sie ein Kollege bei seiner Pensionierung in seinem Schreibtisch wiederfand.


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