www.hiergeblieben.de

Neue Westfälische - Gütersloh , 13.05.2017 :

Erneut Anklage gegen Neonazi Schönborn

Gütersloh. Neonazi Meinolf Schönborn muss sich demnächst vor Gericht verantworten. Es geht um ein Hakenkreuz auf einem Kalenderblatt.

_______________________________________________


Blick nach Rechts, 27.04.2017:

Neonazi-Treffpunkt Knüll

Von Andrea Röpke

Meinolf Schönborn etabliert mitten in Hessen einen überregionalen braunen Treffpunkt, postet seine siebzigste Hausdurchsuchung und erweckt den Eindruck, sein Umfeld könnte die Flucht Horst Mahlers unterstützen.

Schwarzenborn, Schwalm-Eder-Kreis, Hessen. Der ehemalige "Reichshof" am Hang des Knüllköpfchen im 1.500-Seelenort Schwarzenborn ist nach dem Tod des langjährigen Eigentümers Manfred Roeder erneut zu einer zentralen Wirkungsstätte und zum überregionalen Neonazi-Treffpunkt geworden. "Wir kennen das hier ja schon seit Jahrzehnten", winkt eine Bäuerin ab, während ihr Sohn den Traktor vorfährt, "das war früher viel schlimmer". Hinter Bäumen und Hecken liegt das geräumige Gebäude mit dem opulenten Dachgeschoss. An der weißen Außenfassade steht der Schriftzug "Haus Richberg", daneben drei gekreuzte Fackeln. Bereits 2013 übernahm die Tochter der britischen Jetset-Lady Michele Renouf das Anwesen. Renouf ist Teil der internationalen Holocaust-Leugner-Szene, 2006 beteiligte sie sich an der Konferenz in Teheran und 2013 an einem Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf.

Wenige Meter vom "Haus Richberg" entfernt bietet die "Knüll-Jause" Wanderern ein gemütliches Plätzchen, das "KnüllCamp" in der Nachbarschaft wird von einer christlichen Mission betrieben. Niemand stört sich daran, wenn Monat für Monat fanatische "Reichsbürger", Neonazis aus Kameradschaften oder Gründer einer unheilvollen "Neuen Ordnung" Vernetzungstreffen und politische Schulungen im Haus abhalten. Die vielen Autos fallen schon auf. Sie kommen aus dem gesamten Bundesgebiet und auch aus dem Ausland.

Ruf als Neonazi mit Hang zum Untergrund

Den Hausherr im Neonazi-Zentrum von Schwarzenborn gibt Meinolf Schönborn. Vor Jahren als Gründer der 1992 verbotenen militanten "Nationalistischen Front" bekannt geworden, fiel der Name des rechtsextremen Drahtziehers aus Westfalen auch immer wieder im Zusammenhang mit den NSU-Ermittlungen. Als 2012 in einer Pension nordwestlich von Berlin eine Leiche mit einem Rucksack voller Waffen gefunden wurde, stellte sich heraus, dass das so genannte "Weiße Haus" zuvor von der Lebensgefährtin Schönborns gepachtet worden war. Schönborns Name taucht auch im Zusammenhang mit dem ungeklärten Tod des Spitzels Thomas Richter alias "Corelli" auf. So behäbig der 61-Jährige mit Bierbauch inzwischen auch wirken mag, der Ruf als Neonazi mit Hang zum Untergrund eilt ihm voraus.

Sein Handy hat der Mann aus der Nähe von Gütersloh oft am Ohr. An vielen Wochenenden erwartet er Gäste und Referenten im Knüll. Junge und Alte, auch einige Frauen sind darunter. 2009 übernahm Schönborn zunächst die neonazistische Traditionszeitschrift "Recht und Wahrheit", gründete die dubiose Organisation "Neue Ordnung" und versuchte sich mit dem Vertrieb einschlägiger Schriften. Schönborns Leben scheint seither sehr öffentlich. Er postet viel bei Facebook - auch die anstehenden Veranstaltungen sind nicht geheim. Vor Jahren zeigte er sich auch mal auf dem "Eichsfeldtag" von Thorsten Heise und dessen "Arischer Bruderschaft" im nahen Leinefelde. Der einstige Betreiber eines militanten Schulungszentrums gibt sich lässig. Macht Witze bei Facebook, gibt zu aktuellen Vorkommnissen seinen Kommentar ab. Kaum einer, der Schönborn noch Gefährliches zutraut.

Nähe zur "Reichsbürger"-Bewegung

Auch die Behörden zeigen keine offene Präsenz, wenn das "Knüll-Forum" im ehemaligen "Reichshof" tagt. Von Personenkontrollen ganz zu schweigen. Die finden vielleicht im niedersächsischen Eschede beim NPD-nahen Bauern Nahtz statt oder vor dem "Thinghaus" in Grevesmühlen, aber nicht im Schwalm-Eder-Kreis. Dabei ist Schönborns Nähe zur "Reichsbürger"-Bewegung hinlänglich bekannt. Doch mit deren Hang zu Waffen und den Attacken bis hin zur Tötung eines Polizisten wurde er bisher nicht in Verbindung gebracht. Jetzt aber könnte der Untergrund Schönborn wieder einholen.

Mit Horst Mahler ist Mitte April 2017 der bekannteste Verfechter des "Deutschen Reiches" abgetaucht. Mahler, inzwischen 81-jährig und im Rollstuhl sitzend, befindet sich auf der Flucht vor der Strafverfolgung. Um der Verbüßung einer restlichen Haftstrafe zu entgehen, setzte sich der fanatische Antisemit aus Brandenburg ab, sucht "Asyl in einem souveränen Staat", wie er per Video mitteilen ließ. In Neonazi-Kreisen wird dies bereits mit dem Slogan "Wir sind Horst" gefeiert. Viele scheinen mit so einem Schritt gerechnet zu haben.

"Freiheit für Horst Mahler" gefordert

Nur eine Woche vor dem Abtauchen Horst Mahlers versammelte sich eine illustre Runde im Knüll, angeblich um der Frage nachzugehen, ob Martin Luther ein "deutscher Revolutionär" sei. Tatsächlich scheint das Thema Mahler auch im "Haus Richberg" in Schwarzenborn seit langem eine zentrale Rolle zu spielen. "Freiheit für Horst Mahler" fordert Schönborns "Recht und Wahrheit" in der Vergangenheit wie heute.

Beim "Knüll-Forum" Anfang April dabei war ein Mann, der Horst Mahlers letzte Botschaft in der Legalität über seinen Internet-TV-Kanal postete: Manfred Dammann. Der weißbärtige NPD-Politiker aus Rotenburg an der Wümme zeichnet im Impressum für "Nordland TV" verantwortlich. Im Garten des "Haus Richberg" war Dammann am 1. April ein begehrter Gesprächspartner. Etwa acht Tage später soll die krude antisemitische Botschaft des flüchtigen Mahler dann aufgezeichnet worden sein, wie der NDR berichtet.

Die Teilnehmer des letzten Treffens im hessischen Zentrum kamen aus vielen Bundesländern und sind zumeist Multiplikatoren einer heterogenen rassistischen und antisemitischen Bewegung. Mit eingeladen hatte unter anderem Sascha Krolzig, NRW-Landeschef der Neonazi-Partei "Die Rechte". Dabei war Christian Hehl aus Ludwigshafen, sowie der Herausgeber von "Volk in Bewegung", Roland Wuttke aus Bayern, dann der Betreiber eines "Terra-Kuriers" aus Berlin und auch Henry Hafenmayer aus Oberhausen. Hafenmayer wirbt auf seinem "Ende der Lüge"-Blog unter dem Slogan "Nur die Wahrheit macht uns frei" mit seinem Portrait vor dem Eingang eines mutmaßlichen Konzentrationslagers.

Flucht und Fluchthilfe haben Tradition in der Neonazi-Szene

"Das Deutsche Reich kommt nicht von allein, wir müssen dafür kämpfen!" Unter diesem Motto versammelten sich bereits 2010 Anhänger von Meinolf Schönborn und seiner Organisation "Neue Ordnung" im Knüllwald. "Wer eine starke Reichsbewegung will und nicht länger nur vom Deutschen Reich träumen möchte, der muss auch bereit sein, für unsere gemeinsamen Ziele Opfer und persönlichen Einsatz zu bringen ... " Damals verkündete er die Gründung einer "vielschichtigen Organisationsstruktur und eines Netzwerkes". Es ging damals intern auch um Spenden, denn ein eigener Kurierdienst und ein Verbindungsmann zwischen den einzelnen Gruppen müssten finanziert werden.

Flucht und Fluchthilfe haben Tradition in der neonazistischen Szene. 1978 setzte sich "Reichshof"-Besitzer Manfred Roeder ins Ausland ab, um einer Haftstrafe zu entgehen. Dessen Devise soll gelautet haben: "Der legale Kampf ist vorbei. Nur noch Untergrund." Die Fluchtroute führte ihn von Europa nach Nord- und Südamerika sowie in den Mittleren Osten. Während seiner Flucht genoss Roeder großzügige Unterstützung durch einen "Freundeskreis". So konnte er sich eines Kontos bedienen, das beim Postscheckamt Bern auf den Namen "Walser" für ihn eingerichtet worden war. Sichergestellten Buchungsunterlagen zufolge zahlten Gleichgesinnte innerhalb von 15 Monaten rund 172.900 Mark für Roeders Untergrundaktivitäten ein. Nach seiner Rückkehr gründete Manfred Roeder 1980 die terroristischen "Deutschen Aktionsgruppen", denen zwei Menschen bei einem Brandanschlag zum Opfer fielen.

Das nächste "Knüll-Forum" schon Mitte Mai

Am gestrigen Mittwoch postete Schönborn bei Facebook seine vorgeblich siebzigste Hausdurchsuchung. Die fand demnach im rund 200 Kilometer entfernten Herzebrock-Clarholz, dem Privatsitz des Neonazis statt. Im hessischen Schwarzenborn bleibt es ruhig.

Sonja Brasch berichtet in der aktuellen Ausgabe der antifaschistischen Zeitung "Lotta" detailliert über die aktuellen Veranstaltungen im "Haus Richberg". Mindestens sechs Zusammenkünfte sollen es demnach 2017 bereits gewesen sein. Schon Mitte Mai werden die nächsten Gäste zum "Knüll-Forum" von "Recht und Wahrheit" erwartet. Auf dem Stundenplan der Neonazis stehen die SS-Division Nordland und Russland. Vor allem aber soll der Rheinland-Pfälzer Neonazi Sascha Wagner über Horst Mahler sprechen und der Frage nachgegangen werden: "Wie können wir helfen?"

Bildunterschrift: Überregionaler brauner Treffpunkt im hessischen Schwarzenborn.

13./14.05.2017

zurück