Radio Hochstift ,
11.02.2015 :
Bürgerantrag gegen Flüchtlingsheim
Das geplante Asylbewerberheim in Höxter schlägt weiter hohe Wellen.
Der Rat der Stadt muss sich mit einem Bürgerantrag beschäftigen. Wie eine Zeitung berichtet, haben den Antrag rund 100 Anwohner und Grundstückseigentümer unterschrieben. Sie wenden sich gegen eine dauerhafte Nutzung des früheren Studentenwohnheims als Flüchtlingsunterkunft für rund 100 junge Männer. Die Initiatorin betont, dass die Unterzeichner des Antrags nicht ausländerfeindlich seien. Sie haben aber Angst vor Konflikten und wollen, dass die Stadt Höxter ihre Sorgen und Bedenken gegen eine große Unterkunft an der Stelle ernst nimmt. Der Höxteraner Rat berät in einer Woche über den Antrag.
Schon vergangene Woche hatte es in Höxter eine sehr emotionale Bürgerversammlung zur Flüchtlingsunterkunft gegeben.
Bildunterschrift: Das ehemalige Studentenwohnheim in Höxter.
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Höxtersche Zeitung / Westfalen-Blatt, 05.02.2015:
Wortgefechte und Anfeindungen / Unterbringung von 90 Asylbewerbern im alten Wohnheim: Anlieger sauer auf Stadt - Bürger bieten Hilfe an
Von Ingo Schmitz und Harald Iding
Höxter (WB). In der Debatte um den Standort zur Unterbringung von Asylbewerbern steckt viel Zündstoff. Das ist bei der Informationsveranstaltung der Stadt Höxter mehr als deutlich geworden. Eine Lösung des Konflikts zwischen Interessen der Anlieger des ehemaligen Studentenwohnheims und der Notwendigkeit der Unterbringung der Menschen aus Kriegsgebieten kam nicht zustande.
Wichtigste Forderung an dem Abend der Kritiker war, die Menschen auf dezentrale Gebäude zu verteilen. Auf der anderen Seite wurde gefordert, bei den Asylbewerbern die Vorurteile außen vor zu lassen und sie hier willkommen zu heißen.
Wortgefechte, Anfeindungen, Beschimpfungen und Buh-Rufe: Immer wieder kam es in der Veranstaltung zu Tumulten. Die Emotionen kochten über. Wesentlich angeheizt worden war die Debatte durch die Darstellung von Altbürgermeister Hermann Hecker, welche Folgen es für das Wohnumfeld habe, wenn in dem ehemaligen Studentenwohnheim "90 junge Männer im Alter zwischen 16 und 35 Jahren ohne Arbeit und Perspektive" in einer Dauerlösung untergebracht würden. "Ich mache mir Sorgen um unsere Sicherheit!", sagte Hecker. Der Standort sei objektiv gesehen unverträglich, sagte Hecker. Er habe nichts dagegen, "dass diese Menschen zu uns kommen", betonte er. Er warf der Verwaltung aber vor, dass sie sich auf den Standort bereits festgelegt habe. Er bange um die Immobilienwerte. Dieses "Sonder-Opfer" sei nicht vertretbar, da die gesamte Stadt mit allen Einwohnern in der Verantwortung stehe, so Hecker.
Die erste Beigeordnete Maria Schmidt widersprach Hecker, dass in dem Gebäude ausschließlich Männer untergebracht werden sollen. Es werde auch an Familien gedacht, erklärte sie. Herkunftsländer seien Kosovo, Syrien, Serbien und Eritrea. Außerdem sei mit diesem Gebäude nur ein Anfang gemacht. Man gehe zunächst von 90 Personen aus. Die Stadt benötige noch mehr Platz, um Asylbewerber "menschenwürdig unterzubringen". Das Studentenwohnheim sei nur ein erster Schritt.
Auf die Ausführungen des ehemaligen Bürgermeisters reagierte Gülseren Aybay (Arbeitskreis Integration) mit größter Empörung: "Ich bitte alle, ihre Ängste und Vorurteile bei sich zu behalten und stattdessen die Menschen zu sehen. Hier sollen Menschen untergebracht werden, die aus einer Gefahr geflüchtet sind. Viele von den Menschen sind höher qualifiziert, als die, die hier mit Vorurteilen und Ängsten stehen."
Als Gerlind Frahm, die sich als ehrenamtliche Betreuerin in einem Asylbewerberheim in Brakel um etwa 100 Männer kümmert, an das Mikrofon trat, wurde es schnell ganz still im Saal. Ihre Erfahrungen und Beobachtungen berührten viele. Die 46-Jährige berichtete von ihren Erfahrungen: "Ich gehe als einzige Frau in das Haus und keiner pöbelt mich dort an. Im Gegenteil, die Menschen aus den anderen Ländern sind sehr dankbar für die Hilfe im Alltag. Die meisten sind wegen ihrer Flucht verängstigt und leben in Brakel in kleinen Zimmern mit bis zu sechs Personen. Viele von ihnen sind verstört. Wenn sie mir vor ihren Schicksalen erzählen, muss ich oft weinen. Seien Sie in bitte mehr Ermutiger - und nicht Entmutiger!"
Anlieger Georg Marquardt bat Bürgermeister Fischer, von einer Durchführung des Ratsbeschlusses abzusehen und sich um eine andere Lösung zu bemühen. "Dass 90 Menschen, die viel durchgemacht haben und traumatisiert sind, in einem sechsgeschossigen Kubus, mit hohen Folgekosten und ohne Zeitlimit untergebracht werden - das geht einfach nicht. Es ist städtebaulich, moralisch und wirtschaftlich nicht vertretbar!"
Zitate des Abends
Hermann Hecker zu Bürgermeister Alexander Fischer: "Sie haben immer davon gesprochen, einen breiten Konsens mit den Nachbarn finden zu wollen. Sie haben mit uns nicht gesprochen, sondern in nicht öffentlicher Sitzung einen Beschluss zum Kauf der Immobilie fassen lassen."
Bürgermeister Alexander Fischer zu Hermann Hecker: "Fragen Sie mal in den Ortschaften Lüchtringen und Stahle, ob die auch ein Sonder-Opfer gegeben haben. Jetzt sind wir da, um Sie zu informieren."
Maria Schmidt (Erste Beigeordnete): "Jetzt genau ist die Gelegenheit, Bedenken, Anregungen und über Unterstützungsangebote zu reden, bevor das Gebäude bezogen wird."
Hermann Hecker (als Zwischenruf): "Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass sie das Haus zum jetzigen Zeitpunkt nicht kaufen dürfen, weil sie keinen wirksam Haushaltsplan haben, denken Sie daran!"
Hubertus Albers (Wachleiter der Kreispolizeibehörde): "Wir haben hier im Kreis keine Brennpunkte im Zusammenhang mit Asylbewerbern. Seit Jahren befassen wir uns mit dem Thema und haben über Ordnungspartnerschaften viel erreichen können. Aber man darf die Augen nicht davor verschließen, dass es auch bei dieser Personengruppe - vor allem wenn viele Flüchtlinge auf einem Punkt leben - zu Schwierigkeiten, Streit oder sogar Strafdelikten wie schwere Körperverletzung kommt."
Bildunterschrift: Bürgermeister Alexander Fischer (vorne) unterbricht den Vortrag seines Amtsvorgängers Hermann Hecker, der als Anlieger sauer auf die Stadt ist.
Bildunterschrift: Gülseren Aybay setzt sich für Flüchtlinge ein.
Bildunterschrift: Seit 20 Jahren kümmert sich Gerlind Frahm (46) um Flüchtlinge. Sie berichtete von den traumatisierten Männern in der Asylbewerber-Unterkunft in Brakel, die für die Hilfe dankbar seien.
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Neue Westfälische 16 - Höxter (Kreis), 05.02.2015:
Am Rande / Erinnerungen an Flüchtlinge im Krieg / Als wäre es gestern gewesen ...
Simone Flörke
Lange noch habe ich nach diesem Abend im Historischen Rathaus zu Hause wach gelegen. Einige Aussagen, die ich dort gehört habe, haben mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Mit einem Kloß im Hals habe ich dann nachts um halb drei Uhr Block und Kuli geholt und diese Zeilen aufgeschrieben. Denn sie waren wieder da, die mehr als 20 Jahre alten Bilder aus dem Krieg in Bosnien. Zweimal war ich dort, um zu berichten. Tage, die ich nicht vergessen werde. Bilder, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Als wäre es gestern gewesen ...
Von der alten Frau im Gasthof von Spielfeld an der österreichisch-slowenischen Grenze, wo beim Krieg die ersten Schüsse gefallen waren. Unter ihrem Kopftuch zitternd saß sie in der Ecke, völlig verstört klammerte sie sich an ihre Tasche. Als wäre es gestern gewesen ... Der kleine Junge, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, mit seiner noch kleineren Schwester an der Hand. Dreckig, zerlumpt, bettelnd und sich über die Süßigkeiten, die wir ihnen in die Hände drückten, riesig freuend. Als wäre es gestern gewesen ... der vielleicht zehn Jahre alte Junge am Zollhof von Bihac. Mit seinem strahlenden Lächeln. Dem ein Unterarm fehlte, weil er auf eine Mine gefallen war. Als wäre es gestern gewesen ...
Die Soldaten im Café, wo wir frühstückten. In voller Kampfmontur, das Maschinengewehr lässig an den Tisch gelehnt. Als wäre es gestern gewesen ... Das Erschrecken und Zusammenzucken mitten in der Nacht, als wir - im Auto schlafend - in den bosnischen Bergen von Schüssen geweckt wurden. Als wäre es gestern gewesen ... Die Patronen, die wir zwischen den Kirchenbänken fanden. Und die Menschen, die ihre Häuser verlassen, ihr Hab und Gut verloren hatten und nun in den Bergen in Erdhöhlen hausten. Und sich nicht trauten, im Dunkeln eine Kerze zu entzünden. Aus Angst, zur Zielscheibe für die Sniper, die Scharfschützen aus dem Hintergrund, zu werden. Als wäre es gestern gewesen ...
Und hier im friedlichen Höxter, wo die meisten einen im Vergleich dazu unglaublichen Lebensstandard haben, diskutieren einige über den falschen Standort für ein neues Zuhause von Menschen auf der Flucht vor dem Krieg und Vertreibung oder um Wertverluste von Gebäuden ...
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