Neue Westfälische 06 - Schloß Holte-Stukenbrock ,
05.09.2014 :
Buhlen um Aufmerksamkeit / Förderverein der Gedächtnisstätte beklagt Desinteresse der örtlichen Schulen
Von Kristine Gresshöner
Schloß Holte-Stukenbrock. Ihre Enttäuschung angesichts der leeren Stuhlreihen war Manfred Büngener und Oliver Nickel anzusehen: Zu einem Vortrag am Mittwoch erschien in der Dokumentationsstätte "Stalag" nur eine Zuschauerin. Auf Nachfrage der Neuen Westfälischen bestätigten beide, dass sie ihre Werbemaßnahmen überdenken - und sich den mangelnden Zuspruch der örtlichen Schulen nicht erklären können.
"Wir versuchen es immer wieder, mehr kann ich ja nicht tun", sagte Büngener, der zuvor alle Grund- und weiterbildenden Schulen in Schloß Holte-Stukenbrock persönlich aufgesucht hatte. Sein Anliegen: vor Ort die Veranstaltung mit der Erziehungswissenschaftlerin Andrea Becher zu bewerben und Lehrer anzusprechen. Geplant war, mit der Professorin der Universität Paderborn die Auswirkungen auf den Sachunterricht zu diskutieren.
Laut Geschäftsführer Oliver Nickel wurden zusätzlich mehr als 100 Schulen in den Kreisen Detmold, Bielefeld, Gütersloh und Lippe angeschrieben. "Seit drei Jahren bieten wir Fortbildungen und Vorträge an, diese werden aber nicht so angenommen, wie ich erwartet habe."
Offenbar haben vor allem jene Schulen Interesse, die weiter entfernt sind: Regelmäßig, mindestens ein Mal im Jahr, sind Schüler aus Lage und Lemgo zu Gast. Auch die Besucherzahlen aus Paderborn, Bielefeld und Bad Lippspringe entwickeln sich, so Nickel, positiv. Er ist optimistisch: "Wie viele Möglichkeiten wir haben, beispielsweise mit den mehr als 500 Titeln der Bibliothek, das muss die Öffentlichkeit eben hier und da noch erkennen." Ob das Gelände wegen der Einlasskontrolle vor der Schranke abschreckt? Oder die Gedenkstätte nicht zum Lehrplan an den Schulen passt? Nickel ist ratlos. Warum ausgerechnet die Lehrerkollegien der örtlichen Schulen vergleichsweise wenig Interesse zeigen, dem möchte er nachgehen und mit den Schulleitungen sprechen.
Marion Blome, Leiterin des Gymnasiums, versicherte auf Anfrage der NW, dass "Stalag im Bewusstsein der Schüler und Lehrer sehr präsent" sei. Von dem Vortrag mit Andrea Becher habe sie bedauerlicher nichts gewusst. Blome interpretiert die Zurückhaltung der anderen Schulen "nicht als Nicht-Interesse" und sagt: "Die Abendvorträge ziehen weder Schüler noch Lehrer an, weil gerade abends viele am Schreibtisch sitzen und ihren Unterricht vorbereiten." Das Gymnasium habe mit "Stalag" mehrfach zusammengearbeitet, im Oktober wird es dort ein Schülerprojekt geben.
Ungeachtet der kleinen Zuschauerschar aus Vereinsmitgliedern referierte Andrea Becher am Mittwochabend voller Elan und gut verständlich über das Thema ihrer Doktorarbeit. "All das, was wir an Gräuel kennen, drücken die Kinder in eigenen Worten aus", so die Professorin, die Dritt- und Viertklässler über ihr Wissen zum Nationalsozialismus interviewt hatte. "Kein Kind spricht von Hakenkreuz. Sie nennen es Hitler-Zeichen." Prägend seien die Geschichten der Großväter. Diese als "Quatsch" abzutun, traumatisiere die Kinder, warnte die Professorin. Sie setzt sich dafür ein, dass der Holocaust im Sachunterricht der Grundschulen besprochen wird.
Bildunterschrift: Enttäuscht angesichts leerer Sitzreihen: Nachdem am Mittwochabend nur eine Zuhörerin zu der Abendveranstaltung gekommen war, plant Oliver Nickel, Geschäftsführer der Dokumentationsstätte "Stalag 326 Senne", das Problem mit den Mitgliedern des Fördervereins zu diskutieren.
Bildunterschrift: Was Kinder über den Nationalsozialismus wissen: Die Professorin Andrea Becher stellte Forschungsergebnisse vor.
Kommentar / Wenige Gäste bei Veranstaltungen in "Stalag" / Nähe als Chance verstehen
Von Kristine Gresshöner
Geschichte ist nicht sexy und so manches Angebot vor der eigenen Haustür wirkt langweilig. Erst aus der Ferne gewinnt es an Charme. Die Terminüberschneidung mit dem Fußball-Länderspiel tat ein übriges. Es war abzusehen, dass die Gäste ausbleiben.
Fraglich ist, was die Veranstalter erwartet haben. Fakt ist, was sie bekommen haben: Keine Lehrer, die am Ende eines Arbeitstages gewillt wären, sich nach Feierabend in einen Fachvortrag zu setzen. Die Mitglieder des Fördervereins müssen sich Gedanken über ihre Zielgruppe machen, vormittags in die Schulen gehen und sich mit Gedenkstätten austauschen.
Die Referentin betonte in ihrem Vortrag, der lokale Bezug sei für Kinder besonders wichtig und einprägsam. Das heißt: NS-Zeit, damals, nebenan, hier im Ort. Lehrer und Förderverein sollten dieses Potenzial erkennen, den kurzen Weg zwischen Schule und "Stalag" als Chance sehen - ausnahmsweise auch nach Feierabend.
shs@nw.de
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