Vlothoer Anzeiger ,
22.03.2010 :
Messingplatten als Erinnerungsstützen / Künstler Gunter Demnig verlegt weitere 31 Stolpersteine in der Herforder Innenstadt / Gedenken an jüdische Schicksale
Von Meiko Haselhorst
Herford (va). Noch keine elf Jahre alt war das jüdische Mädchen, als die Männer in Uniform kamen und sie aus ihrem Haus an der Bügelstraße zerrten. Ob Alma-Ursel Salomon noch einmal Geburtstag feiern durfte, bevor die Nazis sie in Minsk vergasten und verbrannten, ist nicht bekannt.
Schilderungen wie diese trieben einigen Passanten gestern die Tränen in die Augen. Sie waren gekommen, um bei der Stolperstein-Verlegung von Gunter Demnig dabei zu sein. Der 62-jährige Künstler tingelt seit 1996 durch die ganze Republik und verankert in Hunderten von Kommunen seine Messingplatten im Boden, um der verschleppten Juden und weiterer Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. In Herford machte er bereits zum dritten Mal Station. Mitglieder der Gruppe "Lebenslaute" spielten Streichermusik, Gerd Büntzly sang dazu jiddische und deutsche Texte und ermahnte die Bürger. "Steinpaten" und Mitglieder des "Kuratoriums Erinnern, Forschen, Gedenken" erläuterten auf einem kleinen Stadtrundgang die Umstände, unter denen die Bewohner lebten und starben.
In vielen Fällen waren diese Informationen sehr dünn, die Spur verläuft zumeist unmittelbar nach der Deportation nach Minsk, Warschau, Theresienstadt oder in andere Arbeitslager. Offiziell für tot erklärt wurden sie häufig erst Jahre nach dem Krieg. Familie Hoffmann, die am Gehrenberg wohnte, schickte einigen Freunden noch eine verhalten optimistische Postkarte aus dem Bielefelder Zwischenlager. Danach hörte niemand mehr etwas von ihnen. Vom 16-jährigen Rudolf Löwenstern ist bekannt, dass er noch ein letztes Mal auf der Kiewiese Fußball spielen wollte - der Wunsch wurde ihm nicht mehr erfüllt. Irmgard Lewi hatte soeben ihre einjährige Tochter verloren, bevor sie der nächste Schicksalsschlag ereilte. Unter den Zuschauerinnen war gestern auch Hildegard Zöllner, die über eine Stunde lang ihren Rollator über das hoppelige Kopfsteinpflaster der Herforder Innenstadt schob und sichtbar bewegt war. "Ja, ich habe hier eine jüdische Familie gut gekannt", sagte die 88-Jährige, "die sind aber schon 1936 nach Australien ausgewandert - Gott sei Dank". Die Stolperstein-Aktion bezeichnete sie als "wichtig und richtig". Eine andere hochbetagte Dame, die ihren Namen nicht nennen wollte, schaute nachdenklich auf einen der Steine. "Fast 70 Jahre sind seitdem vergangen", sagte sie und schüttelte den Kopf, "so etwas hätte man schon vor 50 Jahren tun müssen - aber besser spät als nie".
Bildunterschrift: Gunter Demnig verlegte weitere 31 Stolpersteine mit Messingplatten in der Herforder Innenstadt.
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