Paderborner Kreiszeitung / Neue Westfälische ,
13.03.2009 :
Stolpern mit Kopf und Herz / Gunter Demnig verlegt Steine als Erinnerung an jüdische Bürger in Salzkotten
Von Simone Flörke
Salzkotten. Solch ein Forum habe er bei seinen Aktionen noch nicht gehabt: Das sagte der Kölner Künstler Gunter Demnig gestern Morgen im Rathaus Salzkotten angesichts der vielen Kinder und Jugendlichen. Diese wollten dabei sein, als Demnig in der Sälzerstadt die Stolpersteine vor den Wohnhäusern der ehemaligen jüdischen Mitbürger verlegte. Eine Erinnerung und Mahnung zugleich.
Dicht drängten sich die Schüler auf dem Marktplatz um Demnig und Bürgermeister Michael Dreier, als diese mit Schaufeln und Eimer vor dem Haus an der Marktstraße 11 niederknieten, einige der kleinen Pflastersteine herausnahmen. Dort ließen sie drei der zehn mal zehn Zentimeter großen Stolpersteine in den Boden ein. Jede versehen mit einer gravierten Messingplatte mit dem Namen des ehemaligen Bewohners: Isaak, Paul und Sara Auerbach lebten dort, bevor sie 1942 nach Theresienstadt deportiert und im selben Jahr im Konzentrationslager Treblinka ermordet wurden. Anschließend legten die Kinder auf jeden Stolperstein eine rote Rose.
Insgesamt 28 Steine fanden auf diese würdige Weise an neun verschiedenen Stellen ihren Platz inmitten der Stadt, in der einst eine große jüdische Gemeinde lebte. 1863 waren es 143 Personen, 1933 22 Familien, am 10. November 1938, als die Sälzer Synagoge brannte, 56 Menschen. "In Salzkotten endete eine über Jahrhunderte währende jüdische Geschichte, die bis ins Jahr 1650 zurückreichte", erinnerte Dreier. Er sprach von den bislang über 19.000 verlegten Stolpersteinen in 425 Städten in Deutschland sowie im angrenzenden Europa als dem "weltweit größten dezentralen Mahnmal des Holocaust". Sie seien eine "dauerhafte Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit".
Demnig betonte das Schicksal der einzelnen Menschen, das mehr bewege als die abstrakte Zahl von sechs Millionen Toten. Für die Enkelgeneration, so hat er die Erfahrung gemacht, seien diese Stolpersteine keine Grab-, sondern Schlusssteine, die es ihnen ermöglichen, das Land ihrer Großeltern wieder zu besuchen. Die Erinnerung werde "blank poliert, wenn man darüber geht. Ein Schüler sagte einmal zu mir, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen." Zudem müsse der, der den Stein entdecke und lesen wolle, eine Verbeugung machen.
Stolz und Freude seien zu diesem Anlass nicht die richtigen Worte, sagte Dreier. Er sei "sehr froh", dass auf diese Weise auf das Schicksal der Juden in Salzkotten hingewiesen werde. Durch die Steine werde Geschichte erfahrbar und erlernbar – ganz besonders für die jungen Menschen. Mit fünf Klassen war die Liborius-Grundschule dabei, hinzu kamen die Realschüler. Beide Schulen haben Patenschaften für Steine – jeder kostet 95 Euro – übernommen: Die Grundschule für den für Isaak Auerbach, die Realschule für Bertha Kleeberg. Elisabeth Kloke-Kemper vom Mitinitiator der Aktion, dem Verein Judentum in Salzkotten, überreichte den Schulleitern Thekla Tuschen und Ulrich Fahle sowie den beiden Grundschullehrern Heinrich Evens und Michael Schlender Bilder der beiden.
Außerdem gab es eine dicke Mappe an Informationen über jedes Schicksal und ein Tuch – denn eine solche Patenschaft müsse gepflegt werden, betonte die Vorsitzende. Sie sagte auch, dass es wohl nicht bei der Anzahl von 28 Stolpersteinen in Salzkotten bleiben werde: Denn auch den drei Überlebenden, dem Ehepaar Speier und Sally Katz, sollen Steine gewidmet werden.
Für jedes Opfer der Nazis
Aus dem Jahr 1993 stammt die Idee von Gunter Demnig zur Stolperstein-Projekt. "Ein konzeptionelles Kunstwerk, das eigentlich für die Schublade gedacht war", sagte er gestern in Salzkotten. Ein evangelischer Pfarrer in Köln habe ihn dann darin bestärkt, dieses in die Realität umzusetzen. Neben Deutschland, Österreich, Ungarn, Tschechien, den Niederlanden oder Frankreich steht nun auch ein Flug Richtung Kiew an. Ein weiterer Stein wird in Oslo für einen getöteten Sportler verlegt. Grundsätzlich seien die Steine Erinnerungen an alle Opfer der Nationalsozialisten.
Bildunterschrift: Dicht gedrängt: Künstler Gunter Demnig (mit Hut) und Bürgermeister Michael Dreier (daneben) haben vor dem Haus an der Marktstraße 11 die normalen Pflastersteine herausgenommen und verlegen dort drei mit Messingplatten versehene Stolpersteine als Erinnerung an Isaak, Paul und Sara Auerbach. Antonia, Kerstin und Andreas (v. l.) aus der Grundschule schauen zu und legen dann Rosen darauf.
Bildunterschrift: Würdige Erinnerung: 28 dieser Stolpersteine fanden gestern in Salzkotten ihren Platz in der Stadt.
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