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Deister- und Weserzeitung , 06.06.2008 :

Arbeiten im Herzen des Atomkraftwerks / Große Revision in Grohnde beschäftigt 1.800 Techniker / Ultraschallprüfung im Druckbehälter

Grohnde (ul). Viele kleine Pensionen und Hotels von Bad Pyrmont über Hameln bis Bodenwerder waren in den vergangenen Wochen ausgebucht – von 1.800 Technikern für die große Revision im Atomkraftwerk Grohnde. "Diesmal handelt es sich um eine Zehn-Jahres-Revision mit einem Stillstand von vier Wochen. Bei den sonst jährlichen Revisionen schalten wir nur 14 bis 16 Tage ab", sagt der technische Geschäftsführer Walter Böwing. Der Stillstand wurde auch genutzt, um von den 193 Brennelementen 48 verbrauchte auszutauschen. Sie kühlen jetzt fünf Jahre im Abklingbecken ab. Je 19 von ihnen werden dann in einem Castorbehälter im Zwischenlager auf dem AKW-Gelände eingelagert. Sechs Castoren befinden sich bereits dort. Ein Brennelement besteht aus 236 uranangereicherten Brennstäben – sie sind die Energiequelle des Kraftwerks.

Ins Herz der stillgelegten Anlage dürfen nur Techniker mit Strahlenpass: "Solange viele Rohrleitungen und der Reaktordruckbehälter offen sind, besteht die Gefahr, kleinste Strahlenteilchen über Haut oder Lunge aufzunehmen", erläutert Böwing. Jeder Techniker, der im Reaktorgebäude aus- und eingeht, muss eine Body-Counter-Strahlenmessung vor und nach der Revision über sich ergehen lassen. Sollte der festgelegte Jahresgrenzwert erreicht werden, würden sie für Arbeiten in diesem Bereich gesperrt. Drei parallele Ausgangsmonitore am Kontrollbereichszugang dokumentieren eine eventuelle Kontamination (radioaktive Verschmutzung). "Die höchste Strahlenbelastung besteht in der Nähe des Reaktordruckbehälters und des Dampferzeugers. Dort darf nur für eine begrenzte Zeit gearbeitet werden. Da muss aber in der Regel niemand hin", erläutert Böwing.

Routiniert folgt jeder Techniker im Team dem detailliert durchgeplanten Arbeitsablauf an Pumpen, Armaturen und Behältern. So wird im Primärkreis am Reaktordruckbehälter diesmal die alle fünf Jahre vorgeschriebene Ultraschallprüfung durchgeführt. "Bei der Dampferzeuger-Heizrohrprüfung werden alle Heizrohre auf Wanddicken und Schwächen mit Ultraschall geprüft. Es gab keinerlei Befunde", berichtet Böwing. Auch die Wirbelstromprüfung an den Steuerelementen verlief ohne Befunde. Die Männer sind sich der hohen Verantwortung ihres Prüf-Jobs bewusst: Ihre Arbeit dient nicht nur der eigenen Sicherheit, sondern der aller Bürger. Mitarbeiter von TÜV und Umweltministerium überprüfen noch vor Ort die erhobenen Daten.

Generatorlager ausgetauscht

Die von den Brennstäben erzeugte Hitze wird über einen Dampferzeuger auf einen zweiten Wasserkreislauf übertragen und treibt so die Turbinen und den Generator an. "Bei der Prüfung des Dampferzeugers ist diesmal eine von drei Messstellen nicht angesprungen", berichtet Böwer. Das sei das einzige Problem bei dieser Revision gewesen. Über diesen "Fehler der elektronischen Baugruppe" wurde bereits in der Dewezet berichtet. Im Nachhinein habe sich aber herausgestellt, dass dies kein meldepflichtiges Ereignis gewesen sei.

Im Maschinenhaus sind die Techniker permanent in Bewegung. Alle acht bis zehn Jahre werden der Generator und die drei metallenen Läufer der Turbinen ausgebaut, um auch die Lager zu kontrollieren. "Bei der Ultraschallprüfung eines Generatorlagers stellten wir fest, dass sich Weißmetall, eine Blei-Zink-Legierung, vom Stahlkörper gelöst hatte. Das Generatorlager wurde ausgetauscht", sagt Paul Heinz Heider. Er koordiniert die Arbeitsschritte der 80 Siemens-Techniker im Turbinenhaus. Männer in grauen Arbeitsanzügen liegen auf der Generatorachse und bauen eine Impulsleitung wieder in ein Turbinen-Lager ein. Diese Leitungen kontrollieren die Dichthalterungen, damit der Öldruck der Turbinen konstant bleibt. Denn der von den uranhaltigen Brennstäben des Primärwassers erhitzte Wasserdampf des Sekundärkreislaufes bringt mit einem Druck von 70 bar die riesigen Turbinen in Schwung, die den Dynamo zur Stromerzeugung antreiben. Ein dritter Wasserkreislauf aus der Weser kühlt das Sekundärwasser wieder herunter, der Dampf des Sekundärkreislaufes wird im Kondensator zu Wasser verflüssigt und zum Dampferzeuger zurückgeführt. Kontrolle auch hier, denn "Messstellen überprüfen den Kühlwasserauslauf auf Radioaktivität", wie Walter Böwing erläutert.

100 Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma gewähren nur nach Hinterlegung von Ausweis und Sicherheitsüberprüfung Eintritt in die Kraftwerk-Trutzburg. Das gilt auch für die Techniker, die die Abtropflamellen in den beiden Kühltürmen von Algen befreien und defekte Lamellen auswechseln. "Wie eine zum Himmel geöffnete Kathedrale" wirkt der 146,5 Meter hohe Kühlturm von innen auf Claus Sievert, den Leiter der internen Kommunikation des Kraftwerks Grohnde. Seit 24 Jahren verdampft hier die Restwärme mithilfe der Kühlung durch das Weserwasser – weithin sichtbar als Dampfwolken. Warme Sommer schaffen dabei Probleme: Steigt die Temperatur der Weser auf 26 Grad, kann das Kraftwerk nicht mehr die volle Leistung fahren. Deshalb läuft derzeit ein Antrag auf Nutzung von Weserkühlwasser bis 28 Grad, wie e.on-Sprecherin Dr. Petra Uhlmann berichtet.

Hält die Bundesregierung am Ausstiegsplan für Atomenergie fest, beträgt die Restlaufzeit für das AKW Grohnde noch genau zehn Jahre. Dann wäre dies eine der letzten großen Revisionen vor dem KKW-Rückbau gewesen.

Bildunterschrift: Ein Blick, der für Außenstehende nur selten zu erleben ist: Vom Boden eines Kühlturms in den Himmel. Ist das Atomnkraftwerk in Betrieb, steigt hier das verdampfende Wasser auf.

Bildunterschrift: Revisionsarbeiten im Atomkraftwerk Grohnde. Spezialisten überprüfen die Achse des Hauptgenerators und montieren eine Impulsleitung.


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