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Deister- und Weserzeitung , 27.05.2008 :

"Es gibt die Pflicht, den Bückeberg zu erhalten" / Neue Diskussion um den Denkmalschutz / Historiker erneuern Forderung – Gemeinde hält sich zurück

Emmerthal (cb). Dass es bald Fortschritte beim Thema Denkmalschutz am Bückeberg in Emmerthal geben könnte, damit hatte der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom so bald nicht gerechnet, obwohl er genau dies seit Jahren fordert. Als er jedoch jüngst seine Ausstellung über die Reichserntedankfeste von 1933 bis 1937 schließlich in der Aerzener Domänenburg eröffnete, hatte ihm kurz zuvor Dr. Henning Haßmann vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege angedeutet, dass er Optimismus für die seit Jahren auch von vielen anderen Historikern erhobene Forderung wecken könnte. "Es gibt Signale, dass der Denkmalschutz für den Bückeberg doch noch in kurzer Zeit verwirklicht wird", freute sich deshalb Gelderblom bei der Ausstellungseröffnung, zu der auch Haßmann gekommen war, der sich dabei aber im Hintergrund hielt. Allerdings: Innerhalb weniger Tage war der Optimismus verflogen.

Ein neuer Sachstand liege nicht vor, hieß es vor wenigen Tagen aus dem zuständigen niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur auf Nachfrage unserer Zeitung. Kein definitives Nein, wie Pressesprecher Kurt B. Neubert nach Rücksprache mit Minister Lutz Stratmann betont. Das Thema werde weiter behandelt und geprüft – eine endgültige Entscheidung sei nicht gefallen. Hintergrund, dass diese Frage seit 2003 offengeblieben sei, so Neubert: Die Gemeinde Emmerthal habe der Absicht, das Areal unter Denkmalschutz zu stellen, widersprochen, um am Bückeberg ein Baugebiet ausweisen zu können. "In dieser Dissenssituation" sei im Ministerium deshalb noch nichts entschieden worden. Das Landesamt für Denkmalpflege werde, so Neubert, mit der Gemeinde im Gespräch bleiben. Weiter abwarten also. Zwischen Dr. Haßmann vom Landesamt und Bürgermeister Andreas Grossmann hatte es zuletzt im Februar einen Ortstermin in Emmerthal gegeben.

Baugebiet auf dem ehemaligen NS-Areal?

Der Bückeberg genieße schon den "Schutz des Gesetzes", obwohl er noch nicht in einer Denkmalliste aufgeführt sei, erläutert Dr. Haßmann. "Von einem hohen historischen Dokumentationswert" spricht der Denkmalpfleger, von "einem kulturellen Erbe als Schutzgut". Eine Bebauung "würde es auslöschen". Gestern machte Dr. Haßmann im Ministerium deshalb erneut auf den hohen Stellenwert des Geländes in Hagenohsen aufmerksam. Nun glaubt er, dass doch noch bald Bewegung in das Verfahren kommt. Dr. Haßmann kündigte gestern an, dass er "in Kürze" ein Gespräch mit Minister Stratmann dazu haben werde. Mit dabei sein solle die Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten und damit indirekt das Kultusministerum.

Bürgermeister Grossmann will bei dem Thema Denkmalschutz keine Blockadehaltung aufbauen, sondern "behutsam" daran gehen – wohlwissend, wie "schwierig" dieses Kapitel und wie groß der Widerstand in Emmerthal ist. Allerdings sieht er sich nicht unter Zugzwang. Die letzten Kontakte mit dem Land hätten vor zwei Jahren noch unter seinem Vorgänger stattgefunden. "Seitdem ist nichts passiert", so Grossmann, obwohl das Ministerium damals angekündigt hätte, die Gemeinde um Stellungnahme zu bitten. Trotzdem: Die Diskussion ist wieder auf der Tagesordnung, auch wenn die Gemeinde keinen entscheidenden Einfluss darauf haben wird. Der Verwaltungsausschuss des Rates befasst sich am 5. Juni in nichtöffentlicher Sitzung mit dem Thema Denkmalschutz. "Allerdings gibt es nichts zu beschließen", so Grossmann. Ihm persönlich schwebe schon vor, die Frage des Bückeberges in Emmerthal aufzuarbeiten. Vielleicht in Form eines wissenschaftlichen Symposiums vor Ort, wie es das Ministerium selbst einmal vorgeschlagen habe, so Grossmann, der noch einmal daran erinnert, dass die Gemeinde im Kernbereich, abgesehen vom Bückeberg als mögliches Baugebiet, keine Erweiterungsmöglichkeiten habe.

"Ich bin ein großer Befürworter, sich gegen das Vergessen einzusetzen", meint der Bürgermeister über den Umgang mit der NS-Vergangenheit. "Die Frage aber ist das Wie." Zumindest will sich die Politik mit der Geschichte vor Ort befassen, obwohl es derzeit keine Signale für ein Umdenken gibt. Die Emmerthaler SPD im Rat hat für den 4. Juni eine Führung mit Bernhard Gelderblom durch die Ausstellung in Aerzen gebucht, Fraktionsvorsitzende Ruth Leunig hat dazu auch die anderen Fraktionen eingeladen. Ausgang offen.

Emmerthal trägt besondere Verantwortung

Durch seine Arbeit hat Rolf Keller von der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten mit Sitz in Celle oft mit Widerstand vor Ort zu tun – zuletzt in Bergen-Belsen. "Und dort sind die Berührungsängste natürlich noch größer gewesen", meint er über die Stichworte KZ und Massensterben, die mit diesem Namen verbunden sind. Informieren, um Vertrauen werben, Konzepte entwickeln – das sind Punkte, die in Bergen-Belsen geholfen haben, die in Emmerthal beitragen könnten, den Denkmalschutz zu fördern, wie er hofft. Die Emmerthaler seien ja "nicht verantwortlich für die Ereignisse am Bückeberg, stehen aber in der Verantwortung, dass er als ein Teil Geschichte nicht in Vergessenheit gerät". Die in Emmerthal geäußerte Sorge, der Bückeberg könne Wallfahrtsort für Neonazis werden, kann Keller nicht teilen. "Neonazis und Erntedankfest – das passt nicht", glaubt er. Da gebe es andere Thingplätze oder beispielsweise die Externsteine bei Detmold, die eine ganz andere Bedeutung für sie hätten. Und ein Baugebiet an diesem geschichtlich wichtigen Ort, zu dem bis zu einer Million Menschen zum Reichserntedankfest strömten? "Wenn man sich klarmacht, welche Bedeutung hinter dem Bückeberg steckt, dann wird sich in den politischen Gremien die Meinung durchsetzen müssen, dass das nicht geht", meint Keller. Der Bückeberg sei die Kehrseite zu Bergen-Belsen, zeige auf, wie die NS-Führung versucht habe, kirchliche Feste zu vereinnahmen, die Menschen zu manipulieren und hinter sich zu scharen, während mit den Konzentrationslagern der Terror verbunden sei. "Es gibt auch eine Pflicht, den Bückeberg zu erhalten", meint er über die historische Bedeutung hinaus. Eine Forderung, die bereits im Jahr 2002 bei einem Symposium der Landeszentrale für politische Bildung in Hameln erhoben worden ist.

So sah dies vor sechs Jahren auch Dr. Volker Dahm, Wissenschaftlicher Leiter der Dokumentation Obersalzberg in Berchtesgaden, und das, obwohl er der Auffassung ist, nicht an jeder Stätte der NS-Geschichte eine Gedenkstätte oder Ausstellung einzurichten. Und an dieser Meinung hat sich für ihn nichts geändert: Den Bückeberg als Ort der zentralen Massenfeste und wegen der Bedeutung aus Sicht der NS-Landschaftsarchitektur gelte es zu erhalten, erneuerte er seine Ansicht. Dabei gehe es nicht darum, dort vor Ort ebenfalls ein Ausstellungsgelände einzurichten. Aber der Bückeberg sei eines von nur zwei Objekten der Landschaftsarchitektur, die aus der Zeit des Nationalsozialismus bestünden, so Dr. Dahm. Das weitere sei das Areal der Ordensburg Vogelsang in der Eifel, bislang das einzige Landschaftsdenkmal aus dem Dritten Reich und ebenfalls von Albert Speer geschaffen. Der Nationalsozialismus sei nicht nur mit Schlagworten wie Gewalt und Repression verbunden, sondern auch mit der "theatralischen Inszenierung" der Machthaber, um die Mehrheit hinter sich zu bringen.

Positive Erfahrungen am Obersalzberg

Dr. Dahm ist sich der Probleme in Emmerthal bewusst – und kennt sie aus eigener Erfahrung mit dem 1999 eingeweihten Dokumentationszentrum Obersalzberg am früheren Feriendomizil Hitlers, nach 1933 zum zweiten Regierungssitz neben Berlin ausgebaut. Die Widerstände seien groß gewesen in der lokalen und regionalen Politik, als die ersten Ideen aufgekommen seien. Dennoch sei die Entscheidung vom Freistaat Bayern getroffen worden, bevor dann das Münchener Institut für Zeitgeschichte, ebenfalls unter Leitung von Dr. Dahm, mit der Umsetzung beauftragt wurde. "Sehr umstritten", so fasst er die damalige Diskussion im Vorfeld zusammen, erinnert an Äußerungen wie "Nestbeschmutzung". Heute solle der "Erfolg nun viele Väter haben", verweist der Historiker darauf, dass statt der prognostizierten 30.000 bis 40.000 Besucher jährlich im Vorjahr 176.000 Gäste aus aller Welt im Dokumentationszentrum gezählt wurden. "Alle seriösen Parteien stehen heute dahinter", die vor allem eine wichtige Erkenntnis gewonnen hätten, so Dr. Dahm: Früher sei Berchtesgaden international als "braunes Nest" gesehen worden – durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte habe der einstige NS-Ort nun ein positives Image weltweit gewonnen.

Bildunterschrift: "Kulturelles Erbe als Schutzgut": Dr. Henning Haßmann vom Landesamt für Denkmalpflege (links) und Bernhard Gelderblom bei der Ausstellung in Aerzen über die Reichserntedankfeste vor einem Foto mit Hitler am Emmerthaler Bückeberg. Das Areal in Hagenohsen ist auf dem Luftbild in seinen Grundzügen noch deutlich zu erkennen.


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