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Gütersloher Zeitung / Neue Westfälische ,
27.03.2006 :
Proteste bleiben friedlich / 150 Neonazis bringen 3.000 Demonstranten auf die Beine / Polizei setzt auf Deeskalation
Von Rainer Holzkamp
Gütersloh. Hauptbahnhof, Gleis 1: Während sich Samstagmittag gegenüber auf dem ZOB annähernd 2.000 Menschen versammelt haben, um gegen rechtsextreme Positionen Flagge zu zeigen, läuft um 11.45 Uhr die Westfalenbahn aus Bielefeld ein. Ohne jeden Laut steigen rund 50 junge Leute, überwiegend schwarz gekleidet und Kapuzen über den Kopf gezogen, aus dem Zug.
Die Polizei, die die Teilnehmer des Neonazi-Aufmarschs eigentlich aus der Gegenrichtung erwartet hatte, geleitet die Gruppe außen herum über den Bahnsteig zum abgesperrten Versammlungsraum auf der Kaiserstraße. Dann passiert, was auch die Polizei nicht erwartet hatte.
"Nazis raus! Nazis raus!", skandiert die Gruppe, die jetzt ihre wahre, ihre antifaschistische Identität zu erkennen gibt, in Richtung der bislang eingetroffenen zwölf Rechtsextremen. Kreativen, phantasievollen Protest hatte das Antifa-Bündnis "Courage gegen Rechts" im Vorfeld angekündigt. In diesem Moment ist klar, was damit gemeint war.
"Hut ab, das war pfiffig", kommentiert der erfahrene Einsatzleiter vor Ort, Polizeirat Volker Lange (44) aus Köln, die Aktion, während seine Kollegen die Gegendemonstranten zurückdrängen und durch den Hauptausgang nach draußen bringen.
Kurz darauf startet die Antifa einen zweiten Versuch, sich unter die Rechten zu mischen. Ziel ist es, damit die Neonazis so zu provozieren, dass sie gewalttätig werden und die Einsatzleitung den Aufmarsch auflöst. Doch diesmal hat die Polizei, die seit dem Morgen die Innenstadt mit insgesamt mehr als 1.000 Kräften aus ganz NRW und zahlreichen Fahrzeugen in eine Festung verwandelt hat, die Aktion rechtzeitig durchschaut.
Kurz darauf eskortieren die Beamten die inzwischen mit dem Zug aus Hamm eingetroffenen Neonazis nach draußen – unter ihnen der Anmelder des Aufmarsches Christian Menzer (26), genannt "Ossi", aus Verl sowie Axel Reitz aus Pulheim (24), einer der führenden Aktivisten des rechtsextremen Netzwerks der "Freien Kameradschaften" in Westdeutschland.
Nacheinander müssen sich alle 157 Teilnehmer einer Durchsuchung in einem eigens als Schleuse errichteten Zelt unterziehen. Die Polizei kontrolliert dabei die Einhaltung der strengen Auflagen. "Entwürdigend", schimpft Reitz.
Die langwierige Überprüfung führt mit dazu, dass sich der Zug der Neonazis, die überwiegend aus Hamm und dem Ruhrgebiet kommen, mit einiger Verspätung erst gegen 14 Uhr in Bewegung setzt. Die Gegendemonstrationen an der Strecke verlaufen weitgehend friedlich. Allerdings fliegt am ZOB zunächst eine Billardkugel, einige Meter weiter am Stohlmannplatz werfen Jugendliche hinter der Absperrung Bierflaschen.
Noch brenzliger wird die Lage vor der Kreuzung Carl-Bertelsmann-Straße/Verler Straße. Denn rund 70 Demonstranten aus dem linken Spektrum ist es gelungen, die Straße zu blockieren. Die Polizei verzichtet jedoch überraschend lange darauf, einzuschreiten und beschränkt sich auf Aufforderungen, den Weg frei zu machen. Einsatzleiter Lange setzt auf Verhandlungen, Lutz Dönhoff von der Technischen Einsatzeinheit Köln, der Mann im Lautsprecherwagen, beweist durchaus Humor ("Leute, ihr seid doch schon ganz durchnässt und wollt doch auch nicht bis heute Abend hier stehen") und trägt ebenfalls dazu bei, dass die Situation nicht eskaliert. Die Demonstranten denken ebenfalls an die andere Seite und fordern im Chor "Samstags frei – für die Polizei."
Nach anderthalb Stunden, hat die Geduld der Beamten allerdings ein Ende. Die Demonstranten werden weggeschoben oder -getragen. Ein Mann wird vorläufig festgenommen.
Einige Meter weiter kommtes zu einem überraschenden Zwischenstopp. Reitz bietet den Gegendemonstranten das Mikrofon der Rechten an. Chris (24 ) aus Bielefeld nutzt die Gelegenheit und sagt: "Jede Minute, die Ihr nicht redet, ist eine gute Minute". Auch Michael Hansmayer (38) wagt sich gemeinsam mit seinem Sohn nach vorn: "Eigentlich sollte man denken, dass alle aus der Geschichte gelernt haben. Leider scheint das bei euch nicht der Fall zu sein."
Kurz darauf kommt es zu einer weiteren Blockade, die schneller aufgelöst wird als die erste. Wieder läuft das friedlich ab. Dann geht der Zug auf einer stark verkürzten Route ohne weitere Zwischenfälle zurück zum Bahnhof. Um 17.35 Uhr erklärt der Anmelder die "Veranstaltung für beendet" – nicht ohne zu drohen: "Wir kommen bald wieder."
Am Ende des Tages zieht die Polizei Bilanz: 3.000 Menschen, beteiligten sich demnach an dem Aktionstag, wobei es zwischen den verschiedenen Veranstaltungen regelrechte Wanderungen gegeben habe. Auf der zentralen Kundgebung vor der Martin-Luther-Kirche wurden 500 Teilnehmer gezählt.
Es gab 105 Platzverweise für Gegendemonstranten. 13 von ihnen wurden wegen Sachbeschädigung oder Widerstand gegen Polizeibeamte in Gewahrsam genommen. Ein Teilnehmer des Neonazi-Aufmarsches wurde angezeigt, weil der den "Hitlergruß" zeigte.
Und das Fazit von Einsatzleiter Volker Lange: "Es gab keine Verletzten, das ist die Hauptsache. Wenn das überall so ablaufen würde wie in Gütersloh, wäre ich zufrieden."
lok-red.guetersloh@neue-westfaelische.de
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